Albertina Modern: Moderne Kunst soll den „Ungeist“ im Künstlerhaus vertreiben

Am Wiener Karlsplatz entsteht gerade „Wiens neuer Standort für moderne Kunst“.
Am Wiener Karlsplatz entsteht gerade „Wiens neuer Standort für moderne Kunst“.(c) APA/HERBERT NEUBAUER

. Noch ist hier Baustelle, aber die künftige Dependance der Albertina im Künstlerhaus nimmt Formen an. Eröffnet wird am 12. März mit österreichischer Kunst von 1945 bis 1980, langfristig soll hier heimische Gegenwartskunst im internationalen Kontext präsentiert werden.

Zwischen Leitern, Stahlgerüsten, Bauplänen und Paletten voller Steinplatten entsteht am Wiener Karlsplatz gerade „Wiens neuer Standort für moderne Kunst“, wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder die künftige Dependance des Museums in seinen bescheidensten Worten nennt. Er trägt als Einziger keinen Bauhelm, als er durch das Gebäude führt, das gerade für 50 Millionen Euro restauriert und an heutige museale Vorgaben angepasst wird. Bezahlt wird das vom Industriellen Hans Peter Haselsteiner, der, wie Schröder erzählt, damit dessen Vision umsetzt: Nachdem Haselsteiner gerade die Sammlung Essl gerettet hatte, indem er 60 Prozent davon übernahm – das war 2014 –, habe er Schröder gefragt, was dieser mit den Werken tun würde. Seine Antwort: Ins Künstlerhaus damit, und in die Hände eines Bundesmuseums!

Wenig später übernahm Haselsteiner den Löwenanteil des Künstlerhauses von der Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs, die sich die notwendige Sanierung nicht hätte leisten können. Diese behält ein paar Räume, im Grunde wird das Haus nun aber von der Albertina genutzt, die ab 12. März mietfrei auf 2500 m2 Highlights aus der Essl-Sammlung (die Essl-Familie hat ihren Anteil daran mittlerweile auch der Albertina geschenkt) präsentieren wird und aus den bisherigen Beständen, die im Haupthaus, 500 Meter Luftlinie entfernt, keinen Platz mehr finden.

 

Modern, betont auf der ersten Silbe

„Albertina Modern“ heißt die Dependance also, Schröder betont „modern“ auf der ersten Silbe, wie um den globalen Anspruch zu betonen: Der Fokus des Hauses soll auf österreichische Kunst gerichtet sein, aber immer im internationalen Kontext. Schröder garantiert eine „faire Verteilung“, zwei Drittel der Werke sollen von Österreichern sein.

Die Eröffnung musste schon verschoben werden, nun sei der Baufortschritt aber gut. Die Ausstellungsräume erstrahlen bereits in Weiß, im Eingangsbereich will man genau davon weg: 15 Farbschichten habe man an den Wänden gezählt, die letzten waren alle weiß. Jetzt soll der historistische Glanz wiederhergestellt werden, mit farbprächtigen Verzierungen, Vergoldungen an der Decke und Terrazzoböden, für die handgeschlagene Steinchen aus Italien verlegt werden. Das Haus, das der Kaiser 1865 der Gesellschaft bildender Künstler schenkte, hat viel durchgemacht. Bei der Restaurierung stellte sich also die Frage: Welchen Zustand will man erhalten bzw. wiederherstellen? Die Entscheidung fiel auf den um 1900. Das heißt auch: Die Statuen von Velázquez, Bramante, Tizian und da Vinci, die damals schon vor dem Eingang standen, dürfen bleiben.

Das Gebäude umwehe seit jeher ein „Ungeist“, sagt Schröder und verweist u. a. auf die NSDAP-Verwicklungen der Künstlerhaus-Gesellschaft. Diesen „Ungeist“ vertreiben will er mit seinem Programm: Die Eröffnungsschau, „The Beginning“, widmet sich der „Stunde null nach 1945“, als im Kulturverständnis noch unbeirrt das Nazitum weitergelebt habe und österreichische Künstler dagegensetzten: fantastische Realisten, Abstrakte, Wiener Aktionisten, die feministische Avantgarde. Die nächste Ausstellung soll danach nur Internationales zeigen, die dritte dann die Kombination, die das Haus langfristig ausmachen soll.

Geplant ist ein Wechselausstellungsbetrieb, dazwischen wird geschlossen. Um auch Dauerausstellungen zu zeigen, würde die Albertina gern das im Haus befindliche Theater, das zuletzt das Brut bespielt hat, dazu ergattern. Ob sich dafür schon ein Mäzen gefunden hat, verriet Schröder nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2019)