Der Balanceakt des Jerome Powell

Balanceakt für Fed-Chef Jerome Powell.
Balanceakt für Fed-Chef Jerome Powell.(c) REUTERS (SARAH SILBIGER)

Die Fed senkt die Zinsen erneut, der weitere Pfad ist jedoch keineswegs in Stein gemeißelt.

New York. Aus Sicht der Börsianer verlief das Treffen der Federal Reserve relativ ereignislos, das ist grundsätzlich gut so. Wie erwartet, senkte die wichtigste Notenbank der Welt den Leitzins um einen Viertelpunkt auf 1,75 bis zwei Prozent.

Das war eingepreist, entsprechend verhalten reagierten die Märkte. Notenbanker versuchen tunlichst, Überraschungen zu vermeiden. Das ist gelungen.

Doch zeigt ein genauerer Blick, dass die Geldpolitik auf unruhige Zeiten zusteuern könnte. Von den zehn stimmberechtigten Mitgliedern des Fed-Komitees verweigerten drei die Gefolgschaft. Was die Sache komplizierter macht: Zwei von ihnen plädierten auf unveränderte Zinsen, einer – der durchaus einflussreiche James Bullard aus St. Louis – auf eine noch deutlichere Reduktion.

 

Schwieriger Balanceakt

Darin liegt auch ein entscheidender Unterschied zur Europäischen Zentralbank. In Frankfurt sind sich die Währungshüter ebenfalls uneins. Doch ist der grundsätzliche Pfad in Richtung Lockerung der Geldpolitik vorgezeichnet. Den Falken rund um Deutschlands Jens Weidmann ist vor allem das Kaufprogramm von Anleihen ein Dorn im Auge. Daran, dass die Konjunktur unrund läuft und ein Exit aus einer ultraexpansiven Politik vorerst abgeblasen ist, zweifeln auch sie nicht.

In den USA hingegen hat Fed-Chef Jerome Powell einen Balanceakt vor sich, der nur schwer zu meistern ist. Auf der einen Seite die immer noch solide Wirtschaft, eine niedrige Arbeitslosigkeit und eine Teuerung im vorgeschriebenen Rahmen von knapp unter zwei Prozent. Auf der anderen Seite die Angst vor einer Abkühlung, die geopolitischen Risken und Donald Trump, der lautstark dramatische Zinssenkungen fordert.

Bislang war das alles zu bewerkstelligen. Powell kommunizierte fehlerfrei, kündigte sowohl die Senkung im Juli als auch die jetzige zeitgerecht an. Widerstand gab es kaum, angesichts des ungelösten Handelskriegs und der daraus drohenden Gefahren waren sich Ökonomen einig, dass die Geldschleusen zumindest wieder ein wenig geöffnet werden sollen. Doch nun wissen die Börsianer nicht so recht, wie es weitergehen soll: Rund die Hälfte erwartet für das nächste Treffen, Ende Oktober, eine weitere Senkung, die andere Hälfte nicht.

 

Verunsicherung auf dem Markt

Auch bis Jahresende ist keine Tendenz vorgezeichnet. Die Wahrscheinlichkeit eines Kommunikationsfehlers ist gestiegen. Geldpolitische Überraschungen sind auf den Märkten nicht beliebt. Diese sehen gerne einen Pfad, dem sie folgen können. Ihn vorzugeben wird in den nächsten Wochen die Hauptaufgabe Powells sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2019)