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The Kids Are Alright –folgt ihrem Beispiel!

(c) Peter Kufner

Über die bequeme Kritikhaltung an „Fridays for Future“, „Extinction Rebellion“ und anderen jungen Bewegungen.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Nach einem eher düsteren Jahrzehnt erlebt die Hoffnung auf politische Veränderung wieder Konjunktur. Nachdem die neuen und alten Rechten den Diskurs in den vergangenen Jahren vereinnahmt und den Hass und die Ausgrenzung schürende Wörter wie „Flüchtlingswelle“ und „Überfremdung“, „Gender-Wahn“ und „Sozialschmarotzer“ normalisiert haben, gelingt es heute jungen Bewegungen wie „Fridays For Future“ (FFF), „Extinction Rebellion“ (XR) oder „Ende Gelände“, das grüne Thema zum medialen Hauptgesprächsthema in einigen westlichen Demokratien zu machen.

Waren es in den vergangenen Jahren noch die Kurz', Straches, Trumps und Salvinis mit ihren hochstilisierten Migrationsthemen, die die Schlagzeilen vereinnahmten, wendet sich der Fokus heute zunehmend auf ein viel drängenderes Problem unserer Zeit: die ökologische Katastrophe, die unser aller Lebensgrundlage auf diesem Planeten bedroht. Mit spektakulären Besetzungen von Brücken, Straßen und Kohlerevieren sowie ausdauernden Freitagsprotesten und Basisarbeit machen diese jungen Aktivisten und Aktivistinnen einen Wandel unserer Gesellschaft denkbar. Ein würdiges Leben soll auch noch für sie und ihre Kinder möglich sein, so ihre Forderung.

Politisch engagierte Jugend

Im Allgemeinen wird dieser neue Aktivismus positiv aufgenommen. Die Mehrheitsgesellschaft und ihre Medien loben die Repolitisierung der Jugend. Die Älteren zeigen sich beruhigt, dass die Jugend sich nun wieder politisch engagiert, nachdem die Generationen X und Y eher an Karriere und wilden Parties interessiert zu sein schienen. Endlich wird ein Thema diskutiert, das sie zwar selbst als drängendes Problem im Hinterkopf hatten, dennoch mehrheitlich ignorierten. So wird das schlechte Gewissen über die eigene Untätigkeit mit symbolischer Solidaritätsbekundung kompensiert.

Dabei bleibt es meist. Denn anstatt etwas an der eigenen Lebensweise zu ändern, schmälert man oft die Ernsthaftigkeit der jungen ökopolitischen Bewegungen. Ohne Smartphones und Billigflüge würden die Jungen eh nicht leben wollen, beruhigt man sich aus bequemer Schaukelstuhlhaltung. Bevor die Jungen zu laut werden, das Gewissen nerven und den Berufsverkehr blockieren, sollten sie lieber selbst ein „ökologisch richtiges“ Leben führen.

Doch hier liegt das Problem: Auf diese Weise diskreditiert man den (prinzipiell gutgeheißenen) Protest und legitimiert gleichzeitig seine eigene Untätigkeit. „Wenn sie es richtig vorleben würden, würde ich auch etwas ändern, aber sie wollen auch mit dem SUV zu den Protesten gefahren werden.“ Am frappierendsten äußert sich diese zynisch-kritische Linie bei der vor Kurzem zu Ende gegangenen Atlantiküberquerung Greta Thunbergs, der Initiatorin der FFF-Bewegung.

So wird ihr von mancher Seite vorgeworfen, mit ihrer spektakulären Meeresüberquerung mit Segelschiff gar nicht ökologisch zu handeln, weil ihre Bootsfahrt ein Mehr an CO2-intensiven Flügen der Crew und Medienvertreter vor Ort bewirkt habe. Die Gute sei auch eine Gelenkte, man spricht ihr und ihrer Bewegung die jugendliche Eigenständigkeit ab und vermutet diffuse Öko-Eliten im Hintergrund.

Es gibt kein „richtiges Leben“

Selbst wenn all diese Vorwürfe richtig wären – was sie natürlich nicht sind –, verbirgt sich hinter ihnen eine bequeme Haltung des Lehnstuhlkritizismus, der auf das ökologische Thema heute nicht mehr passt. Wo man sich in traditionell „links“ konnotierten Sozialthemen noch relativ leicht als Teil der Lösung inszenieren konnte (Wohltätertum, Spendenweltmeisterschaft), führt uns das Problem der ökologischen Krise schockierend vor Augen, dass wir alle Teil des Problems sind.

