Wie ein Film ein Meer retten will

In einem Rettungsgehege soll der Vaquita überleben, bis sein Lebensraum, der Golf von Kalifornien, frei von illegalen Netzen ist. Nur: Diese Walart verträgt keine Gefangenschaft.
In einem Rettungsgehege soll der Vaquita überleben, bis sein Lebensraum, der Golf von Kalifornien, frei von illegalen Netzen ist. Nur: Diese Walart verträgt keine Gefangenschaft.(c) Terra Mater Factual Studios

Die Red-Bull-Tochter Terra Mater ist für ihre Naturfilme bekannt. Jetzt will sie auch Tatsachen schaffen: Die Doku „Sea of Shadows“ legtsich mit Kartellen an, die ein Ökosystem bedrohen.

Angefangen hat alles ganz harmlos. Mit einem Naturfilm, zumindest offiziell. Ein Naturfilm ist unpolitisch. Wer würde einem Filmteam Probleme machen, das die Schönheit der Schöpfung mit der Kamera einfangen will? Zumal hier, am Golf von Kalifornien, den der Meeresbiologe Jacques-Yves Cousteau einst als das „Aquarium der Welt“ bezeichnet hat? Wo Tiere leben, die es sonst nirgends gibt, etwa der Vaquita, der kleinste Wal der Welt? Für den österreichischen Dokumentaristen Richard Ladkani war die Tarnung perfekt, als er 2017 nach Mexiko reiste, mit Terra Mater als Produktionsfirma, eine Red-Bull-Tochter, deren Kerngeschäft immerhin aufwendige Naturfilme sind. Es ging gut – bis die Drohungen kamen. „Das Kartell hat gemerkt, dass wir politisch doch sehr neugierig sind und mitten in die Konflikte hineingehen“, sagt Ladkani. „Da war klar: Wir müssen abhauen.“

Der Film war da ohnehin schon so gut wie abgedreht. Eine klassische Doku ist „Sea of Shadows“ nicht geworden, vielmehr eine filmische Rettungsaktion, die sich hineinwagt in ein Geflecht aus kriminellen Interessen, Schmuggel und Korruption: Im trüben hellblauen Wasser des Golfs lebt auch der Totoaba, ein Fisch, dessen Schwimmblase in China als teure Delikatesse gehandelt wird. Um an diese „schwimmenden Goldbarren“ zu kommen, arbeiten chinesische Drahtzieher mit mexikanischen Drogenkartellen zusammen, die wiederum illegale Fischer anheuern. Diese werfen Kiemennetze aus, die das ganze maritime Ökosystem bedrohen: Delfine, Schildkröten, Seelöwen, Rochen – und eben den Vaquita, von dem keine 15 Exemplare mehr existieren und der für „Sea of Shadows“ erstmals gefilmt worden ist.

„Wir wollen beweisen, dass man als Filmemacher tatsächlich etwas ändern kann“, sagt Walter Köhler, der Chef von Terra Mater. Um den Vaquita vor dem Aussterben zu bewahren, wird aus der Filmpublicity eine globale Kampagne, für die auch Koproduzent Leonardo DiCaprio und die Umweltaktivistin Jane Goodall trommeln. National Geographic, der internationale Verleiher, bringt den Film als Oscar-Kandidat in Stellung, auf über hundert Festivals wird er gezeigt, Vorführungen vor Politikern und Diplomaten (letzte Woche etwa bei der UNO in Wien) sollen die Regierungen in Mexiko und China unter Druck setzen, um gegen die Fischernetze und die Mafia, die den Totoabahandel kontrolliert, vorzugehen. Den Behörden wurden auch Dossiers überreicht – geheime Aufnahmen, Namen, Adressen. In China schuf der Film schon Tatsachen: Seit der Premiere wurden 32 Totoabahändler festgenommen.

