Der Ausverkauf von Lissabon

In Lissabon herrscht eine veritable Wohnungskrise
In Lissabon herrscht eine veritable Wohnungskrise(c) Emanuele Siracusa

Lissabon hat eine veritable Wohnungskrise. Die Miet- und Eigentumspreise sind explosionsartig angestiegen. Während Touristen und Ausländer die Stadt fluten, können sich viele Lissabonner ihre Heimat nicht mehr leisten.

Für Alex Carvalho lief es nicht so wie geplant. Dabei konnte er sich keine Vorwürfe machen. Mit seinen 29 Jahren hat er einen guten Job bei einer internationalen Unternehmensberatungsfirma, er verdient deutlich mehr als ein durchschnittlicher Portugiese. Carvalho hat ein abgeschlossenes Studium, ein gesichertes Einkommen, keine Schulden, eine Freundin und ist kinderlos. Und trotzdem stand er Anfang Jänner 2019 wieder mit seinen Koffern in seinem 15 Quadratmeter großen Kinderzimmer in der Wohnung seiner Eltern in Linda-a-Velha, einem Ort an der Stadtgrenze von Lissabon.

Es war ihm nicht möglich gewesen, eine passende Mietwohnung in Lissabon und Umgebung zu finden. Aus seiner alten war er hinausgeworfen worden: Sein Mietvertrag war überraschend gekündigt worden, nachdem der Besitzer, eine große Versicherungsfirma, seine und Hunderte andere Wohnungen verkauft hatte. Da stand er also wieder: Vor ihm das buchenhölzerne Bett, der Kasten aus dem gleichen Holz, die alte Bettwäsche, der vertraute Geruch seiner Kindheit. „Darauf war ich nicht vorbereitet“, sagt er heute. Doch so wie ihm geht es seit einiger Zeit nicht wenigen in Lissabon. Viele Portugiesen haben ihre Mietwohnung verloren, haben Probleme, eine neue zu finden oder können sich ihre bestehende nicht mehr leisten. Nicht nur in Lissabon, sondern auch in Porto ein bisschen nördlicher oder im südlichen Faro an der Algarve. Und es ist kein Ende in Sicht.

Wer dieser Tage durch Lissabon marschiert, wird die Stadt nicht mehr wiedererkennen. Massen an Touristen strömen durch die Innenstadt. Vor den Geschäften und den Touristenattraktionen gibt es lange Schlangen. Die Straßen sind überfüllt mit Menschen, die eine Kamera um den Hals tragen oder ihre Koffer über das Kopfsteinpflaster rollen. Die Innenstadt ist voll mit schicken Hipster-Cafés und stylischen Restaurants, und rund um Sehenswürdigkeiten werden in rollenden Verkaufswagen Kaffee, Caiprinhas-to-go und Fruchtsäfte angeboten. Das Bild der romantisch verträumten Stadt am Ufer des Tejo, in der man für 60 Cent einen erstklassigen Espresso bekommen konnte und am Abend durch die vollen Gassen des Barrio Alto wanderte, verblasst immer mehr. Doch der Boom hat seinen Preis. Die Goldgräberstimmung in der Stadt frisst bildlich gesprochen ihre Bewohner.

Mit Touristen lässt sich mehr Geld verdienen

Die vielen Touristen und Ausländer, die es in die Stadt zieht, haben eine veritable Wohnungskrise ausgelöst. Hunderttausende Wohnungen werden von ihren Besitzern lieber auf Airbnb kurzzeitig um durchschnittlich 80 bis 100 Euro die Nacht vermietet, anstatt sie den Einheimischen zu leistbarer Miete zur Verfügung zu stellen. Fast ganze Straßenzüge in der inneren Stadt sind mittlerweile auf Airbnb oder anderen Shortterm-Rental-Seiten wie booking.com zu finden, erzählen Anrainer. Mit den kaufkräftigen Touristen aus dem Ausland lässt sich eben mehr Geld verdienen als mit den Portugiesen, deren Nettolohn im Durchschnitt laut Eurostat bei 800 Euro pro Monat liegt.
 
Das hat Konsequenzen. Die Wohnungspreise sind in den vergangenen Jahren explosionsartig in die Höhe geschossen. Sowohl bei Mieten als auch beim Kauf. Allein von 2017 auf 2018 ist der durchschnittliche Kaufpreis von neugebauten Wohnungen laut dem Deloitte Property Index in Lissabon um rund 16 Prozent auf rund 3500 Euro pro Quadratmeter gestiegen. Zum Vergleich: Die Wiener Preise stiegen im selben Zeitraum um 1,5 Prozent auf 4200 Euro.