Eine ökologische Kritik an unserer globalisierten, modernen Welt kann man nicht vom Standpunkt des „richtigen Lebens“ äußern. Schon allein deshalb, weil es diese ökologische Lösung so (noch) nicht gibt. Wir wissen noch gar nicht, was das ökologisch richtige Leben wäre, denn die modernen Lebenswelten – von denen wir alle zu einem gewissen Grad abhängig sind – sind so desaströs vereinnahmend, dass nur erste Schritte aus ihrer katastrophalen Normalität gesamtgesellschaftlich andenkbar sind (Ökosteuer, Mobilitäts- und Energiewende, Klimagerechtigkeit . . .).

Die Aktivisten von FFF und anderen Bewegungen gehen auf die Straße, genau weil sie das „richtige Leben“ jenseits unserer ökologisch katastrophalen Konsumgesellschaft nicht leben können. Sie fordern zu ersten Schritte in die richtige Richtung auf. Natürlich wollen auch viele ökologisch politisierte Jugendliche Smartphones haben, da man heute kaum ein Sozial- oder Berufsleben ohne führen kann. Ebenso sind Flüge in vielen Branchen und Lehrgängen mittlerweile eine erwartete Norm, gegen die sich nur Privilegierte ohne berufliche und soziale Ausgrenzung auflehnen können. Aktivisten gehen auf die Straße, um das kapitalistische System als Ganzes zu ändern, welches zu solchen ökologisch katastrophalen Sozial- und Berufsbeziehungen verdammt.

Wenn die älteren, etablierteren und abgesicherteren Generationen schon nicht aus diesem System aussteigen können, wie sollen es die unsichereren Jungen können?
Die Behauptung, dass die Aktivisten selbst nicht „ökologisch nachhaltig“ lebten, reduziert politische Handlungsfähigkeit auf individuelle Konsumentscheidungen. Doch kein veganer Bioburger und keine CO2-Kompensationszahlung wird ausreichen, um unser schädliches System zu ändern. Wir sind in die ökologische Krise lebensweltlich eingewoben, und niemand wird sich allein aus ihr mit Bioprodukten und E-Mobilität herauskaufen können.

Genauso wenig ist Greta Thunbergs Atlantikfahrt als Lösung des Mobilitätsproblems misszuverstehen. Sie zeigt bloß auf, dass auch Langstreckendestinationen ganz anders zu erreichen sind als durch die Billigflugnorm unseres neoliberalen Kapitalismus. Sie zeigt eine Alternative. Von ihrem Exempel kann eine gesellschaftliche Transformation vonstatten gehen, die noch viele Jahrzehnte andauern wird – hin zu einer Gesellschaft, in der u. a. langsameres, aber ökologisch nachhaltigeres Reisen nicht mehr die spektakuläre Ausnahme ist, sondern die Norm. Um dahin zu gelangen, sind auch die paar Flüge mehr der Medienvertreter und Skipper zu vertreten.

Die gute Nachricht ist hierbei, dass niemand den Protesten fernbleiben muss, nur weil er oder sie noch kein ökologisch nachhaltiges Leben führt. Der Wille zählt – und diesen auf der Straße in möglichst großer Anzahl zu zeigen, damit auch die Politik und Wirtschaft endlich handelt. Selbst wenn Sie einen SUV in der Garage stehen haben, müssen Sie sich nicht in die bequeme Kritikhaltung gegenüber den jungen Demonstranten fliehen. Kaufen Sie nie wieder einen SUV, aber wenn er schon da ist, benützen Sie ihn lieber für die nächste Straßenblockade von Extinction Rebellion oder während des General Strikes von FFF. Ein Wandel ist möglich – er beginnt individuell, kann aber nur kollektiv erfolgreich werden.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

Kilian Jörg (*1990) ist Philosoph und Künstler, nomadisch zwischen Wien, Berlin und Brüssel unterwegs. Er ist Gründer des Kollektivs philosophy unbound. Letzte Veröffentlichungen – mit Jorinde Schulz: „Die Clubmaschine (Berghain)“, Textem 2018; „Backlash – Essays zur Resilienz der Moderne“, Textem 2019. Mehr: www.kilianjoerg.blogspot.com.