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Das vernachlässigte Massensparen

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"Das über den Finanzierungsbedarf hinausgehende Angebot an Ersparnissen (Sparüberschuss) drückt nicht bloß die Zinssätze, sondern zwingt auch zur Anlage der überschüssigen Mittel im Ausland."Reuters

Der ökonomische Blick Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Gunther Tichy über die wirtschaftspolitischen Folgen zunehmender Intermediation.

Öffentlichkeit, Politik und Medien beklagen das derzeit niedrige Zinsniveau und machen die expansive Geldpolitik der Zentralbanken, das vielzitierte Quantitative Easing, dafür verantwortlich. Tatsächlich resultieren die „Nullzinsen“ jedoch daraus, dass die Ersparnisse in Österreich, wie auch in Europa und Südostasien, merklich höher sind als der Finanzierungsbedarf; die Geldpolitik verstärkte zwar den daraus resultierenden Druck auf die Zinssätze, doch bloß geringfügig. Die Sparüberschüsse sind überwiegend Folge des Massensparens, das die Konsumnachfrage tendenziell dämpft, bei zugleich stagnierender Nachfrage nach Finanzierungsmitteln. Der Finanzbedarf schrumpft, weil die Wirtschaft bloß langsam wächst und Verschuldung generell als problematisch angesehen wird: Die öffentliche Hand bemüht sich ihre Verschuldung zu reduzieren, und die Unternehmen verschulden sich kaum, zahlen vielfach sogar Kredite zurück, weil sie angesichts des gedämpften Wachstums wenig investieren, wofür der cashflow zur Finanzierung ausreicht. Das über den Finanzierungsbedarf hinausgehende Angebot an Ersparnissen (Sparüberschuss) drückt nicht bloß die Zinssätze, sondern zwingt auch zur Anlage der überschüssigen Mittel im Ausland, ein Phänomen, das vor allem in Deutschland, in geringerem Maß auch in Österreich, zunehmend Probleme aufwirft.

Der ökonomische Blick

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

Eine ähnliche Entwicklung rasch zunehmender Ersparnisse war auch schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu beobachten: Auch damals führte der steigende Wohlstand zu einer überproportionalen Zunahme der Ersparnisse. Damals war das jedoch unproblematisch, weil zugleich mit den Ersparnissen auch der Finanzierungsbedarf kräftig anstieg (Gründerzeit!) und in weiterer Folge zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise die Schulden – wie auch die Ersparnisse – vernichteten; das Problem des Übersparens verschwand, bevor es ein problematisches Ausmaß erreichte. Diesmal ist es anders:

Erstens ist kein Ende des Prozesses abzusehen: Als Folge des steigenden Wohlstands und der ungleichen Einkommens- und Vermögensverteilung nehmen die Ersparnisse zumindest gleich rasch zu wie Einkommen und Brutto-Inlandsprodukt, wogegen keine steigende Verschuldungsbereitschaft zu erkennen ist. Die Diskrepanz, der Sparüberschuss, tendiert also zunehmend größer zu werden.

Sparer sparen kurzfristig, Finanzierungsbedarf ist langfristig

Das wirft zweitens das Problem der Intermediation auf: Die Sparer sparen überwiegend kurzfristig (Liquiditätspräferenz), der Finanzierungsbedarf ist jedoch langfristig. Demgemäß müssen die Kreditunternehmen die (zumindest formell) kurzfristigen und sicheren Ersparnisse in längerfristige, riskante Kredite umwandeln (Intermediation). Diese Fristen- und Riskentransformation ist riskant und kann zu massiven Verwerfungen führen. Die jüngste Finanzkrise hatte genau diese Intermediationsprobleme zur Ursache.

Drittens beklagt die Öffentlichkeit zwar die Zinsverluste, übersieht aber die viel problematischeren potentiellen Wohlstandverluste: Sparen bedeutet grundsätzlich Konsumverzicht; dienen die Ersparnisse der Finanzierung heimischer Investitionen, können die Sparer von dem daraus resultierenden höheren Wachstum profitieren. Kommt es nicht zu heimischen Investitionen, drückt der Konsumverzicht das Wachstum, und Rezessionstendenzen senken den Wohlstand. Die Anlage im Ausland ändert daran nichts, wirft vielmehr ein viertes Problem auf:

„Anlage im Ausland“ impliziert nämlich, dass das Inland, also Österreich, Deutschland oder die EU, mehr exportiert als es importiert (Leistungsbilanzüberschuss), das Ausland also ein Leistungsbilanzdefizit hat und sich verschulden muss. Steigen die Sparüberschüsse des Inlands, müssen auch Leistungsbilanzdefizite und Verschuldung des Auslands steigen. Früher oder später muss das Ausland abwerten – die Auslandsanlagen der heimischen Sparer werden damit entwertet.

Sparzwang durch Verunsicherung

Die Wirtschaftspolitik sollte daher dafür sorgen, dass das Massensparen nicht zu Sparüberschüssen führt. Das erfordert allerdings eine Kombination indirekt wirkender Maßnahmen. Versuche, die Spartätigkeit direkt zu reduzieren, wären problematisch, weil das die individuelle Zukunftsvorsorge beeinträchtigen würde. Sehr wohl aber könnte der Teil der privaten Ersparnisbildung eingeschränkt werden, der aus Verunsicherung resultiert, und zwar sowohl aus einer generellen Verunsicherung als auch aus der Verunsicherung betreffend die Finanzierung von Altersversorgung und -pflege. Umfragen zeigen, dass diese Verunsicherung und der daraus resultierende Sparzwang erheblich ist. Auch die Umverteilung von hohen Einkommen zu niedrigen könnte die Spartätigkeit zugunsten des Konsums reduzieren.

Neben der Verringerung der Unsicherheit könnten höhere Investitionen der Unternehmen das Problem lösen; dafür bedürfte es einer expansiveren Innovations- und Wirtschaftspolitik. Die staatlichen Investitionen könnten durch eine Überarbeitung der Schuldenregeln gesteigert werden. Wenn auch für manche Staaten eine Verringerung der Verschuldung durchaus angebracht sein mag, erscheint ein „Nulldefizit“ als generelles Ziel in Zeiten eines Sparüberschusses kontraproduktiv.

Wie eine jüngst erschienene Arbeit zeigt (Blanchard 2019), finanzieren sich zusätzliche Staatsausgaben selbst, wenn die risikobereinigten Zinssätze unter der Wachstumsrate liegen. Überdies ist nicht einzusehen, warum der Staat Investitionen, die auch künftigen Generationen zugute kommen, aus den laufenden Steuereinnahmen finanzieren muss. Insofern wäre eine Schuldenregel, die die Verschuldung auf einen Teil der Investitionen begrenzt, nicht bloß fair, sie könnte auch einen erheblichen Beitrag zur Lösung des Geldkapitalüberschusses leisten.

Der Autor

Gunther Tichy, geb. 1937, von 1978-1997 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Karl-Franzens-Universität Graz, seit 1974 Konsulent am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)."

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