Der ökonomische Blick

Wer betreut unsere Kinder? Politik und Väter sollten sich noch bewegen

Gruene wollen Grundsicherung fuer Kinder
APA/dpa/Wolfram Steinberg

Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Martin Halla über die Kinderbetreuung in Österreich.

Auch wenn es im Wahlkampf kaum ein Thema war: Die Frage wer die Kinder betreut ist noch immer brisant - und ein hochpolitisches Thema. Eltern treffen diese Entscheidung vor dem Hintergrund der spezifischen familiären Situation, der herrschenden Karenzregelungen, der privaten und öffentlichen Kinderbetreuungsangebote, der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation und der vorherrschenden sozialen Normen. Diese Liste an Faktoren verdeutlicht, wie stark diese im Grunde private Entscheidung durch die Politik beeinflussbar ist. Die Politik darf die Signifikanz dieser prinzipiell privaten Entscheidung und der öffentlichen Interventionsmöglichkeiten nicht unterschätzen. Es geht hier nicht „nur“ darum mit einer optimalen Elementarpädagogik ein Fundament für die bestmögliche kognitive und emotionale Entwicklung der nächsten Generation zu schaffen, sondern es ergeben sich daraus direkte Konsequenzen für eine Reihe anderer politik-relevanter Bereiche. Diese umfassen die intergenerationale Bildungsmobilität, den Arbeitsmarkt sowie die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Zugegebenermaßen ist es aufgrund der zahlreichen Faktoren und Wirkungsmechanismen nicht trivial politische Maßnahmen zu optimieren. Darüber hinaus stellen sich hier normative Fragen, die nur schwer einer Optimierungslogik unterwerfen zu sind. Nichtsdestoweniger gibt es hier klare nicht eingelöste Versprechungen der Politik und fehlende Bemühungen vieler Väter.

Der ökonomische Blick

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Es fehlen vielerorts immer noch attraktive Kinderkrippen

Die österreichische Politik der letzten Jahrzehnte war und ist es sowohl formal Kinderbetreuung anzubieten bzw. zu subventionieren, als auch die Betreuung durch die Eltern zu Hause mittels Kinderbetreuungsgeld zu ermöglichen. Die parallele Subvention von diesen zwei „konkurrierenden“ Modellen—d.h. Betreuung in einer Kinderkrippen/Kindergarten versus Betreuung durch Eltern—ist von einem liberalen Standpunkt her zu begrüßen, da sie den Eltern im Prinzip eine Wahlfreiheit ermöglicht. Leider war und ist in vielen Regionen diese Freiheit aufgrund eines unzulänglichen Angebotes an Kinderbetreuungseinrichtungen für unter Dreijährige noch nicht gegeben. Den größten Mangel gibt es im ländlichen Raum und generell wären bessere Öffnungszeiten sowie eine geringe Anzahl an Schließtagen wünschenswert. 

Es sind immer noch die Mütter, die den Arbeitsmarkt verlassen

Die Regelungen rund um das Kinderbetreuungsgeld haben sich im Laufe der Jahre stärker an den Bedürfnissen der Familien angepasst. Die Politik hat in diesem Rahmen auch Anreize geschaffen, die Kinderbetreuung gleicher zwischen den Eltern verteilen sollen. Obwohl ein klar steigender Trend bei der Väterbeteiligung zu beobachten ist, übernehmen immer noch die Mütter den größten Teil der Bezugsdauer. Auch nach Beendigung der Elternkarenz, weisen Mütter eine signifikant höheren Teilzeitquote als die Väter auf. All diese Statistiken zeichnen ein klares Bild: es sind mehrheitlich die Mütter, die ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt zu Gunsten der Kinder zurückschrauben.

