"Drogenstaat"

Anwalt eines Drogenprozess-Kronzeugen in Amsterdam erschossen

Ein Unbekannter erschoss den 44-Jährigen auf offener Straße. Der Chef der Polizeigewerkschaft NPB, Jan Struijs, nannte die Niederlande einen "Drogenstaat".

In den Niederlanden ist ein Anwalt getötet worden, der den Kronzeugen in einem Drogenprozess gegen die zwei meistgesuchten Verbrecher des Landes verteidigt hatte. Nach Polizeiangaben erschoss ein unbekannter Täter den 44-jährigen Rechtsanwalt am Mittwoch in Amsterdam auf offener Straße.

Der niederländische Regierungschef Mark Rutte bezeichnete die Tat als "sehr alarmierend". Der Chef der Polizeigewerkschaft NPB, Jan Struijs, nannte die Niederlande einen "Drogenstaat".

Täter floh zu Fuß

Nach Angaben der Polizei wurde der 44-Jährige gegen 7.30 Uhr kurz nach Verlassen seiner Wohnung erschossen. Der Täter, der laut Polizei eine Kapuzenjacke trug, sei anschließend zu Fuß geflohen. Die Polizei leitete eine Fahndung ein und veröffentlichte einen Zeugenaufruf. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf.

Der Anwalt hatte den Kronzeugen in einem großen Drogenprozess verteidigt. Ein Jahr zuvor war bereits der Bruder des Kronzeugen getötet worden. Der Prozess richtet sich gegen die beiden berüchtigtsten Kriminellen der Niederlande. Gegen die beiden wurden internationale Haftbefehle wegen Mordes und Drogenhandels erlassen.

„Angriff auf Rechtsstaatlichkeit"

"Das ist die Bestätigung dafür, dass wir in einem Drogenstaat leben", sagte Polizeigewerkschaftschef Struijs zur Ermordung des Anwalts. Er bezeichnete die Tat als "gewaltsamen Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit".

Ein Anfang September veröffentlichter Bericht mit dem Titel "Die andere Seite von Amsterdam" hatte der niederländischen Hauptstadt ein gravierendes Drogenproblem bescheinigt. "Die organisierte Kriminalität in Verbindung mit Drogen hat einen bedeutenden Einfluss auf die Stadt", hieß es in dem Report.

Die Polizeigewerkschaft NPB vertritt die Ansicht, die niederländische Politik unterschätze die Drogenkriminalität. Justizminister Ferdinand Grapperhaus hatte den von der Gewerkschaft verwendeten Begriff "Drogenstaat" bereits im vergangenen Jahr deutlich zurückgewiesen und auf Personalmangel bei den Ermittlungsbehörden verwiesen.