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Umweltkatastrophe: ... und alles erstickt im Öl

(c) AP (Gerald Herbert)
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Die Ölpest löst an der Küste Louisianas Verzweiflung und Empörung aus. Die schärfste Kritik richtet sich gegen BP. Auch die Obama-Regierung gerät immer stärker ins Kreuzfeuer.


Washington. Wenn Brian Williams, Diane Sawyer und Katie Couric ausrücken, ist dies ein untrügliches Signal, dass die Nation im Banne eines nationalen Ereignisses steht. Die Starmoderatoren der drei großen US-Sender haben ihre Studios in New York verlassen, um hautnah vom Ort des Brennpunkts zu berichten: der Küste Louisianas und dem weitverzweigten Mississippi-Delta.


Einen Monat haben die Amerikaner auf die angekündigte schleichende Katastrophe gewartet, jetzt liefern ihnen die Bilder die Gewissheit: Braunpelikane, die durchs Sumpfgras hoppeln, weil sie nicht mehr abheben können; ihr Gefieder verklebt von Ölschlieren; Helfer, die die Tiere in Käfige stecken, um sie vor dem Erstickungstod zu retten.
Erst vor einem halben Jahr haben die Tierschützer das Wappentier Louisianas von der Liste bedrohter Vogelarten genommen. Nun wird es Symbol für ein Umweltdesaster, dessen Dimensionen noch immer nicht absehbar sind.
Explosives Gemisch


Auf Grand Isle, einer schmalen, dem Marschland vorgelagerten Insel, schwemmen die Wellen mit jedem Stoß die zähflüssige Brühe von krudem Öl an den Strand. Immer tiefer sickert das braune Ölgemisch in die Marsch ein. Säuberungsaktionen scheinen einstweilen aussichtslos. Die Schutzmaßnahmen haben sich teils als nutzlos erwiesen, teils waren manche Gebiete trotz der Vorwarnung völlig unzureichend vorbereitet. Enerviert vom tatenlosen Zuwarten und Herumsitzen versuchten im Bezirk Jefferson Fischer sogar auf eigene Faust, Plastikbarrieren auszulegen und Öl abzuschöpfen.
Überall am Küstenstreifen des Deltas machen sich Verzweiflung und Entrüstung breit. Es braut sich eine explosive Stimmung zusammen, die sich fünf Wochen nach der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko ihrem Siedepunkt nähert. „Es zerreißt mir das Herz", sagt ein Kapitän nach der Rückkehr von einer Inspektionstour auf seinem Boot. Aufgebrachte Bewohner der Ferienkolonie auf Grand Isle haben Schilder in den Vorgarten gerammt: „Schande über BP." „Schande über die Regierung."


In einem ganzseitigen Inserat in der Sonntagsausgabe der „New York Times" war BP bestrebt, den Imageschaden zu minimieren. Doch der Ölmulti hat jeden Kredit verspielt. Innenminister Ken Salazar zweifelte die Sinnhaftigkeit mancher Rettungsaktion mit markigen Worten an. Es verstreiche Frist um Frist. „Ich bin zornig und frustriert. Wir drücken ihnen den Stiefel an die Kehle", sagte er in raubeiniger Cowboy-Manier. „Wenn wir herausfinden, dass sie nicht das tun, was sie tun sollten, werden wir sie in geeigneter Weise aus dem Weg schaffen."
Bobby Jindal, der Gouverneur von Louisiana, wettert, die Regierung müsse das Ruder nun eben selbst in die Hand nehmen. Sie habe dem Treiben zu lange zugesehen. Admiral Thad Allen, der Regierungskoordinator des Katastropheneinsatzes, musste indes konzedieren, dass nur BP über die Technologie verfüge, das Leck zu schließen. Das Hilfsangebot des Paria-Staates Iran, eigenes Gerät zur Verfügung zu stellen, empfand Washington nur als Häme.

 

Zerrüttetes Vertrauensverhältnis


Indes klang Allens Aussage, wonach sein Vertrauen zu BP ungebrochen sei, wie eine Beschwörung denn wie eine Versicherung. Die Empfehlung der Umweltbehörde in Washington, im Kampf gegen die Ölpest schwächere Chemikalien einzusetzen, negierte BP. Das Eingeständnis des Ölkonzerns, nur einen Bruchteil des ausfließenden Öls einzufangen, schwächte die Glaubwürdigkeit nur noch weiter. Vor dem Versuch, das Leck mittels eines Schlammbombardements zu stopfen, dämpfte BP die Erwartungen.


Immer stärker rückt freilich auch die Regierung ins Kreuzfeuer. Umweltschützer kritisieren die Obama-Regierung, weitere Bohrlizenzen im Golf von Mexiko auszustellen. „New York Times"-Kolumnist Thomas Friedman ätzte an der verfehlten Umwelt- und Energiepolitik. Und Sarah Palin, die als Proponentin der Öllobby die Parole „Drill, Baby, drill" geprägt hatte, sprach dreist von besonderen Beziehungen Obamas zur Ölbranche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2010)