Studentenleben

Pokern um den Seminarplatz: Der Anmeldewahnsinn tobt

Studenten, Universität
Verzweiflung kennen Studierende nicht nur vom Aufnahmetest, auch von der Anmeldephase.APA/ Herbert Neubauer

Kurz vor Semesterbeginn müssen Studierende entscheiden, für welche Seminare sie sich anmelden.

Aktuell sitzen viele Studierende der Uni Wien (und nicht nur dieser) auf Nadeln, wie sie einen Platz in ihrem Wunschseminar bekommen. Warum ist das so?

Auf der Universität Wien gibt es zwei Anmeldesysteme für Lehrveranstaltungen mit begrenzter Platzanzahl: das Präferenzsystem und das Punktesystem.

Das Präferenzsystem funktioniert ganz einfach: Pro Lehrveranstaltung gibt es mehrere Angebote, man wählt seine Präferenzen aus und reiht diese dementsprechend.

Das Punktesystem ist nicht so leicht zu durchschauen und unbeliebt in Studentenkreisen. Noch dazu gilt es als ungerecht, da die Wahl des Wunschseminars nur selten gelingt. Jeder Studierende hat zu Semesterbeginn ein Kontingent von 1000 Punkten zur Verfügung. Diese setzt er auf Lehrveranstaltungen. Je mehr Punkte, desto höher die Priorität im Vergleich zu den Mitbewerbern.

Was daran schwierig sein soll, enthüllt sich Außenstehenden nicht auf den ersten Blick. Es gibt vieles zu beachten. Die wichtigste Frage lautet: Mindeststudienzeit oder Hauptsache irgendwo angemeldet?

Schwere Zeiten für Chaoten

Es empfiehlt sich, für die Anmeldungstage genug Kaffeevorrat daheim zu haben. Denn es wird mühsam. Also: Zuerst muss man wissen, welche Seminare man im kommenden Semester machen muss/will und das Angebot dafür checken.

Das wichtigste Kriterium? Interesse, sollte man meinen. Stimmt nicht. Entscheidend sind terminliche Vereinbarkeit und vor allem (!) die Empfehlungen in diversen Facebook- und WhatsApp-Gruppen. In den Tagen der Anmeldung laufen die Kanäle heiß. Ständig werden kryptische Fragen gepostet: „Könnt ihr mir jemanden für AT WERB empfehlen?“, „Hat jemand Erfahrung mit Professor X?“ oder „Kann mir jemand sagen, mit welcher Übung ich am wenigsten Aufwand habe?“

Das System durchschauen

Jetzt geht es ans Rechnen, Tüfteln und strategische Denken (ja, auch für Studierende der Sozialwissenschaften). Für wie viele Lehrveranstaltungen melde ich mich an? Und wie teile ich meine Punkte auf? Steht nur eine Übung am Plan, ist es ganz klar. Man setzt alle 1000 Punkte. Problematisch wird es ab zwei, drei oder sogar vier Anmeldungen. Logisch wären 250 Punkte pro Seminar. Falsch!

Schlaue schauen sich die Anmeldungen genauer an. Bei einem Platzangebot für 30 Personen sieht man sofort, wie viele Mitstudierende sich vorgemerkt haben - nicht aber, wie viele Punkte sie gesetzt haben.

Jetzt geht es ans Pokern: Für Seminare, die bereits mehr Anmeldungen als verfügbare Plätze haben, muss man mehr als unsere 250 Punkte setzen. Gibt es nur 15 Vormeldungen für 30 Plätze, genügt einer. Typischerweise sind das ungeliebte Seminare bei ungeliebten Professoren, meist um acht Uhr morgens. Trotzdem muss man dranbleiben, um womöglich kurz vor Anmeldeschluss, meist um 18 Uhr, noch einmal alles umzusetzen.

Am nächsten Morgen gilt der erste Blick dem Smartphone, genauer gesagt dem E-Mailordner.

Bei Happy End: Es poppt für jedes Seminar eine Mail auf mit dem Inhalt „Sehr geehrte/r Studierende/r! Sie sind angemeldet zu: XXX. Viel Erfolg! Mit freundlichen Grüßen, Ihr StudienServiceCenter“ – Hurra, das Semester kann beginnen!

Bei Unhappy End: Ohne Zusage beginnt das ganze Spiel von vorn. Diesmal über die sogenannte Ummelde-Liste. Und die ist nicht weniger mühsam...

Bewährte Tipps

  • Sich fragen: Ist es mir wichtiger, die Uni in Mindestzeit abzuschließen? Oder will ich lieber immer im Wunschseminar sitzen, dadurch aber vielleicht ein Semester verlieren?
  • Die eigenen z.B. Top-3-Seminare aussuchen und ein paar Alternativen. Bei knappem Platzangebot der Lieblingskurse auf die anderen ausweichen.
  • Oft ist es sinnvoll, etwa nicht 250, sondern 251 Punkte zu setzten. So hebt man sich von den anderen ab.
  • Den Abend des Anmeldeschlusses freihalten und vor dem Laptop verbringen.
  • Die Anmeldungen ständig (dafür der Kaffee) im Blick behalten und wenn nötig in letzter Minute Punkte umplatzieren. Das birgt aber ein gewisses Risiko.
  • Wenn es nicht klappt: Auf die Ummelde-Liste setzen. Und dort auf Restplätze hoffen.