Galerienfestival: Es geht rund bei den Wiener Galerien

„Just Make Sense“: leuchtendes Spiel zwischen Zahlen und Alphabet von Brigitte Kowanz, 2000.
„Just Make Sense“: leuchtendes Spiel zwischen Zahlen und Alphabet von Brigitte Kowanz, 2000.(c) Hilger/Kowanz

Auch beim elften Mal Curated by hat man wieder einen Übertitel gefunden, unter dem sich alles, was die 22 teilnehmenden Wiener Galerien bieten, locker wiederfinden kann: „Circulation“. Ein kleiner Rundgang, was sonst.

Alles beginnt in Wien bei Oswald Oberhuber, alles endet bei ihm, und dazwischen überschneiden sich viele und vieles mit ihm. Ja, auch die nette Ausstellung, die rund um den 1931 geborenen Multikünstler Oberhuber in der Galerie Hilger arrangiert wurde, geht sich locker aus unter dem Generalmotto „Circulation“. Das haben sich heuer die 22 teilnehmenden Galerien vom Wiener Galerienfestival als Übertitel ausgeschnapst. So dehnbar, dass man fast Lust bekommt, über eine Ausstellung nachzudenken, die hier nicht hineinpassen könnte. Schließlich zirkuliert heutzutage ja so ungefähr alles, Geld, Waren, Daten, Bilder – und Ideen von Oswald Oberhuber eben. Sie alle kommen nur nie so wieder zurück, wie sie losgeschickt wurden.

Was Oberhuber, der 1958 sein Manifest der „permanenten Veränderung“ schrieb, zupass kommen sollte. Sein Geist mäandert auch durch viele hier versammelte Arbeiten, die von Weggenossen wie Maria Lassnig (vertreten mit einem doppelt typischen Oberhuber-Porträt) oder Angewandten-Schülern wie Erwin Wurm und Brigitte Kowanz stammen (siehe Abbildung). Zusammengestellt wurde diese „Gegen die Doktrin“ betitelte Rundumschau übrigens von Gerald Matt, dem ehemaligen Wiener-Kunsthalle-Direktor, auch er ein beständig zirkulierendes Element im Wiener Kunstkreislauf.

 

Outsider-Künstlerin Sophie Podolski

Folgt man weiter der Oberhuber-Schleife, muss man in seiner ehemaligen Galerie landen, die er leitete, der Galerie nächst St. Stephan, heute Galerie Rosemarie Schwarzwälder. Hier verfängt man sich in einem schon bedrängend dichten Netz, das Gastkurator Adam Budak (Prager Nationalgalerie) gespannt hat: Zentrale Figur ist die belgische Outsider-Künstlerin Sophie Podolski, die 1974 mit 21 Jahren gestorben ist. Sie stürzte sich aus einem Fenster, in die Leere, in die auch Roberto Bolaño die Leser am Ende des Romans „Die wilden Detektive“ blicken lässt, in die Zeichnung eines leeren Fensters. Der chilenische Literat bewunderte Podolskis faszinierende, fantastische Text-Bild-Dichtungen, die hier auch ausgestellt sind. An Bolaño schrieb Podolski auch die Sätze, aus denen Budak den Titel seiner Ausstellung extrahierte: „Wir sind nie mehr als Assistenten der Leere.“ Kombiniert wird dieses Duo aus der experimentellen Literatur mit drei jüngeren Bildhauerinnen, vor allem aber mit zwei surrealistisch-malerischen Ausnahmepositionen aus Tschechien und dem arabischen Raum: Bildern von Ahmed Morsi und einem musealen Gemälde von Toyen (1902–1980), einer sehr frühen queeren Position aus Prag. Wie auch diese ganze Ausstellung, die hier großteils unbekannte Positionen vorstellt, beachtenswert museumsreif ist.

Queer ist das Stichwort, das uns weitercruisen lässt. Die Galerie Emanuel Layr zeigt, wohin sich die ganze Geschlechterdiskussion seit den 1930er-Jahren weiterentwickelt hat. Nämlich in eine nicht unterkomplexe Diskussion darüber, ob unsere zur Schau getragene Toleranz queerer Kunst gegenüber ihre Marginalisierung nicht zementiert. In Worten des Kurators Paul Clinton: Das Ausstellen momentan „spannender queerer Inhalte“ ermöglicht es Museen, „langfristige strukturelle Veränderungen zu vermeiden“. Schwer genug, diese These in Bildern zu erzählen. Überraschendstes Fundstück hier: die englische Medienberichterstattung über die Feministin Germaine Greer, die Otto Muehl bei einer seiner Aktionen einmal eine dem Tode geweihte Gans stahl.

Soll noch einer etwas gegen Archive und ihre Kreislauffunktion sagen. Obwohl, die „Agentur für Unabkömmlichkeitsbegründungen“ spricht eher wenig, sie arbeitet nämlich an ihrer Selbstabhandenkommung. Und zwar in den „Krinzinger Projekten“, bei denen man das Interpretationsarchiv des Vereins Fritzpunkt, der 16 Jahre das Werk der 2007 verstorbenen Schriftstellerin Marianne Fritz aufarbeitete, verschwinden lässt. Also erst einmal ausstellt als riesige Zettelinstallation. Um es am Dienstag dann für ewig unleserlich zu machen. Aber sehen Sie selbst.

Wien: Festivals der Galerien

Curated by, 22 Wiener Galerien für zeitgenössische Kunst zeigen fremdkuratierte Ausstellungen zum Generalthema „Circulation“, 13. 9. bis 12. 10. www.curatedby.at

Das neue Modern Masters Festival findet von 5. bis 12. Oktober statt. Dabei präsentieren acht Wiener Kunsthändler Neuerwerbungen und Highlights ihrer Sammlungen, so die Ankündigung. Teilnehmer sind u. a. Bel Etage, Giese & Schweiger, Johannes Faber. Programm: modernmasters.at