Der durchschnittliche Mietpreis liegt in Lissabon laut portugiesischem Statistikamt bei 11,6 Euro. 2017 lag er noch bei 9,62 Euro pro m2. Das bedeutet einen Anstieg von 20 Prozent innerhalb eines Jahres. 

Und der Trend wird sich laut der 2019 erschienenen „Emerging Trends in Real Estate“-Studie des Unternehmensberatungsinstituts PricewaterhouseCoopers und dem Urban Land Institute weiter fortsetzen. Dort liegt Lissabon auf Platz eins vor Berlin und Dublin. 2018 lag die Stadt noch auf Platz zehn. „Portugals Wirtschaft wächst gesund, und seine Hauptstadt ist nun eine internationale Anlaufstelle für Firmen, Investoren und Touristen“, heißt es dort.

Vom Rest der Welt entdeckt

Chinesen, Brasilianer, Russen und Europäer drängen jetzt in die Stadt, die aus mehreren Gründen für die Ausländer attraktiv geworden ist: Der nach der Wirtschaftskrise liberalisierte Wohnungsmarkt hat mit Maßnahmen wie Golden Visas neue Anleger in die Stadt gebracht. Goldgelbe Sandstrände, die Schönheit des Atlantik, der frische Fisch, der süße Portwein und die schwer zu übertreffende Freundlichkeit der Portugiesen haben wiederum die Zahlen der Touristen explodieren lassen. Der Lissaboner Flughafen hatte 2009 noch ein Passagieraufkommen von neun Millionen im Jahr. Zehn Jahre später sind es mit 29 Millionen, dreimal so viele. Doch anders als die Portugiesen haben die neuen Stadtbesucher mehr Geld. Sie können und wollen die 500.000 Euro, die für eine 80-m2-Wohnung im Zentrum Lissabons schnell einmal verlangt werden, zahlen – oder die 1200 Euro Miete für 45 m2 in der gleichen Zone. Das können sich die Portugiesen nicht leisten, die zum Teil weniger verdienen, als Miete verlangt wird. Sie müssen weichen.
 
Seit Monaten gibt es regelmäßig Berichte von Despejos, sogenannten Rauswürfen und Zwangsräumungen. Da werden Mietverträge nicht mehr verlängert, kurzfristig gekündigt oder neue Mieten so stark erhöht, dass sich die vorherigen Mieter die Wohnung nicht mehr leisten können. Das neue, auf Druck der Troika im Jahr 2012 implementierte Mietgesetz macht es möglich. Lissabon hat seit 2011 entgegen dem europäischen Trend rund sieben Prozent seiner Bewohner verloren, so die Rating-Agentur Moodys in einem im Mai 2019 veröffentlichten Report.

Mutter und Sohn in ihrer 70m2-Wohnung. Noch können sie sich diese leisten.
Mutter und Sohn in ihrer 70m2-Wohnung. Noch können sie sich diese leisten.(c) Emanuele Siracusa

Mieten teurer als Gehälter

In Olaias in einem der aufstrebenden Viertel in Lissabon, das durch die Expo 1998 unter anderem mit einer eigenen U-Bahnstation belohnt wurde, lebt Filipa Andrade mit ihrem vierjährigen Sohn, Gonçalo, auf rund 70 m2 im dritten Stock unweit der Metro. Die Wohnung hat sie vor drei Jahren noch günstig bekommen: 430 Euro Miete zahlt sie für ein Wohnzimmer, Küche, Bad und zwei Schlafzimmer. Eines für sich und eines für den Buben. Wer in der Küche steht, blickt über die Lissabonner Skyline. Die vielen Hügel, auf denen die Stadt erbaut ist, machen das möglich. „So eine Wohnung, um diesen Preis“, sagt Andrade, „die bekommt man heutzutage gar nicht mehr.“ Die Wohnung unter ihr kostet bereits das Doppelte, nämlich 800 Euro. Bei gleicher Größe.

