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Der Wettlauf um die gesunde Schuljause

Die Schuljause darf heute nicht zu fett, zu süß und zu fad sein. Sonst droht „Lunchbox-Shaming" wie in den USA.

Wir müssen uns heute sehr viel genieren. Das schlechte Gewissen taucht in immer mehr Lebenslagen auf: Beim Fliegen haben es uns die Schweden vorgemacht, bei der Kleidung hat man mit billiger Wegwerfmode Erklärungsbedarf und beim Essen kann man sowieso sehr viel falsch machen. Das, was früher eine Delikatesse war – das Steak aus Argentinien zum Beispiel – ist heute verpönt. Wer nicht regional und saisonal einkauft, spricht lieber nicht darüber. Und kommen Kinder ins Spiel, ist die Chance, dass andere es besser machen oder zumindest wissen, ohnehin groß.

Das lässt sich sehr gut bei der Frage beobachten, was man den Kindern als Jause für die Schule mitgibt. Denn nicht nur Kinder sind gnadenlos und beurteilen ihre und andere Jausen. Dank der digitalen Medien sind es auch die Eltern, und hier sehr oft die Mütter. In den USA hat sich mittlerweile ein regelrechtes Lunchbox-Shaming entwickelt (siehe Artikel), bei dem Eltern unter dem Druck leiden, dem Kind das Richtige, nämlich eine gesunde, kreative, lustige und optisch ansprechende Jause, mitzugeben. Via Instagram und anderen Kanälen überbieten sich Eltern mit Fotos, die Einblicke in die hübschen Lunchboxes geben. Da werden Babykarotten kleine Augen aufgeklebt, Käse mit Keksausstechern in Form gebracht und Spießchen drapiert.

Wenn man bedenkt, dass die Schuljause in einer einfachen Flasche Milch ihren Ursprung hat, hat sich da einiges getan. Während es zu Beginn des Schulmilchprogramms, in den 1930er-Jahren, schlicht um die Versorgung der Kinder gegangen ist, steht heute die Gesundheit und das Bewusstsein für Ernährung im Mittelpunkt. Unzählige Programme versuchen Kindern zu erklären, woher unsere Lebensmittel kommen, wie sie entstehen und wie Landwirtschaft funktioniert. Gleichzeitig versucht man Kinder (und Eltern) dazu zu motivieren, sich den Empfehlungen entsprechend zu ernähren. Ein hochsensibles Thema, bei dem man penibel versucht, den Zeigefinger zu vermeiden. Denn der kommt besonders beim Essen nicht gut an.

Das musste schon vor Jahren der britische Fernsehkoch Jamie Oliver erleben, als er es wagte, das Schulessen gesünder zu gestalten. Von Eltern, die ihren Kindern über den Zaun Burger mit Pommes reichten, war da die Rede. Auch hierzulande kommt man mit Verboten beim Essen nicht weit. Immerhin hat Essen auch eine starke soziale Komponente und ist symbolisch aufgeladen. Was man isst, sagt auch viel darüber aus, zu welcher Gruppe man sich zugehörig fühlt oder wo man andere einordnet. Man denke etwa an eine Extrawurstsemmel, einen Chiapudding oder selbstgemachte Gemüsemuffins und die Bilder von Personen, die einem dazu einfallen. Es werden unterschiedliche sein, auch wenn viele Menschen alle drei Speisen mögen.

Milk for school children, 1955
Schulmilch hat in beinahe ganz Europa Tradition. In Österreich wurde sie in den 1930er-Jahren eingeführt.(c) HENRY / Mary Evans / picturedesk.com (HENRY)


Gut gemeint ist nicht immer gut

Gemeinsam ist allen Eltern, dass sie ihren Kindern etwas Gutes tun wollen, auch bei der Schuljause. Das wird allerdings höchst unterschiedlich ausgelegt. Für die einen ist es die Süßigkeit, die man als Belohnung oder als Zeichen der Zuneigung mitgibt, für die anderen ist es der gesunde Power-Snack, der dem Kind gut tut, die Konzentrationsfähigkeit fördert und auch noch schmeckt. Auf Letzteres sind Eltern ein bisschen stolz, immerhin hat sich die Mühe, schon von klein auf möglichst viele Geschmäcker aufzutischen, gelohnt.

Wenig überraschend sind es immer noch vorwiegend die Mütter, die für die Jause verantwortlich sind. „Der Schlüsselfaktor bei der Ernährung ist in der Regel die Mutter, das belegen einige Studien“, sagt dazu Manuel Schätzer von Sipcan (Initiative für ein gesundes Leben). Und: Bei rund 80 Prozent der Entscheidungen für Süßigkeiten in der Schuljause wurde diese beim Einkauf von Kindern getroffen. Schätzer bringt dabei den Fachbegriff „adipogenes Umfeld“ ins Spiel. „Es gibt verschiedene Faktoren, warum Kinder übergewichtig sind. Da gehört auch die Industrie dazu. Bei der Zuckerreduktion tut sich derzeit aber einiges.“

Tatsächlich dürften jene Speisen, die Kinder mitgegeben werden, über die Jahre gesünder geworden sein. Laut dem Gesundheitsbericht 2019 des Sozialministeriums konsumierten Schüler in den letzten acht Jahren mehr Obst und Gemüse, dafür weniger Süßigkeiten und Limonaden. Allerdings ist auch die Zahl jener Kinder zurückgegangen, die täglich frühstücken. Schätzer sieht in der vorwiegend positiven Entwicklung auch den Erfolg zahlreicher Maßnahmen in Schulen – vom Jausenführerschein über das Schulfruchtprogramm bis zu den Wasserschulen.

Via Instagram und anderen Kanälen überbieten sich Eltern mit Fotos.
Via Instagram und anderen Kanälen überbieten sich Eltern mit Fotos.Instagram


24 Prozent übergewichtig

Allerdings sind immer noch 24 Prozent der 7- bis 14-Jährigen übergewichtig und/oder adipös. Dieser Wert stagniert zwar seit Jahren – was allerdings betroffenen Kindern wenig nützt. Und: Kinder essen, ähnlich wie Erwachsene, von allen empfohlenen Lebensmitteln zu wenig, außer beim Fleisch, da essen sie zu viel.

Die Schulmilch spielt übrigens seit den 1930er-Jahren eine beständige Rolle in heimischen Schulen. Dazwischen hat sich einiges getan, vom EU-geförderten Schulmilchprogramm bis zu den jüngsten Bestrebungen der Zuckerreduktion in Kakao- oder Vanillemilch. „In den letzten Jahren ist die Zuckerreduktion ein großes Thema“, sagt Josef Weber, Milchwirtschaftsberater der Landwirtschaftskammer Niederösterreich. Bis 2023/24 muss der Zuckergehalt laut EU-Verordnung auf maximal 3,5 Prozent sinken. „Bei uns liegt der durchschnittliche Zuckergehalt schon jetzt bei 3,7 Prozent“, so Weber. Rund 4500 Schulen und Kindergärten werden von 95 Lieferanten mit Schulmilch beliefert. Wobei die Schulmilch in jüngster Zeit in Diskussion geraten ist, wie Ernährungswissenschaftlerin Marlies Gruber beobachtet hat – und zwar nicht nur Kakao- oder Vanillemilch. „Was aus ernährungswissenschaftlicher Sicht schade ist. Milch ist ein Lebensmittel mit einem hohen Nährstoffgehalt.“ Sie passt nur leider nicht so gut in die schicken Lunchboxes.