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Hudson Bay: Belugas lieben die Beatles

Guides schippern Touristen den Churchill River hinauf, locken mit Pfiffen die Belugas an, mit denen man dann schnorcheln, singen und summen kann. Die Weißwale können die Mundwinkel nach oben ziehen, was wie Lächeln wirkt, und sogar die Lippen spitzen.
Guides schippern Touristen den Churchill River hinauf, locken mit Pfiffen die Belugas an, mit denen man dann schnorcheln, singen und summen kann. Die Weißwale können die Mundwinkel nach oben ziehen, was wie Lächeln wirkt, und sogar die Lippen spitzen.(c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Zwischen Tundra und Taiga. Nordlichter, Eisbären und singende Wale: Die kanadische Hudson Bay ist ein Traumziel für Naturfreunde.

So gemütlich kann die Arktis sein! Draußen tobt der Polarsturm, doch im Lazy Bear Café knistert das Kaminfeuer und verbreitet zwischen den massiven Holzwänden aus alten Lärchen- und Fichtenstämmen eine wohlige Wärme. Abwechselnd streicht der Duft von Espresso und Seesaibling herüber, während der Blick durch das Fenster auf die arktische Landschaft fällt. Von hier bis zum Nordpol bekommt man wahrscheinlich keinen Cappuccino mehr, geschweige denn einen frischen Sommersalat aus dem Gewächshaus mit selbst gepflückten Waldbeeren garniert. Die Fleischtiger lassen sich Bison- oder Wapiti-Steaks servieren. Wer von hier aus noch weiter Richtung Pol zieht, weiß, dass das Café die letzte Gaststätte vor der großen Kältesteppe sein wird. Hinter Churchill an der kanadischen Hudson Bay beginnen die Polargebiete.

„Churchill liegt genau zwischen Tundra und Taiga“, sagt Rob Knaggs, „es ist das Tor zur Arktis.“ Der Australier aus dem sonnenverwöhnten Brisbane hat hier eine neue Heimat gefunden. Grund dafür ist das berühmteste Orchester des Nordens: Jedes Jahr versammeln sich in der Hudson Bay Tausende Belugawale zu einem einzigartigen Unterwasserkonzert.

Als Rob Knaggs an einem hellen Sommermorgen zum ersten Mal mit seinem Cello hinaus über das dunkle Wasser der Bucht schipperte, hielten ihn einige in dem Polarstädtchen für verrückt. „Wir wollten einfach nur ausprobieren, ob die Belugas die Beatles mögen“, erzählt der Musiker. Er verband sein Instrument mit einem wasserdichten Lautsprecher und hängte ihn in das eisige Wasser und begann, über die Saiten seines Cellos zu streichen. „Yesterday, all my troubles seemed so far away . . .“ Die sehnsüchtige Melodie breitete sich in leisen Schwingungen über das vibrierende Boot in die Tiefen des arktischen Meers aus.

Belugas mit Musikgeschmack

Was dann geschah, überraschte den 26-Jährigen keineswegs. In kurzer Zeit tauchten hinter seinem Boot wie aus dem Nichts die schneeweißen Körper einer Gruppe von Belugas auf. Die Wale schlossen sich eng dem singenden Boot an. Mehr noch: Sie begannen, auf ihre Art zu antworten – mit einer Sinfonie aus leisem Pfeifen, Knarzen und Wispern. Knaggs konnte den Chor der Meeressäuger hören und hätte sie mit seinen Händen berühren können, aber er legte seinen Bogen nicht zur Seite. Er konnte das scheinbare Lächeln der Wale sehen, wie sie sich verspielt im Kielwasser des Boots drehten und mit ihren eigenen Walgesängen einstimmten.

„Belugas lieben die Beatles“, weiß der Musiker seitdem. Gerade hat er im Tundra Inn, dem einzigen größeren Pub von Churchill, ein Lied vorgetragen, das er eigens für die Belugas komponiert hat. Mit seinem Cello imitiert er den Gesang der Wale, das Zwitschern und Tirilieren, das den Tieren den Beinamen „Kanarienvögel der Meere“ eingebracht hat. Der Künstler und die Tiere inspirieren sich gegenseitig. Der Jugend Churchills gefällt das Ergebnis sichtlich. Polarforscher, Nachwuchswissenschaftler und einheimische Jugendliche mit indigenen Wurzeln treffen sich im Tundra Inn zum Billard oder auf ein Bier. Knaggs ist hier mit seinem Cello Stammgast. Der Australier kam vor zweieinhalb Jahren in den Norden Kanadas. „Begonnen hat alles damit, dass ich mich in Brisbane mit dem Gesang der Buckelwale beschäftigt habe“, erzählt der Musiker. „Ich war für die Umweltschutzorganisation Sea Shepherd engagiert, die sich gegen den Walfang einsetzt.“ Der Gesang der Meeresgiganten faszinierte ihn auch als Komponist. Seine ersten von den Walen beeinflussten Lieder entstanden. Auf einer Nordamerika-Reise zog es ihn schließlich nach Churchill im äußersten Norden der Prärieprovinz Manitoba. Die erste Begegnung mit den Belugas raubte ihm den Atem. Er blieb.

