Sebastian Kurz auf einer seiner Wanderungen mit Fans, teilweise in türkisem Wanderoutfit.
Mediagram

Das türkise Wandertagebuch von Sebastian Kurz

Altkanzler Sebastian Kurz war einer der ersten Politiker auf Instagram, was sich jetzt bezahlt macht. Locker-lustig ist er hier nie, er gibt sich lieber staatstragend und seriös.

Am Ende des Wahlkampfes und zum Abschluss dieser kleinen Rundschau der Instagram-Profile (fast aller) Spitzenkandidaten muss man festhalten: So unterschiedlich die sechs Parteien ihren Wahlkampf angelegt haben, so unterschiedlich sind ihre Instagram-Profile. Peter Pilz hat gar keines (deswegen fehlte er hier), Werner Kogler von den Grünen ist erst seit Juni auf der zu Facebook gehörenden Fotoplattform Instagram aktiv und Sebastian Kurz zwar nicht am allerlängsten, aber am geschicktesten. Der ÖVP-Chef hat seinen Insta-Account seit 21. November 2013, nur Beate Meinl-Reisinger von den Neos war schon ein gutes Jahr früher dran (31.10.2012), hat in dieser Zeit freilich auch ohne Kanzlerinnenbonus aber nur ein Zehntel der Follower sammeln können wie Kurz. Er hat mit 115.000 Fans den Reichweiten-stärksten Politik-Instagram-Account aufgebaut; mittlerweile hat er auch am Nachbarkanal Facebook auf- und HC Strache überholt mit 800.277 Freunden (Strache: 790.000).

Doch die türkise Inszenierung funktioniert auf dem Foto-lastigen Kanal Instagram besser und reibungsloser. Gern wüsste man, wie viele Menschen für die digitalen Kanäle des Altkanzlers zuständig sind, aber es werden auch nach der Aufregung um Arno M., jenen Social-Media-Verantwortlichen, der die Festplatten aus dem Bundeskanzleramt schreddern ließ, noch genug sein. Einer oder zwei, drei allein können das nicht leisten.

Der türkise Marketingkanal setzt vor allem auf Stories. Beinah rund um die Uhr bekommt der interessierte Follower Informationen und Updates darüber, wo sich Sebastian Kurz gerade befindet oder wo man ihn reden sehen und hören kann. Viel professioneller als bei den anderen Spitzenkandidaten funktioniert auch die Nachbereitung der jeweiligen Kurz-Auftritte. Es gibt nicht nur Videoschnipsel mit kreativen Slogans und Pfeilen, sondern es werden auch die wichtigsten Aussagen herausgenommen und mehrfach die Links zum Nachsehen der jeweiligen Sendung gepostet. Für alle, die den letzten Auftritt verpasst haben.

Zweiter Schwerpunkt sind Fotos von Kurz mit Menschen in drei Kategorien: Erstens mit Wählern oder solchen, die das noch werden können, ergo: Kindern.

Zweitens mit Wanderern. Kurz verbrachte nach dem Aus der türkis-blauen Koalition in Folge des Ibiza-Videos einen Großteil seiner Sommermonate in den Bergen, wo er mit Sympathisanten Gipfel erklomm.

In die dritte Kategorie gehören auch bei ihm (wie bei allen anderen Kandidaten) Prominente, wobei die Dichte an Polit-Stars, denen er die Hand schütteln kann, seit dem Koalitionsende im Mai naturgemäß etwas zurückgegangen ist.

Schnappschüsse mit Angela Merkel und Marcel Hirscher

Trotzdem traf er zwischendurch Angela Merkel, wünschte Arnold Schwarzenegger einen „Herzlichen Glückwunsch“ zu dessen Geburtstag am 30. Juli und bedankte sich am 4. September nach Marcel Hirschers Information über sein Karriere-Aus für dessen sportlichen Einsatz, ebenfalls mit gemeinsamem Foto.

Beide Bilder, also die mit Arnie und Marcel, sind mit fast 8000 Likes die mit Abstand beliebtesten auf dem Kurz-Account und es ist immer wieder interessant, übrigens auch bei den anderen Spitzenkandidaten, wer solche Bilder liked. Und dann hat Kurz natürlich auch berühmte Persönlichkeiten, die für ihn werben: Ex-Tennisprofi Thomas Muster oder Ex-Vizekanzler Josef Pröll.

Sebastian Kurz macht auf Instagram keine Scherze oder gibt sich entspannt locker und lustig, wie Meinl-Reisinger von den Neos, er bleibt  stets kontrolliert und in der Kanzlerpose. Semi-private Fotos aus seinem eigenen Smartphone, wie bei Norbert Hofer (FPÖ), wird man bei ihm nicht finden. Alle Fotos, selbst die Selfies mit Wanderern, sind von Profis gemacht.

Immerhin hat das Social-Media-Team bald erkannt, dass Peter L. Eppinger auf diesem Account eher nicht fehlt. Er fällt unter die Kategorie „Skurriles“. Der Altkanzler macht zwar selbst keine Witze hier, aber er hat einen wie Eppinger, der ihm das Humorige abnimmt. Oder Familien besucht, die ihren ganzen Haushalt in Türkis halten.

Der türkise Kanal ist mit Abstand der professionellste aller politischen Social-Media-Auftritte, den Kandidaten Kurz von einer neuen Seite zeigt er uns nicht. Aber das war wohl auch nie der Plan.

Zur Person

Sebastian Kurz

Sebastian Kurz (* 27. August 1986 in Wien) ist Parteivorsitzender und Spitzenkandidat der ÖVP und war von 18. Dezember 2017 bis 28. Mai 2019 Bundeskanzler Österreichs. Kurz war von 2009 bis 2017  Bundesobmann der Jungen Volkspartei (JVP), von   2011 bis 2013 Staatssekretär für Integration, von  2013 bis 2017 Außenminister. Er wurde Parteichef und Vizekanzler nach dem Rücktritt von Reinhold Mitterlehner im Mai 2017, bei der Nationalratswahl im Oktober 2017 trat die ÖVP unter dem Namen „Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei (ÖVP)“ an und ging als stimmenstärkste Partei hervor.