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Kanada: Justin Trudeau und die Schatten der Vergangenheit

Wortreich und zweisprachig entschuldigt sich Justin Trudeau im Wahlkampf für sein unsensibles Verhalten.
Wortreich und zweisprachig entschuldigt sich Justin Trudeau im Wahlkampf für sein unsensibles Verhalten.(c) REUTERS (SHANNON VANRAES)

Im Wahlkampf verfolgen den Premier Vorwürfe wegen „Blackfacing“-Fotos, die ihn verkleidet als Araber und Schwarzen zeigen.

Wien/Ottawa. Die Debatte über Political Correctness ist längst von den Colleges in den USA nach Kanada geschwappt, und nunmehr ist sie mitten in den Wahlkampf hineingeplatzt. Das Paradoxe daran ist, dass es just eine Galionsfigur der liberalen, offenen und toleranten Gesellschaft trifft; einen Premier, der mehr Frauen, Vertreter von Minderheiten – allein vier Sikhs – in seine Regierung berufen hat als jeder Vorgänger, und der 25.000 Syrer in ein Land geholt hat, das sich viel zugutehält auf seine Tradition als Einwanderernation.

Nach einer Regierungskrise um den Rücktritt zweier Ministerinnen und einem Umfragetief wollte Justin Trudeau bei seiner Kampagne um eine Wiederwahl am 21. Oktober durchstarten. „Wir haben gerade erst angefangen.“ Doch jetzt verfolgen den 47-Jährigen mit dem Sonnyboy-Image auf Schritt und Tritt die Schatten der Vergangenheit – Fotos aus seiner Zeit als Lehrer an einer High School in Vancouver aus dem Jahr 2001, als er sich bei einer Faschingsparty unter dem Motto „Arabische Nächte“ als braun geschminkter Aladdin verkleidet hatte; Videos von einer Party, die ihn als Teenager zeigen, schwarz geschminkt und grimassierend; oder wie er in einer Talente-Show den Harry-Belafonte-Song „Day-O“ aufführt. All dies liegt großteils mehr als 20 Jahre zurück. Doch bereits bei einem Indien-Trip brachte ihm die Vorliebe für Kostümierung Häme ein.

„Blackfacing“ oder wahlweise „Brownfacing“ beschreibt den Vorwurf, Afroamerikaner, Latinos oder andere Minoritäten zu imitieren – oft in herabwürdigender Weise. Als Darstellungsform reicht es zurück ins Varieté des 19. Jahrhunderts. Ralph Northam, den demokratischen Gouverneur von Virginia, haben ähnliche Anschuldigungen aus College-Tagen heuer beinahe das Amt gekostet.

 

Faible für Yoga und Jogging

In Kanada, das einen entspannteren Umgang mit Skandalen und Kulturkampf-Kontroversen pflegt als die Nachbarn im Süden, schlägt sich der jugendhafte Premier mit dem Faible für Gags und bunte Socken, für Yoga und Jogging und dem Hang zur Selbstdarstellung mit Kritik am vermeintlichen Rassismus herum. Der Sohn des Langzeitpremiers Pierre Trudeau hat unter den Auspizien des Hoffnungsträgers dessen Erbe angetreten, und er entschuldigte sich bei jeder Gelegenheit für das Unrecht an den „First Nations“, den indigenen Ureinwohnern.

Nach vier Jahren ist der Nimbus des Polit-Posterboys indessen verblasst, angefeindet von rechts wie links polarisiert er das Riesenland zwischen Neufundland und British Columbia – und vor allem im Herzland schlägt ihm große Skepsis und Ablehnung entgegen. Doch Trudeau stellt sich der mitunter recht bizarren Kritik mit offenem Visier, wo immer er auftaucht – bei Wahlkampfkundgebungen wie in Winnipeg oder im Flugzeug gegenüber einer Reporterschar. Wortreich und abwechselnd in den Landessprachen Englisch und Französisch übt er Selbstkritik, entschuldigt sich für sein unsensibles Verhalten und führt dies auch auf sein privilegiertes Leben zurück.

Der Opposition liefern die Fundstücke aus Trudeaus Teenager- und Twen-Jahren bei boomender Wirtschaft und niedriger Arbeitslosenrate reichlich Wahlkampfmunition. Andrew Scheer, Chef der Konservativen und schärfster Rivale, bezeichnete den liberalen Premier als Lügner und Heuchler, ist jedoch selbst geschlagen mit Rassisten und Homophoben unter seinen Parteifreunden. Jagmeet Singh, Chef der Sozialdemokraten und ein Sikh, stellt die Charakterfrage. „Wer ist der richtige Mister Trudeau – der Mann hinter verschlossenen Türen, wenn die Kameras abgeschaltet sind?“

Die Antwort werden die Kanadier am 21. Oktober geben, vor allem in den multikulturellen Großstadtmilieus Montreals, Torontos und Vancouvers. Die Affäre Trudeau, so sie denn eine ist, ist auch ein Toleranztest für Kanada.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2019)

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