Begrüßungslied für die Wale

In der Mündung des Churchill River in die riesige Hudson Bay ist Jud Jones mit einer Gruppe Touristen in ihrem Boot unterwegs. Die 42-jährige Naturführerin hat ihre Dreadlocks, die ihr sonst fast bis zu den Fersen reichen, unter einem Kopftuch zu einem Turban aufgestockt. Es ist ein ungewöhnlich warmer Tag. Die Polarsonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel. Dennoch sind die Touristen in dicke wasserdichte Spezialanzüge verpackt, darunter tragen sie ihre komplette Winterkleidung. Sie wollen mit den Belugas im eisigen Wasser schnorcheln.

Jones' Boot tuckert langsam den Fluss hinauf. Die Kanadierin beginnt, eine fröhliche Melodie zu pfeifen – ein Begrüßungslied für die weißen Wale. Als eine der wenigen Frauen in Churchill arbeitet Jones als Eisbären- und Beluga-Guide. Die rauen Wetterbedingungen, die tiefen Temperaturen und die Gefahr, auf einen hungrigen Eisbären zu treffen, schrecken viele von dem Beruf ab. Churchill gilt wegen ihres häufigen Vorkommens als Hauptstadt der weißen Bären. Vor den Raubtieren fürchtet sich Jones jedoch nicht. Im Gegenteil: „Für mich ist es einfach ein Traum“, sagt sie. „Ich kann hier in alle vier Himmelsrichtungen paddeln oder wandern und werde nichts als Wildnis finden.“

Das Boot stoppt. Angeseilt gleiten die Touristen ins dunkle Wasser des Churchill River. Jones hat sie zuvor ermutigt, leise durch ihre Schnorchel zu singen oder zu summen. Und tatsächlich: Die weißen Wale lassen nicht lang auf sich warten. Neugierig umschwärmen die Belugas die plumpen Eindringlinge in ihr Reich. Immer wieder tauchen ihre schneeweißen Körper in der Tiefe auf. Fast geisterhaft erscheinen sie im dunklen Strom und sind gleich wieder verschwunden. Sie schimmern wie Splitter von Eisbergen, einmal türkis, dann aquamarin.

Das Summen der Schnorchler zieht sie tatsächlich an. Lächelnd wenden sie sich den ungelenk strampelnden Sängern zu. Sie kommen ihnen so nahe, dass die Schnorchler beinahe mit ihren Händen die Gesichter der Wale berühren könnten. Der kleine Unterwasserchor muss den Belugas wie ein Grüppchen betrunkener Walrösser vorkommen und scheint sie irgendwie zu amüsieren.

Für die maximal fünfeinhalb Meter langen und bis zu 1500 Kilogramm schweren Tiere wäre es ein Leichtes, die Schnorchler mit einem einzigen Flossenschlag durcheinanderzuwirbeln. Doch Belugas sind sanfte Wesen. Die merkwürdigen Fremdlinge im Eismeer scheinen für sie so etwas wie exotische Spielgefährten zu sein. Zudem können diese lustigen Wesen sonderbar singen und verleihen dem arktischen Ozean neue, nie gehörte Stimmen.

„Belugas sind die freundlichsten Lebewesen, die man sich vorstellen kann“, sagt Jones, als sie ihre Touristengruppe wieder ins Boot gezogen hat. „Noch nie habe ich erlebt, dass sie dem Menschen gegenüber aufdringlich oder gar aggressiv werden.“

Auf ein Bier ins Tundra Inn

Die weißen Wale wandern in der Regel in kleinen Gruppen von etwa zehn Tieren entlang der Küsten Alaskas, Kanadas, Grönlands und Sibiriens. In besonders nahrungsreichen Gewässern, seichten Buchten und Flussmündungen wie dem Churchill River und zur Paarungszeit im Sommer kommen oftmals Tausende zusammen.