Mit kommendem Jahr muss ihr Mietvertrag verlängert werden. Sollte ihre Miete auch auf diesen Betrag erhöht werden, hat Andrade ein Problem. Dabei verdient sie mit 1000 Euro netto über dem portugiesischen Durchschnitt. „Wie soll ich mir das mit einem Kind leisten?“ Schon jetzt bekommt die alleinerziehende Mutter Unterstützung vom Staat. Monatlich muss sie selbst nur 150 Euro an Miete zahlen. Das Programm läuft allerdings nur, bis sie 35 Jahre alt ist, mit kommendem Jahr ist auch das vorbei.
 
Wie es dann weitergehen soll, weiß sie nicht. Eine neue, leistbare Wohnung in Lissabon zu finden, hält sie für unmöglich. „Ich müsste raus aus der Stadt ziehen. Aber weit raus, aufs Land. Das macht mir Angst.“ Andrade streicht sich die braunen, langen Haare aus dem Gesicht. Auch sie ist für portugiesische Verhältnisse nicht arm. Andrade hat ein abgeschlossenes Studium und arbeitet für die Stadt Lissabon. Dort ist sie ironischerweise für Social Housing, also Sozialwohnungen, zuständig. Allerdings funktioniert das System anders als in Österreich. Hier kommen Sozialwohnungen meist einem Ghetto gleich.

„Ich kenne woanders niemanden"

Andrade ist in ihrem Viertel aufgewachsen. Jetzt hat sie das Gefühl, dass sie aus ihrer eigenen Stadt geworfen wird. Denn für sie leistbare Wohngegenden liegen beim typischen Lissabonner Verkehr etwa eine Stunde Autofahrt von der Stadt entfernt. Für sie eine Katastrophe. Andrades eigene Mutter wohnt nur zwei Häuserblöcke entfernt. Sie hilft ihrer Tochter im Alltag. Wenn sie länger arbeiten muss, dann übernimmt ihre Mutter, die schon in Pension ist, den Buben. Auch an diesem Abend entscheidet der Bub kurzfristig, nicht mit Abend essen zu gehen. Ein Anruf bei seiner Großmutter, und das Problem ist gelöst „Wenn er aus der Schule muss, weil er krank ist, dann rufe ich meine Mutter an. Außerhalb Lissabons wird das nicht mehr möglich sein. Ich habe mein ganzes Leben hier gelebt, ich kenne woanders niemanden.“

Trotzdem überlegt sie nun, eine Wohnung auf dem Land zu kaufen anstatt zu mieten. Im Hinterland sind die Wohnungen noch erschwinglich. „Und es ist heutzutage billiger, einen Kredit abzubezahlen, als zu mieten.“ Ob sie einen Kredit bekommen wird, ist freilich fraglich. Und auch, in welcher Gegend sie eine Wohnung kaufen kann. „Ich will nicht in einer Nachbarschaft leben, wo es Probleme gibt rauszugehen.“ Schon allein wegen des Sohns, der dort dann auch in die Schule gehen muss.

Auch die Schwester musste umziehen

Filipa Andrade ist nicht die Einzige, der es so geht. In ihrem Umfeld sind es viele, die die Stadt verlassen haben und nicht mehr dort wohnen können, wo sie wollen. Ihre Schwester hatte etwa mit ihrem Freund eine Wohnung im ebenfalls sehr nachgefragten Algés an der Lissaboner Stadtgrenze gekauft. Nach ihrer Trennung mussten die beiden die Wohnung verkaufen. Filipa Andrades Schwester hätte sich gern eine neue Wohnung in Algés gesucht. Doch die Preise waren zu hoch. Jetzt wohnt sie außerhalb von Lissabon-Stadt in Loures. Dort zahlt sie 480 Euro Miete für 50 m2.
 
Eine andere Freundin von Filipa musste ihre Wohnung in der Lissaboner Innenstadt verkaufen, weil sie eine größere für ihre neu gegründete Familie brauchte. Sie bekam zwar mehr als das Doppelte für ihre alte Wohnung, musste aber für die neue Wohnung nach Camarate (Metropolregion Lissabon) ziehen. „Es ist kein guter Ort, dort gibt es viele Sozialwohnungen“, findet Andrade. In das Viertel, in dem ihre Freundin jetzt wohnt, „gehen die Menschen nur zum Schlafen. Es gibt dort keine Geschäfte, kein Schwimmbad, keine Zugstation. Nichts.“

