Wenn der Diskurs den Hörsaal verlässt

DIW-Chef Marcel Fratzscher.
DIW-Chef Marcel Fratzscher.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Soziale Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Das Ökonomenranking berücksichtigt diese Kategorie heuer zum ersten Mal. DIW-Chef Marcel Fratzscher schafft es in der Österreich-Wertung auf Platz eins.

Wien. Es gibt wohl kaum einen Staatschef, der Twitter so intensiv nutzt wie er: Donald Trump. Der US-Präsident schimpft, brüskiert und lobt. Selbst wenn man nicht lesen will, was Trump dort tagtäglich so von sich gibt, es zu ignorieren scheint fast unmöglich. Das zeigt: Der Kurznachrichtendienst hat seit seiner Gründung 2006 enorm an Bedeutung gewonnen.

Auch für Ökonomen wird dieser Kommunikationskanal immer wichtiger. Deshalb ist diese Kategorie heuer zum ersten Mal Teil des Rankings. In den vergangenen Jahren entstand eine nennenswerte ökonomische Community, die sich über Follower auch außerhalb der Szene freuen darf.
Um für das Ökonomenranking überhaupt berücksichtigt zu werden, mussten die Ökonomen fünf Tweets im Quartal abgesetzt haben. In das Gesamtranking schafften es diejenigen, die mindestens fünf Social-Media-Punkte auf ihrem Konto verbuchen konnten. Zwar hat die Kategorie im Vergleich zu den Säulen Medien, Politik und Wissenschaft eine deutlich geringere Gewichtung bekommen. Doch konnte man sich auch ausschließlich über die Bereiche Wissenschaft und Social Media qualifizieren. Ein großer Teil der Ökonomen nutzt Twitter überhaupt nicht, so wie Gesamtsieger Ernst Fehr. Die Anzahl seiner wissenschaftlichen Zitate und seine politische Bedeutung reichen aus, um auf Platz eins des Rankings zu landen.

Als Twitter-Star unter den Ökonomen kann man Dina Pomeranz von der Uni Zürich bezeichnen. Doch hat sie hierzulande weder politischen noch medialen Einfluss, weshalb sie es nicht in die Österreich-Wertung schafft. Anders sieht das bei Marcel Fratzscher aus. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung schaffte es im Gesamtranking auf Platz zehn. Das hat er nicht nur seiner Forschungsstärke, sondern auch seiner Aktivität auf dem Kurznachrichtendienst zu verdanken. Er äußerte sich dort zuletzt mehrfach über die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und forderte die deutsche Bundesregierung zu einem Richtungswechsel in Sachen Finanzpolitik, sprich zu Investitionen, auf.

 

„Darstellen, was man tut“

Zu den aktivsten österreichischen Twitter-Ökonomen, die im Ranking vertreten sind, zählen der ehemalige Wifo-Mitarbeiter Stephan Schulmeister, der in dieser Kategorie auf dem vierten Platz landet. Harald Oberhofer reiht sich auf Rang sechs ein. Der 36-Jährige arbeitet sowohl an der WU Wien als auch am Wifo und beschäftigt sich mit empirischer Wirtschaftsforschung. Er untersucht etwa, wie Handelskriege die Wirtschaft beeinflussen oder welche Auswirkungen steuerliche Maßnahmen auf den Forschungsoutput haben. Oberhofer ist erst seit rund zwei Jahren auf Twitter aktiv, wie er sagt. Unter anderem, „weil wir zunehmend angehalten sind, darzustellen, was wir tun.“ Immerhin seien Universitäten mit Steuermitteln finanziert.

Der Nutzen, den er aus Twitter zieht: „Man ist in der Diskussion dabei, kann sich einbringen.“ Der Bekanntheit schadet es ebenfalls nicht. Als Österreicher fällt ihm außerdem auf: Die Auseinandersetzungen sind in Deutschland deutlich schärfer, die Ökonomen dort klarer politisch positioniert. In Österreich geht es indes eher „harmonisch“ zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2019)