Der aktivistische Gedanke begleite ihn, seit er Naturfilme mache, dieses investigative Element sei aber relativ neu, sagt Walter Köhler. Er hat ab 1987 die „Universum“-Sendereihe aufgebaut, 2011 verließ er in Unfrieden den ORF und nahm sein Team mit ins Medienhaus von Red Bull. Mit Terra Mater wollte er von Anfang an höher hinaus. Neben den Naturdokus, die Servus TV gute Quoten bescheren, strebt er ins Kino, das Drama „Wie Brüder im Wind“ über die Freundschaft zwischen einem Buben und einem Adler war 2016 der erfolgreichste österreichische Film an den Kinokassen. „The Ivory Game“ über den globalen Elfenbeinhandel, der vorige Film von Richard Ladkani, der auch schon von DiCaprio koproduziert wurde, reüssierte 2016 auf Netflix. Auch er verbindet erhabene Elefantenaufnahmen mit einer politischen Anklage.

Die Wunder der Natur nur in überwältigende Bilder zu bannen (in sozialen Medien gibt es dafür den Begriff „Nature Porn“), reicht Köhler nicht mehr. „Ich hab von der Natur gut gelebt, für mich ist es auch Zeit gewesen, etwas zurückzugeben.“ Je älter er werde, desto klarer werde ihm: „Man muss den Leuten die Augen öffnen, das kann man nicht nur durch Schönheit, das kann man auch durch Wahrheit.“

 

Vorm Obergangster haben alle Angst

Und, im Fall von „Sea of Shadows“, mit den Mitteln eines Thrillers. Die Archetypen sind alle da: Es gibt den Obergangster, einen ominösen Kartellboss, der den Totoabaschmuggel managt. Wer über ihn redet, bekommt verpixelte Gesichter und verzerrte Stimmen. Es gibt Umweltschützer in schwarzen Pullis, die mit Drohnen nach illegalen Netzen suchen, und gewaltbereite Fischer, die die Drohnen vom Himmel schießen – immerhin leben sie vom Totoaba. Es gibt Wissenschaftler, die verzweifelt versuchen, die Vaquitas in sichere Gehege zu bringen. Und Aufdeckerjournalisten, die für ihre Recherchen einiges riskieren.

Riskant seien auch die Dreharbeiten gewesen, erzählt Ladkani, ein guter Teil der Produktionskosten von 2,5 Millionen Dollar sei für Securitymaßnahmen draufgegangen. Das Geld musste schnell aufgestellt werden, immerhin galt es, eine Spezies zu retten. „Terra Mater ist da ziemlich einzigartig in Mitteleuropa“, sagt Ladkani. „Weil sie Finanzen hinter sich haben, mit denen sie ins Risiko gehen können. Andere Firmen sind auf Förderungen oder Fernsehsender angewiesen.“ Ein Konzern wie Red Bull hilft da natürlich (wenngleich „Sea of Shadows“ auch Förderungen erhielt). „Die Mär, dass der Konzern alles zahlt, was wir machen wollen, stimmt aber nicht“, sagt Köhler. „Wir müssen haushalten wie jeder andere.“

Einen tatsächlichen Naturfilm im „Aquarium der Welt“ wird Terra Mater jedenfalls so bald nicht drehen. „Niemand von uns würde sich jetzt noch an den Golf trauen. DiCaprio kann man auch nicht empfehlen, da hinzufahren.“

„SEA OF SHADOWS“

Krimi-Umweltdoku. „Sea of Shadows“ erzählt von kriminellen Netzwerken, die im Golf von Kalifornien wildern lassen und dadurch den Vaquita, den kleinsten Wal der Welt, auszurotten drohen. Gedreht hat den Film der Regisseur und Kameramann Richard Ladkani, produziert hat ihn die Red-Bull-Tochter Terra Mater in Zusammenarbeit mit Leonardo DiCaprio. Beim Sundance-Festival, bei dem er im Februar Weltpremiere hatte, gewann er einen Publikumspreis.

Ab Freitag ist er im Kino zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2019)