Ein neuer, teurer Lifestyle

Auch ihre Freundin Maggie, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung sieht, wird Lissabon nun verlassen. Maggie sitzt an diesem Tag im Coworking Space Impact Hub. Die blonden Locken hat sie am Hinterkopf zusammengebunden. Sie spricht akzentfrei Englisch. Maggie ist 33 Jahre alt und war davor ebenfalls bei der Stadt Lissabon angestellt, bis sie ihren Job aufgab, weil sie von einer „gesellschaftsrelevanteren“ Tätigkeit träumte. Jetzt arbeitet sie in drei Jobs gleichzeitig, um über die Runden zu kommen: als Sprachlehrerin für Portugiesisch, Managerin für Social-Entrepreneur-Programme und als Beraterin für Projektevaluation – und hadert mit ihrer Entscheidung. Im Monat kommen so ungefähr 750 Euro zusammen. Früher verdiente sie je nach Monat zwischen 1000 und 1200 Euro. „Es ist frustrierend. Ich habe meinen Job aufgegeben, um mehr in der Welt zu bewegen, aber ich bekomme nicht genug Geld, um das Leben zu leben, das ich davor hatte.“
 
Maggie hat einen Universitätsabschluss und weiß, dass es anderen deutlich schlechter geht als ihr. „Aber ich gehöre zu einer Mittelschicht von jungen Menschen, die nicht mehr genug Geld haben, um ihre Rechnung zu bezahlen. Es macht in meinem Alltag wirklich einen Unterschied, ob ich mir eine Tafel Schokolade kaufe oder nicht.“

„Ich mag nicht, was aus Lissabon geworden ist"

Nun hat sie beschlossen, in Portugals zweitgrößte Stadt, Porto, zu ziehen. Dort sieht es mit den Wohnungen auch schlecht aus. „Aber ich mag nicht, was aus Lissabon geworden ist. Ich habe das Gefühl, die Stadt wird an den höchsten Anbieter verkauft. Und ich rede nicht nur über Wohnungen und Geschäfte. Der Lifestyle, der in der Stadt eingezogen ist, ist nur mehr für reiche Menschen leistbar.“

Sie sieht es Vierteln wie Intendente und dem Platz Martim Moniz im Stadtteil Mouraria. Sie sind innerhalb kurzer Zeit von „Glasscherbenvierteln" zu angesagten Adressen geworden, wo sich Hipstercafés in alte Wohnungen schmiegen, wo der Kaffee mit Herzchen in der Schaumhaube serviert wird und wo es Chiasamen, veganes Essen und sehr viel coole Musik gibt – eine Aufbruchstimmung, die 2011 begann, als Lissabon noch Schmerzen von der Wirtschaftskrise hatte. In dieser Zeit zog António Costa, damals Bürgermeister von Lissabon, mit seinem Kabinett für zwei Jahre nach Intendente, um mit gutem Beispiel voranzugehen und den „Teufelskreis aus Prostitution und Drogenhandel und den Verfall von Häusern zu stoppen“. Der Plan ging auf. António Costa ist heute Portugals Premierminister, und Intendente gehört zu den angesagtesten Vierteln der Stadt. Alte Häuser wurden renoviert, der öffentliche Raum ist stark frequentiert, nichts erinnert mehr an das alte, gefährliche Viertel, in dem man bei Nacht nicht auf der Straße sein konnte. Das ist die gute Seite. Die schlechte ist, wie die Entwicklung dann weitergegangen ist.

Alte Geschäfte verschwinden, teure kommen nach

Die Preise sind auch in Intendente stark gestiegen. 1400 Euro wird auf Wohnungsplattformen wie idealista.pt schon einmal für eine 40-m2-Wohnung verlangt. Doch nicht nur das. Früher spielten Kinder auf dem Martim-Moniz-Platz immer Cricket. Aber die sind nicht mehr da, sagt Maggie. Weil die Häuser alle an Investoren im Ausland verkauft wurden und die alteingesessenen Einheimischen sich die neue Miete nicht mehr leisten konnten. „Geschäfte und Restaurants, die hier schon immer waren, sind jetzt weg.“ Das Casa dos Amigos do Minho etwa, das „Haus der Freunde von Mingos“, das noch zur Zeit der Diktatur entstand. 67 Jahre lang war es ein Ort, wo sich Junge und Alte trafen, „und wo man immer Platz für ein gutes, aber nicht zu teures Abendessen fand“, erzählt Maggie. Das Haus, wurde um zwei Millionen Euro verkauft.