Sozialen Normen sind ausschlaggebend und im Wandel

Das fortwährende Ungleichgewicht in der Arbeitsmarktbeteiligung zwischen den Geschlechtern könnte mit finanziellen Überlegungen im Zusammenhang stehen. Väter haben in der Regel ein höheres Arbeitseinkommen. Ein aktuelle Forschungsarbeit liefert jedoch Evidenz dafür, dass in Österreich der Wunsch nach einer traditionelle Rollenteilung per se sehr ausgeprägt ist. Es wurden rund 48.000 Eheleute mit Kindern untersucht, wo der Vater im Zeitraum zwischen 1990 und 2007 seinen Job aufgrund einer Firmenschließung oder Massenkündigung verlor. Obwohl diese Haushalte (auch nach Empfang von Transferleistungen) über Jahre massive Einkommensverluste erlitten, stieg die Arbeitsmarktbeteiligung der Mütter in diesen Haushalten in einem nur winzigen Ausmaß an. Die Gruppe der Mütter mit kleinen Kindern (unter 3 Jahren) reagierte überdies gar nicht. Es scheint, als ob Eheleute bereit sind massive Einkommensverluste in Kauf zu nehmen um eine Arbeitsmarktbeteiligung der Mutter abzuwenden. Mit anderen Worten, österreichische Eheleute haben eine sehr hohe Zahlungsbereitschaft für das „zuhause bleiben“ von Müttern (mit jungen Kindern). Es liegt natürlich nahe, dass es hier vornehmlich um die Kinderbetreuung geht. Diese Interpretation ist im Einklang mit Befragungsdaten des World Values Survey. Ein hoher Anteil an ÖsterreicherInnen ist der Meinung, dass „Kinder unter der Berufstätigkeit der Mutter leiden“. Im Jahr 1990 äußerten 44 Prozent aller Befragten eine starke Zustimmung zu dieser Aussage. Erstaunlicherweise war das Geschlecht der Befragten nicht sehr ausschlaggebend. Österreich war mit diesem Wert ein im internationalen Vergleich ein echter Ausreißer. Um so erstaunlicher ist es, wie stark dieser Wert im Laufe der Jahre gesunken ist. (1999: 31%, 2008: 23%, 2017: 11,8%). Im Jahr 2017 stimmten nur mehr 11,8% dieser Aussage „stark zu“. Dieser Wert liegt zwar immer noch signifikant über jenem aus Dänemark und anderen skandinavischen Ländern, wir haben jedoch zu Deutschland aufgeschlossen (siehe Grafik unten).

Die österreichische Datenlage ist unvollständig

Es ist nicht untersucht worden, welche Faktoren diese starke Veränderung in Österreich hervorgerufen haben. Weiters ist unklar, ob die Veränderung in der geäußerte Meinung mit irgendeiner Verhaltensveränderung einhergegangen ist. Um ein vollständiges Bild über die Verteilung der Kinderbetreuung zu erhalten, bedürfte es Daten einer aktuellen Zeitverwendungserhebung. Eine solche Erhebung erfasst von einer Stichprobe von Haushalten sämtliche Aktivitäten im Tagesverlauf und geht in ihrer Informationstiefe weit über die Arbeitsmarktdaten hinaus. In Österreich wurde die letzte solche Erhebung vor mehr als 10 Jahren durchgeführt. Es ist auch unklar, ob sich Österreich an der dritten harmonisierte Europäische Zeitgebrauchserhebungen im Jahr 2020 beteiligen wird. Es ist sehr bedauerlich, dass kein ausreichendes Datenmaterial zur Verfügung steht um die Betreuungssituation vollständig zu beurteilen.


Weiterführende Informationen:

Halla, Martin, Julia Schmieder, und Andrea Weber (2018), "Job Displacement, Family Dynamic, and Spousal Labor Supply", IZA-Diskussionspapier Nr. 11752; siehe auch: https://voxeu.org/article/job-displacement-family-dynamics-and-spousal-labour-supply

Der Autor

Martin Halla ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität Linz. Sein primäres Forschungsgebiet ist die angewandte Mikroökonometrie in den Bereichen Arbeit, Familie und Gesundheit.

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