Briefschreiberin aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein mit der Hand geschriebener Brief war Ausdruck von Individualität.
Eine Verlustanzeige

Wie wir gerade unsere Handschrift verlieren

Es ist traurig, wenn eine alte und vertraute Kulturtechnik verschwindet. Derzeit geht gerade etwas verloren, was immer einen Teil menschlicher Individualität ausgemacht hat: die Handschrift, das Schreiben mit der Hand. Mit Stift auf Papier.

Wann haben Sie zuletzt mit der Hand, also ohne die Tastatur eines digitalen Mediums, einen längeren Text geschrieben? Wenn Sie im Berufsleben stehen und nicht zur Minorität der Tagebuch- oder Briefschreiber gehören, vermutlich schon lang nicht. Und wenn Sie es dann doch angehen: Entsteht da nicht das Gefühl, ungelenk geworden zu sein, zu fremdeln mit den fast ein ganzes Leben lang hindurch ausgeübten Bewegungen? Ist diese Erfahrung nicht betrüblich? Bedeutet es nicht den Verlust von etwas, was wir seit der Schulzeit als Teil unserer Individualität betrachteten? Und haben wir nicht ein ungutes Gefühl, wenn wir in der Schuldiskussion ständig von „reinen Laptop-Klassen“ hören?

Wenn die Geschichte unserer Zivilisation in den vergangenen vier Jahrtausenden wie oft behauptet eine Geschichte des geschriebenen Wortes ist, was erleben wir denn da gerade? In einer geschriebenen Welt leben wir unbestreitbar noch, ohne die Errungenschaft des Alphabets und die Kunstfertigkeit des Verfassens von Texten wären auch digitale Medien nicht möglich. Und in manchem ähneln wir heute beim Lesen mehr denn je unseren Vorfahren aus der Zeit der Papyrusrollen. Sie lesen diesen Text vielleicht auf raschelndem Papier, vielleicht aber auch auf einem Bildschirm, wo wieder von oben nach unten gescrollt wird. Das hat weniger mit Buchseiten gemeinsam als mit den Schriftrollen der Antike. Auch unsere Körperhaltung beim Tippen auf einem Tablet ähnelt dem der antiken Schreiber: Oft sitzen wir im „Schneidersitz“ am Boden, über die Tafel auf unserem Schoß gebeugt.