Das rote und blaue Paradoxon

PENSIONSGIPFEL: HOFER / RENDI-WAGNER
FPÖ-Chef Norbert Hofer, SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner (Archivbild)APA/ROLAND SCHLAGER

Die Sozialdemokraten könnten laut manchen Umfragen bei der nahenden Nationalratswahl mehr verlieren als die Freiheitlichen. War da nicht etwas im Mai?

Nicht nur eingeflogenen Wahlbeobachtern bleibt ein Phänomen unerklärbar: Da versuchen zwei der vier wichtigsten FPÖ-Politiker vor laufender Kamera Haus und Hof zu verkaufen, die sie noch gar nicht haben. Sie kommen tatsächlich zum Zug, in die Regierung. Dann wird das Video veröffentlicht, das die Verkaufsgespräche unter optisch unvorteilhaften Bedingungen beider Herren zeigt. Die Regierung zerbricht, es gibt Neuwahlen. Und was passiert? Laut Umfragen droht die größte Oppositionspartei, die SPÖ, verhältnismäßig mehr zu verlieren als eben jene FPÖ. Das kann keiner erklären. Zumal die Partei bis 2017 mit einer Ausnahme über Jahrzehnte den Kanzler stellen konnte. Zumal mit Pamela Rendi-Wagner eine Spitzenkandidatin antritt, der zwar Erfahrung fehlt, die aber im TV und im Straßenwahlkampf ein wenig moderner und sympathischer wirkt als Gusenbauer oder Faymann.

Das andere Phänomen heißt FPÖ. Der früheren ewigen Fundamentaloppositionspartei werden zwar Verluste prognostiziert, aber nicht in einem Ausmaß, das im Verhältnis zum größten innenpolitischen Skandal der vergangenen Jahrzehnte steht. Von der Angst vor weiteren Flüchtlingswellen über die Furcht vor Veränderung durch Digitalisierung bis zum irrationalen Gefühl, früher sei alles besser gewesen: Es mag einiges geben, was der FPÖ weiter Wähler zutreibt. Während die SPÖ erklären muss, dass das alte Ziel der Umverteilung nun eigentlich für Österreicher mit Migrationshintergrund zu gelten hat, wie es sich Michael Häupl auszusprechen traut. Oder aber die SPÖ begräbt das alte Ziel und sucht sich ein neues. Die plakatierte „Menschlichkeit“ ist leider kein spezifisches.

Davon abgesehen dürften Krisenmanagement und die organisatorische Aufstellung der Hauptgrund sein, warum die SPÖ mit der FPÖ um Platz zwei kämpft. Soll heißen: Die SPÖ wurde auf dem falschen Fuß erwischt, die internen Querelen waren noch im Gang, die Macho-Landeschefs waren gerade aus- und aufgebrochen, sich bundesweit bekannt zu machen, das Parteimanagement war noch keines. Jetzt läuft es zwar viel besser, aber das alte Wahlergebnis ist in weiter Ferne. In der FPÖ hingegen standen mit Hofer und Kickl sofort zwei Politiker zur Verfügung, die intern beliebt sind, wie der Jubelparteitag in Graz zeigte. Vor allem aber hat die FPÖ das, was sie immer schon stark gemacht hat: einen äußeren Feind. Das ist zwar eine gewagte These, wenn Hofer gleichzeitig um Sebastian Kurz wirbt, aber intern reicht sie: Die Medien und das System seien wieder einmal bemüht, die FPÖ zu vernichten.

In einem Punkt ähneln sich die beiden Parteien: Nach dem 29. September werden die alten Konflikte wieder aufbrechen. Interessanterweise wird es trotz Minus keine personellen Konsequenzen geben. In SPÖ und FPÖ will den Job an der Spitze nämlich eigentlich keiner. Aber einen fundamentalen Unterschied gibt es natürlich: Geht Rendi-Wagner ins nächste Büro, telefoniert dort Thomas Drozda. Macht Norbert Hofer die Tür auf, lächelt dort Herbert Kickl. Der sagt dann zu Hofer Sachen wie gerade in Graz: „Die, die du nicht niederclinchst, in deiner Art, die kriegen von mir eine Gerade oder einen rechten Haken.“ Muss man mögen.

rainer.nowak@diepresse.com