Blockchain: Baustein auf dem Weg zur intelligenten Fracht

Mit Hilfe der Blockchain-Technologie könnten sich künftig Pakete ganz von allein den Weg zum Empfänger suchen.
Mit Hilfe der Blockchain-Technologie könnten sich künftig Pakete ganz von allein den Weg zum Empfänger suchen.(c) Getty Images/iStockphoto (undefined)

. Die revolutionäre Technologie hat das Potenzial, zum Gamechanger in der Logistik zu werden. In Österreich testet man derzeit im Rahmen eines Pilotprojekts ihre Anwendung beim digitalen Frachtbrief.

Bei LKW Walter und DB Schenker hat man dem Papierkrieg den Kampf angesagt. Statt auf die fehleranfälligen und umständlichen papierbasierten Frachtbriefe (CMR), die jeder Fahrer mitführen muss, setzen die Unternehmen künftig auf dessen digitale Form, den e-CMR. Der eigentliche Clou dabei ist, dass man sich dabei der Blockchain bedienen will, einer Technologie, „die die Verfügbarkeit, den Zugriff und die Weiterverarbeitung der Dokumente zu jedem Zeitpunkt transparent und sicher für alle am Transportprozess beteiligten Parteien ermöglicht“, wie Michael Schramm vom Blockchain-Kompetenzzentrum des Beratungsunternehmens EY erklärt.

 

Standardlösung im Blick

Schramm ist Leiter der im Frühjahr gegründeten „Blockchain Initiative Logistik“, einem Konsortium, dem sich neben den beiden Logistikunternehmen LKW Walter und DB Schenker auch die auf elektronischen Datenaustausch spezialisierte GS1 Austria samt Tochterunternehmen Editel Austria angeschlossen haben. Ebenfalls mit an Bord sind die Bundesvereinigung Logistik Österreich (BVL) und das Institut für Transport und Logistik-Management der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), das das Projekt wissenschaftlich begleitet. Mit einer derartigen Branchenlösung, so rechnet Schramm vor, ließen sich jährlich rund 75 Millionen Transaktionen bei österreichischen Logistikern automatisieren und nebenbei Fehler- und Betrugsmöglichkeiten minimieren – eine immense Zeit- und Ressourcenersparnis, aber auch Erhöhung der Datenqualität.

Derzeit steht man aber noch ziemlich am Anfang. „In den vergangenen Monaten haben wir uns darauf konzentriert, die Prozesse bei unseren Projektpartnern zu analysieren, und gemeinsam die Voraussetzungen für die Implementierung der Plattform erarbeitet“, berichtet Schramm. Im Laufe des Oktobers soll die Lösung dann fertiggestellt und bei DB Schenker und LKW Walter bis Ende des Jahres einem Praxistest unterzogen werden. Im kommenden Jahr schließlich ist die Überführung in eine kommerzielle Plattform geplant – so sie sich denn bewährt.

Daran hat Schramm aber keine Zweifel: „Die Blockchain birgt für alle Branchen, speziell jene mit vielen standardisierten Prozessen wie Transport und Logistik, enormes Potenzial“, ist er überzeugt. Als wesentlichen Vorteil gegenüber den derzeit gängigen Einzellösungen bezeichnet er die Tatsache, dass es sich dabei um ein weltweit etabliertes Verfahren handle, das geradezu prädestiniert sei für die Entwicklung branchenspezifischer Standardlösungen. „Bei gleichzeitiger Erhöhung der Datenqualität, Schnelligkeit und Sicherheit“, streicht er hervor.

Solche Überlegungen spielten auch bei LKW Walter eine Rolle, als man sich entschloss, an dem Projekt teilzunehmen. „Im Rahmen interner Innovationsinitiativen haben wir einige Themen identifiziert, bei denen uns die Blockchain-Technologie unterstützen könnte. Der e-CMR beziehungsweise die elektronischen Frachtdokumente waren eines davon“, berichtet Innovationsmanager Matthias Leibetseder. Mit dem Projekt wolle man wertvolles Know-how sammeln und aktiv an der Umsetzung neuer Standards mitwirken, „um Einzellösungen zu vermeiden und Prozesse effizient und einfach zu gestalten“.

