Risiko

Wer sich als Tourist verkleidet oder sich in Streits einmischt, und sei’s im Glauben, anderen damit zu helfen, lebt überall gefährlich. In Wien speziell, meint der Autor.
Wer sich als Tourist verkleidet oder sich in Streits einmischt, und sei’s im Glauben, anderen damit zu helfen, lebt überall gefährlich. In Wien speziell, meint der Autor.(c) Getty Images (Lisa-Blue)

Ist Europa gefährlich, wenn ja, wo eigentlich? Was sind die unlebenswertesten Städte?

Vergangene Woche habe ich die Mercer-Studie kritisch erwähnt, die Wien regelmäßig als lebenswerteste Stadt der Welt rezipiert. (Ja, ich gebe es ja zu, Leserinnen und Leser, Wien ist eh großartig, vielen Dank für Ihre Zuschriften!) Heute gehen wir ans andere Ende der Skala – zu den ungemütlichsten, gefährlichsten Städten, doch nicht denen der Welt, lediglich denen unseres harmlosen Europa. Beim „Travelbook"-Index der 50 gefährlichsten Städte der Welt liegen ja fünf mexikanische und zwei venezolanische unter den „Top sieben", Europa ist jedoch überhaupt nicht vertreten.

Wo ist es nun am gefährlichsten? Laut Mordstatistik eine klare Sache: Hüte dich vor dem Osten! Tirana führt mit jährlich 6,7 Morden pro 100.000 Einwohnern, dahinter liegen Tallinn, Chisinau, Riga, und beim Fünftplatzierten Moskau finden immerhin beachtliche 3,8 Morde statt. Auch Glasgow, Belfast und Podgorica mischen gern im Spitzenfeld mit. Je kleiner die Stadt, umso vager wird leider die Aussagekraft. In manchen Jahren liegen Städte wie Luxemburg, Andorra la Vella oder Vaduz, so dort zwei bis drei Morde geschehen, im Spitzenfeld, in anderen verzeichnen sie gar keinen Mord und fallen aus der Statistik. Egal, durchschnittliche Touristen sind ja kaum mit Mord und Totschlag konfrontiert – bei Diebstahlsdelikten führt Brüssel vor London und Amsterdam. Das Klischee stimmt halt nicht immer, Rom liegt auf Platz neun, Warschau gar erst auf zwölf.

Beim Durchsehen solcher Listen überkommt mich immer eine Grundskepsis. Schwer vorstellbar, dass die Daten deckungsgleich erhoben werden, dass die Ergebnisse also mehr als eine Tendenz sein können. Die wirkliche Gefahr lauert ja an ganz individuellen Punkten: Wer seine Geldbörse in der hinteren Hosentasche aufbewahrt, wird auch in der sichersten Stadt eine hohe Diebstahlquote verzeichnen. Wer sich als Tourist verkleidet (Rucksack, kurze Hosen, Sonnenbrille), sowieso. Und wer sich in Streits einmischt, vielleicht, weil er sich einbildet, anderen damit womöglich zu helfen, lebt überall gefährlich. Für mich trifft das in Wien zu – sicherlich die gefährlichste Stadt Europas.

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