Blankoscheck für Datenspione

(c) REUTERS (STOYAN NENOV)

Viele Internetnutzer wissen, dass sie beobachtet werden, es stört sie aber nicht. Datenschützern fehlen schärfere Sanktionsmöglichkeiten. Grundsätzlich stellt sich die Frage, wessen Aufgabe es ist, Daten zu schützen.

Österreichs Internetnutzergemeinde begibt sich sehenden Auges in Gefahr. Zwar sind laut einer aktuellen Umfrage die meisten davon überzeugt, dass ihre Daten von Anbietern wie Facebook, Twitter und Google ausspioniert werden, gleichzeitig zeigte sich der Großteil der Befragten aber gleichgültig gegenüber der Sammelwut. So gaben 54,9 Prozent an, dass es sie nicht kümmere, wenn Google für die kostenlose Nutzung seiner Dienste ihre Personen- und Verhaltensdaten aufzeichnet.

Die Befragung von 1100 Personen durch das Beratungsunternehmen Oekonsult zeigt, dass den Österreichern das Problem Datenschutz zwar bewusst ist, im Großen und Ganzen aber eine „Ist mir wurscht“-Mentalität herrscht – beziehungsweise ein gewisser Fatalismus. So glauben 85Prozent, dass der einzelne Bürger sich in Sachen Datenschutz ohnehin nicht gegen Branchenriesen wie Facebook und Google durchsetzen könne. Und knapp 58Prozent sagen, ihnen sei die ganze Datenschutzmaterie zu kompliziert.

Dabei existieren Probleme durchaus. Erst vor Kurzem zeigte sich, dass Google mit seinen Kameraautos auf der ganzen Welt nicht nur Fotos für seinen virtuellen Stadtrundgang „Street View“ aufgenommen, sondern dabei auch kurzerhand Datenverkehr von lokalen Drahtlosnetzwerken (WLAN) abgehört hatte. 600 Gigabyte, um genau zu sein. „Das war ein Fehler“, gab Google zu. Etwas anders sieht das Australiens Kommunikationsminister, Stephen Conroy. Er hat Google am Montag vorgeworfen, die Daten absichtlich gesammelt zu haben, und sieht „den größten Datenschutzskandal in der Geschichte der westlichen Demokratie“. Ein Vorwurf, den viele Datenschützer teilen, aber nur selten öffentlich äußern.

 

Selbst schuld?

Auch Österreichs WLAN-Netze wurden angezapft. Allerdings nur ungeschützte. Wer sein Netzwerk mit einem Passwort gesichert hat, ist nicht betroffen. Die Datenschutzkommission reagierte verschnupft und forderte von Google die umgehende Löschung der Daten. Anders in Deutschland. Dort will man die Löschung verhindern, um Beweismaterial zu sichern. Österreichs Datenschützerin Waltraut Kotschy erklärte gegenüber der „Presse“, dass für sie das größere Risiko darin bestehe, dass die Daten erhalten bleiben. Daher hatte sie auf die Löschung gepocht. Google kam der Forderung nach. Zumindest laut Angaben des US-Unternehmens ISEC, das die Löschung überwacht haben will.

Kotschy sieht aber auch ein Problem im Verhalten der Nutzer. „Sie kümmern sich nicht um Sicherheit oder können die Problematik nicht einschätzen“, sagt Kotschy, geschäftsführendes Mitglied der Datenschutzkommission. Daher fordert sie auch, dass etwa WLAN-Zugangspunkte ab Werk gesichert eingestellt sind. Ein Problem sei auch, dass es kaum Sanktionen in Sachen Datenschutz gebe.

Derzeit gibt es neben Google noch einen zweiten großen Buhmann. Das Online-Netzwerk Facebook gerät seit Monaten immer stärker ins Visier der Behörden. Zwei Millionen Österreicher bevölkern das Portal bereits, 70 Prozent der Jugendlichen nutzen es täglich. Sein Chef Mark Zuckerberg soll laut Mitarbeiter die Ansicht vertreten, dass Datenschutz irrelevant ist. Wegen geänderter Geschäftsbedingungen, die es Facebook erlauben, Daten von Nutzern ohne deren Einwilligung an Dritte weiterzugeben, haben 15 Konsumentenschutzorganisationen bei der US-Handelsbehörde FTC Beschwerde eingelegt. Auch aus dem US-Senat hat es Vorwürfe gegen Facebook gehagelt.

Als besonders gefährlich empfinden es Datenschützer, dass die Standardeinstellungen auf Facebook sehr viele persönliche Daten für alle sichtbar machen. Erst wenn man diverse Funktionen deaktiviert, sind sie nur noch für Freunde oder bestimmte Personengruppen sichtbar.

„Google hat zu viel Macht“

Grundsätzlich stellt sich aber die Frage, wessen Aufgabe es ist, die Daten zu schützen. Gerade bei Facebook gibt es Wege, sie zu verbergen. Die muss man aber erst einmal finden. Das Unternehmen hat angekündigt, hier nachzubessern. Auch sonst liegt es in der Macht der Nutzer, wie viele Daten die Unternehmen erhalten. „Wenn die Welt nicht wollte, dass Google existierte, wäre Google tot“, sagte Gustaf Neumann, Vorstand des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der WU, zur „Presse“. Viele Nutzer wollen aber, dass sie möglichst stark in Google vertreten sind. Selbst weigert er sich, seine E-Mails Googles Dienst Gmail anzuvertrauen: „Google hat schon zu viel Macht.“ Der Grund, warum Nutzer sich nicht ausreichend schützen, sieht er in deren Faulheit. Die aktuelle Studie scheint ihm recht zu geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2010)