„Die Belugas in der westlichen Hudson Bay sind so zutraulich, weil sie hier kaum gejagt werden“, erklärt Stephen Petersen vom Northern Studies Center etwas außerhalb von Churchill. „In anderen Teilen Kanadas sind sie viel scheuer.“ Auf mehr als 100.000 Tiere schätzt der Zoologe die hiesige Beluga-Population. „Ich bin immer wieder von Neuem beeindruckt, wie komplex die Kommunikation der Wale ist“, sagt er, „und wie sehr sie die Nähe des Menschen suchen.“ Eine Störung der Tiere durch den Beluga-Tourismus sieht der Forscher nicht. „Gefährlicher für die Wale sind der zunehmende Schiffsverkehr und der Fischfang in immer nördlicheren Regionen“, sagt Petersen. „Wir haben auch ein besonderes Auge auf den Uran-, Gold- und Eisenabbau. Mit den Minen steigt die Gefahr für die Umwelt und Fauna der Arktis. Zudem beobachten wir den Klimawandel mit Sorge.“

Belugas kommen ganz nah

„Die Ausbeutung der Meere muss aufhören“, sagt Jud Jones. „Der Mensch ist verantwortlich für das Überleben der Wale.“ Bevor sie nach Churchill zog, arbeitete sie als Guide an der kanadischen Westküste in British Columbia. „Begegnungen mit Walen verlaufen dort ganz anders“, erzählt sie. „Die Schwertwale (Orcas, Anm.) sind versierte Räuber und haben uns beim Fischen schon manchmal einen Lachs vom Haken geschnappt. Bei Walbeobachtungen gilt allgemein ein Abstand von etwa 150 Metern.“

Als sie zum ersten Mal in der Hudson Bay unterwegs war, konnte sie ihr Glück kaum fassen. „Belugas sind so zutraulich und kommen einem ganz nah.“ Sie beobachtet häufig, dass Begegnungen mit Walen die Menschen verändert. „Einmal war ich mit zwei kleinen Mädchen unterwegs“, erinnert sie sich. „Die Belugas waren ganz verrückt nach ihrem quiekenden Gekichere und begannen ganz zaghaft an ihren Zehen zu nibbeln.“

Die blendende Polarsonne ist hinter einer Wolkendecke verschwunden, als Jones ihre Gruppe wieder an Land absetzt. Zuvor hat sie Ausschau gehalten, ob sich am felsigen Ufer nicht ein Eisbär herumtreibt. Wer Jones im Boot oder zu Fuß durch die Tundra folgt, versteht schnell, warum die Arktis etliche ihrer Besucher nie wieder loslässt. „Für viele ist das Erleben der Wildnis ein Wendepunkt in ihrem durchgetakteten Alltag“, sagt Jones. „Sie beginnen, sich plötzlich ganz essenzielle Fragen zu stellen.“

Nur langsam verblasst das Tageslicht am Horizont. Heute Nacht, wenn vielleicht wieder bunte Polarlichter über den Himmel wabern, hat Jones vor, auf ein Bier im Tundra Inn vorbeizuschauen. Dann wird Rob Knaggs wieder seine Walsongs spielen. Irgendwann will sie auch einmal mit ihm und seinem Cello hinaus auf den Churchill River. Und selbst hören, wie die Belugas zu den Beatles singen. Vielleicht summt John Lennon ja im Himmel dazu mit.

BEIM FAULEN BÄREN SCHLAFEN, MIT BELUGAS SINGEN

Hin und zurück: Zum Beispiel mit

Air Canada (www.aircanada.com)

oder Icelandair (www.icelandair.com) nach Toronto und Winnipeg. Von Winnipeg geht es mit Calm Air (www.calmair.com) nach Churchill im Norden Manitobas.

Unterkünfte: Die Lazy Bear Lodge direkt an der Hudson Bay hat gemütliche Zimmer und die wohl beste Küche des Polarstädtchens. Die Lodge bietet im Sommer spezielle Touren an, um Belugas und Eisbären in der Bucht zu beobachten. www.lazybearlodge.com

Die inmitten der Wildnis gelegene Seal River Heritage Lodge und die Nanuk Polar Bear Lodge gehören zu den ausgewählten National Geographic Unique Lodges of the World und versprechen einzigartige Begegnungen mit der Fauna und Flora der Arktis.

Infos: Travel Manitoba, www.travelmanitoba.com

Destination Canada, www.meinkanada.com

Compliance: Die Reise wurde von Travel Manitoba unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2019)