Kulturerbe

Sudabeh Mortezai: Ihre Filme schmerzen und begeistern

(c) Magdalena Blaszczuk

Kulturerbe. Sudabeh Mortezai verbindet Doku und Spielfilm – und schaut dorthin, wo sonst keiner hinschaut. Mit „Joy“ über Zwangsprostitution ist sie im Oscar-Rennen.

Der Film, der Österreich heuer bei den Oscars vertreten könnte, ist keine leichte Kost. Er erzählt von einem System moderner Sklaverei, das sich mitten in Wien abspielt. Im Zentrum: die Nigerianerin Joy. Sie arbeitet seit Jahren auf dem Straßenstrich, um sich freizukaufen von den Frauenhändlern, die sie nach Wien gebracht haben. Ein Voodoo-Schwur, der Zwangsprostituierte wie sie am Aufbegehren hindern soll, tut seine teuflische Wirkung. Und die Zuhälterin, die gönnerhaft trösten und zur Strafe Vergewaltigungen anordnen kann, war selbst einst ein Opfer des Menschenhandels. Es ist ein Teufelskreis der Ausbeutung, in dem Joy gefangen ist.

Sudabeh Mortezai, die Regisseurin von „Joy“, schaut gern dorthin, wo andere wegschauen – und richtet hier nicht zum ersten Mal den Blick auf Menschen, die außerhalb der Wahrnehmungsgrenze leben. Nachdem sie mit schonungslosen Dokus auf sich aufmerksam gemacht hatte (etwa „Im Bazar der Geschlechter“ über Zeitehen im Iran), legte sie 2014 den Spielfilm „Macondo“ vor, der von einem tschetschenischen Buben in einer Flüchtlingssiedlung in Simmering erzählt. Heuer folgte „Joy“. „Die satte, privilegierte, bürgerliche Welt hat für mich weniger spannende Dramen zu bieten“, sagt Mortezai. „Geschichten gehen dann unter die Haut, wenn es um Existenzielles geht.“

Sie hat eine Arbeitsweise entwickelt, mit der sie „die Unmittelbarkeit des Dokumentarfilms und die narrativen Freiheiten des Spielfilms“ vereinen kann: Statt Profis setzt sie Laiendarsteller ein. Ein Drehbuch schreibt sie zwar, doch gibt sie es ihren Darstellern nicht zu lesen: Stattdessen wird chronologisch gedreht, Tag für Tag lässt Mortezai die Darsteller improvisieren und mit der Geschichte wachsen. „Sie wissen nicht, wo die Geschichte sie hinführen wird, so wie im echten Leben. Als Regisseurin bekomme ich die schönsten Geschenke dabei.“ Ihr Ziel ist keine perfekte Inszenierung, sondern eine, die sich echt anfühlt.

Filmemacherin als Traumberuf

„Joy“ sammelte international Festivalpreise, erregte auf Netflix, wo er außerhalb von Österreich zu sehen ist, Aufsehen und wird für Österreich ins Rennen um den Auslandsoscar geschickt. Es ist der bisher größte Erfolg der 1968 geborenen Wienerin mit iranischen Wurzeln, die aus einer intellektuellen, kunstaffinen Familie kommt: Schon als Kind in Teheran nahmen ihre Eltern sie ins Kino mit, ihre früheste Erinnerung ist ein Besuch im Autokino: „Ich muss so klein gewesen sein, dass ich vom Rücksitz die Leinwand gar nicht sehen konnte und nicht verstand, warum alle anderen so gebannt ins flackernde Licht schauten.“ Als Teenager in Österreich keimte in ihr der Wunsch, selbst Filme zu machen. „Aber ich habe mich lang nicht getraut, diesen Weg zu gehen.“

Sie studierte Theaterwissenschaft, arbeitete für die Viennale und leitete eine Zeit lang das Wiener Filmcasino. „Irgendwann hat mir das aber nicht mehr gereicht.“ Als die ersten leistbaren digitalen Kameras auf den Markt kamen, fiel die letzte Hemmschwelle. Mit einer Mini-DV-Kamera konnte sie erstmals kostengünstig experimentieren. „Für mich war die digitale Revolution eine Befreiung.“