Die neuen Restaurants sind für mehr Besucher ausgelegt. „Der öffentliche Bereich geht zurück, weil alles voll mit Tischen und Sesseln ist“, erzählt Maggie. Übrigens eine Entwicklung, die sich auch in ihrem Viertel abspielt. Das ruft Protest hervor. Zuletzt hat die Stadtregierung einem Projekt auf dem Martim-Moniz-Platz, auf dem Container mit Geschäften aufgestellt werden sollten, eine Absage erteilt.
 
Es ist eine neue Art von Exklusion, die inmitten des aufstrebenden Tourismusmagnets von Lissabon entsteht. „Ich habe nichts gegen Tourismus oder die neuen Europäer. Sie bringen gute Dinge in die Stadt. Aber die kann sich nicht jeder leisten“, sagt sie. „Ich will und kann nicht fünf Euro für einen Kuchen zahlen.“ Preise, die durchaus schon verlangt werden. „Die Stadt akzeptiert nur einen bestimmten Lifestyle, das ist nicht akzeptabel für mich.“ Auch Filipa Andrade merkt den Tourismusboom. „Früher“, erzählt sie, „kannten wir Einheimischen in jedem Viertel ein Restaurant, wo man günstig gut Abend essen konnte. Das geht nicht mehr. Heute braucht man überall Reservierungen und zahlt viel mehr.“ Auch in ihrem Viertel Olaias werden rasend viele Häuser renoviert.

Portugiesen verdienen am Tourismusboom

„Ich verstehe schon, dass jemand sagt, die Stadt ist jetzt hübscher, weil viel investiert wird“, lenkt auch Maggie ein. Ein Freund würde drei Appartements vermieten und hätte nur so die Wirtschaftskrise gut überstanden. Und ihr Cousin managt Airbnb-Appartements für Firmen und hat so seinen ersten Job überhaupt gefunden. „Und er ist wirklich gut darin. Der Tourismus bringt viele Jobs, und das ist okay. Aber es bricht mir das Herz, wenn jedes Appartement für Touristen ist. Hier muss es eine Balance geben.“
 
So denkt auch Alex Carvalho, der im Jänner 2019 wieder in sein Kinderzimmer ziehen musste. Seine Wohnung wurde von der mittlerweile privatisierten ehemaligen staatlichen Versicherungsfirma Fidelidade, einem großen portugiesischen Immobilienbesitzer, an einen amerikanischen Fonds verkauft. Daraufhin wurden die Mietverträge gekündigt. Nicht nur bei ihm, sondern laut Medien bei allen rund 280 Wohnhäusern, die Fidelidade besaß. Rund 1500 Familien sind betroffen, berichten Zeitungen. Für Carvalho hieß das: suchen. Die Wohnungen, die er auf dem portugiesischen Markt zu sehen bekam, waren viel zu überteuert oder in unglaublich schlechtem Zustand. In seiner alten Wohnung zahlte er gerade einmal 750 Euro für 140 m2, im fünften Stock, allerdings ohne Lift, was in Portugal nicht gern gesehen ist. Sie lag in Saldanha, einer der besten Wohngegenden der Stadt. Mittlerweile wird die Wohnung wieder vermietet. Angeblich um den doppelten Preis.

Noch einmal Kinderzimmer?

Seine Eltern, erzählt er, hätten ihn wieder mit offenen Armen zu Hause empfangen. „Die waren wirklich glücklich, und ich dachte mir die ganze Zeit: Himmel, es ist nur vorübergehend.“ Er lacht heute darüber. „Am meisten hat mich gestört, dass ich mich den Regeln von anderen wieder unterordnen muss. Es gibt keinen Platz, der nur dir gehört“, erzählt Carvalho, der dann doch Glück hatte. Kurze Zeit nach seiner Rückkehr hörte er von einer freien Ein-Zimmer-Wohnung um 600 Euro pro Monat im Stadtteil Campolide. Nach einem Monat konnte er die Wohnung seiner Eltern wieder verlassen. In seiner neuen Wohnung ist Carvalho glücklich. Doch die Geschichte könnte sich bald wiederholen. Der Vertrag für seine Wohnung läuft gerade einmal ein Jahr. „Wenn ich jetzt nicht weitersuche, dann wohne ich ab Februar 2020 wieder bei meinen Eltern“, erzählt er. Noch kann er darüber lachen. Aber erleben möchte er das nicht noch einmal.