 

Transparenter Transportweg

Der digitale Frachtbrief ist bei Weitem nicht das einzige Einsatzgebiet der Blockchain in der Logistik. Derzeit laufen etwa in den Häfen Rotterdam und Amsterdam Pilotprojekte zur Automatisierung und Rationalisierung der Containerlogistik. Auch bei der Nachverfolgung von Gütern, etwa Lebensmitteln, Impfstoffen oder Diamanten, gibt es erste Testläufe. Das Diamantenhandelsunternehmen De Beers etwa bietet seinen Kunden neuerdings an, über ein branchenweites Blockchain-Diamantenbuch den Lieferweg der Edelsteine vom Zeitpunkt ihres Abbaus bis ins Geschäft zu verfolgen.

Die universelle Einsatzfähigkeit der Blockchain beruht auf ihrer spezifischen Eigenart. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um die digitale Variante eines Hauptbuchs, in das bei der Buchhaltung alle Geschäftsvorfälle systematisch eingetragen werden. Dieses „ digitale Buch“ liegt auf allen beteiligten Rechnern, wobei jede Änderung in allen Kopien gleichzeitig registriert wird. Alle Transaktionsbeteiligten sind somit immer auf dem neuesten Stand.

Für Mario Dobrovnik vom Institut für Transport und Logistik an der WU Wien haben Blockchain-Anwendungen durchaus das Potenzial, in der Logistik zum „Gamechanger“ zu werden. Voraussetzung dafür sei, dass solche Lösungen offen und kompatibel gestaltet werden, „denn nur so kann eine entsprechende Durchdringungsrate des Marktes erreicht werden“, unterstreicht der Experte. Er verweist auf Initiativen wie die „Blockchain in Transport Alliance“ (BiTA), die die Standardisierung von Anwendungen in der Transportbranche vorantreibt. „Derzeit“, sagt er, „stehen wir aber ganz am Anfang.“ Da die Blockchain in Konkurrenz zu anderen, bereits etablieren Systemen stehe, müssten sich die Unternehmen fragen, ob das für sie die aktuell sinnvollste Lösung sei. „Da kommen ökonomische, technologische, aber auch Überlegungen zur Nachhaltigkeit ins Spiel.“

 

Einstieg via e-CMR

Dass man in Österreich beim Frachtbrief ansetzt, findet Dobrovnik gut. „Mit dem elektronischen Frachtbrief e-CMR gibt es bereits einen europaweiten Standard. Das macht der Logistik-Industrie einen Einstieg relativ einfach und planbar. Der Erfolg dieser Lösung hängt aber auch davon ab, ob der Gesetzgeber weiterhin bestehende rechtliche Unsicherheiten beseitigt.“ Richtig spannend werde es dann, wenn die Blockchain mit weiteren zukunftsträchtigen Technologien wie künstlicher Intelligenz oder dem Internet der Dinge (IoT) kombiniert wird. „Damit ließe sich ein Grad der Automatisierung erreichen, bei dem die Waren sich den Weg zum Empfänger selbst suchen und Zahlungen völlig autonom geleistet werden.“

Info

Die Blockchain ist eine Art digitales Register, in dem alle Daten einer Transaktion verschlüsselt gespeichert werden. Abgelegt wird es im Rahmen eines Peer-to-Peer-Netzwerkes auf den Rechnern aller daran beteiligten Parteien, sodass jeder über Änderungen in Echtzeit im Bilde ist. Die entsprechenden Datenblöcke sind mit Zeitstempeln versehen und übereinander aufgebaut, was Manipulationen verhindert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2019)