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Stößt das menschliche Gehirn an seine Leistungsgrenzen?

Das menschliche Gehirn ist das relativ größte unter den Wirbeltieren und mit Abstand am stärksten auf Leistung getrimmt – und daher entsprechend störungsanfällig.

Meine Kolumne vor zwei Wochen endete nachdenklich. Hoher intrinsischer und extrinsischer Leistungsdruck verursacht offenbar auch beim exzellenten wissenschaftlichen Nachwuchs mentale Probleme. Fast könnte man meinen, dass stabile Exzellenzleistungen in der Wissenschaft (und anderswo) heute viel mehr Support benötigen, als früher. Woran mag das liegen?

Ich sagte einmal über den Unterschied zwischen Unis und Wirtschaftsunternehmen, dass erstere „overbrained“ und „undercoached“ seien, letztere eher das Gegenteil. Mit zunehmender Leistungsorientierung an den Unis trifft das aber nicht mehr zu; man schafft auch dort immer mehr individuelle

Coaching- und Unterstützungsmöglichkeiten, nicht weil der akademische Nachwuchs nur noch aus Weicheiern bestehen würde, sondern weil der hohe Leitungsfokus seinen Tribut fordert; die Zeiten des Einzelkämpfertums sind nicht nur im Sport vorbei; auch wissenschaftliche Höchstleistungen brauchen heute nicht nur ein Team von Wissenschaftlern, sondern immer mehr „Servicepersonal“, von den Statistikern bis zu Coaches und Psychologen.

Kann es sein, dass wir im Segment der geistigen Spitzenleistungen langsam die Grenzen des menschlichen Gehirns, bzw. der menschlichen Natur stoßen? Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht, deutet doch die schon lange bekannte Häufung des Aspergersyndroms unter führenden Mathematikern, Physikern und Philosophen darauf hin, dass extreme kognitive Leistungen durch bestimmte mentale Verfasstheiten begünstigt werden können. Generell tut sich das menschliche Gehirn schwer damit, die Balance zwischen Sach- und Sozialorientierung zu halten. Zumal die moderneren Funktionen des Gehirns, auch die Sprache, vor allem im sozialen Zusammenhang entstanden. Zudem integriert es Funktionen aus der 500 Millionen Jahren währenden Stammesgeschichte. Eine Überbetonung der Ratio, also eine „Emanzipation“ des Menschen von dieser seiner Stammesgeschichte muss daher Probleme bereiten – ebenso wie die größenwahnsinnige Illusion der grenzenlosen geistigen Leistungsfähigkeit.

Seit einer Million Jahre nimmt auf dem Weg zum modernen Menschen das Gehirnvolumen stark und stetig zu; Schimpansen bescheiden sich mit etwa 400ccm, Menschen haben fast einen Liter mehr davon. Aber auch die Verschaltungen wurden im Vergleich zu unseren Vorfahren komplexer, die Aktivität der Gene im Gehirn vielfältiger und intensiver. Das menschliche Gehirn ist das relativ größte unter den Wirbeltieren und mit Abstand das am stärksten auf Leistung getrimmte; es ist ein Formel 1-Motor – und daher entsprechend störungsanfällig. Je mehr man spezialisiertes Service Gas gibt, umso stärker. Zumal das Gehirn im Gegensatz zum Formel 1 Motor nicht konstruiert, sondern evolutionär zusammengebastelt wurde; seine Schwachstellen sind daher systemimmanent.

In den komplexen, urbanen Leistungsgesellschaften nehmen mentale Probleme zu. Resilienz entwickeln Menschen übrigens in einer optimalen Kindheit: wenn sie als Babies zuverlässig und sensitiv betreut wurden und wenn sie das Glück hatten, mit genügend Natur und Tieren aufzuwachsen. Mehr dazu und zur möglichen evolutionären Zukunft des menschlichen Gehirns in zwei Wochen. Fortsetzung des Höhenfluges oder Ende der Fahnenstange?

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i.R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2019)