Opulent. Der barocke Raum von Schloss Pillnitz ist die Bühne für „Conversation Pieces“.
Kunstgewerbemuseum Dresden

Porzellan, die kommunikative Ressource

Tischkonversation des Barocks trifft auf aktuelle Gesprächsanreger aus Glas und Keramik: im Kunstgewerbemuseum Schloss Pillnitz in Dresden.

Das Wetter, das ist ja immer vorhanden", sagt Barbara Schmidt, Professorin für experimentelles Design an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Zustände, Räume, die man teilt – eine gute Gesprächsgrundlage. In jeder Situation. Von Bushaltestelle bis Aufzug. Deswegen funktioniert Wetter auch so gut – als „Common Ground", auf dem sich zwei Menschen kommunikativ entgegenkommen können. Bei Tisch darf das Wetter noch immer die Fall-Back-Variante sein. Doch Design, Objekt- und Tafelkultur können durchaus ein paar Dinge auch metaphorisch „in den Raum stellen", als Aufhänger für die Tischkonversation. Oft genug ist dieser ohnehin das Essen, das auf die Teller, dann auf den Tisch kommt. Denn irgendwann hat irgendwer am Tisch in irgendeiner Form dasselbe oder Ähnliches gegessen, nur besser, anders, billiger, und will bestimmt darüber erzählen. Schon sind zehn Minuten Tischkonversation wieder um.

Aber auch Nicht-Essbares kann Anstöße geben für die Tischkonversation. Das hat Tradition. Vor allem dort, wo Mahlzeiten eingenommen wurden, auch um andere zu beeindrucken. Also im Barock.

Glibber. Elena Eulitz imitiert die Food-Kultur der 1960er-Jahre in ihren „Jelly Effect“-Objekten.
Glibber. Elena Eulitz imitiert die Food-Kultur der 1960er-Jahre in ihren „Jelly Effect“-Objekten.(c) Elena Eulitz

Und wenn man so weit zurückgeht, dann kommt man im östlichen Mitteleuropa unweigerlich auch in Dresden vorbei. Dort hat vor allem Kurfürst August der Starke so einiges an barocker Gestaltungskultur hinterlassen. Auch in Form von Sammlungsobjekten für die heutigen Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Zu ihnen gehört auch das Kunstgewerbemuseum Schloss Pillnitz, selbst ein Stück barocker Gestaltungskultur – ein Autoviertelstündchen südlich vom Dresdner Zentrum der Elbe entlang. Inzwischen ist der ehemalige Geschäftsführer des Werkraums Bregenzerwald, Thomas Geisler, dort Direktor. Kurz vor seinem Antritt hat das Kunstgewerbemuseum noch eine Ausstellung initiiert, die das Tischgespräch als Thema wieder auf den Tisch bringt: „Table Talks": Die Kultur der gepflegten barocken Tischkonversation trifft dabei relativ ungebremst auf die durchaus experimentellen aktuellen Zugänge von Studierenden.

Trickreich. Christin Amman ließ Glas in die Falten der Tisch­decke der barocken Tafel fließen.
Trickreich. Christin Amman ließ Glas in die Falten der Tisch­decke der barocken Tafel fließen.(c) Christin Amann

Ordnungsprinzipien. Im Barock dienten „Conversation Pieces", oft waren es Tafelaufsätze, dazu, Gespräche anzuregen, aber sie auch in eine bestimmte Richtung zu lenken. „Sie wurden gezielt platziert, damit sprichwörtlich Themen gesetzt", sagt Barbara Schmidt. „Es ging aber auch darum, bestimmte Themen fernzuhalten. Die Möglichkeit, sich über alles öffentlich zu äußern, die gab es im Barock noch nicht so sehr." Ausstellungsort ist das barocke Schloss selbst: „Die Inszenierung in unseren Räumlichkeiten bot sich natürlich an für diese ‚Konfrontation‘", meint Klara Nemeckova, die das Projekt vonseiten des Kunstgewerbemuseums betreute. „Die Teilnehmer haben sich ausgiebig mit unserer Porzellansammlung beschäftigt, sich allmählich der Materialität genähert und zudem verschiedene Manufakturen besucht, jene in Meißen natürlich auch." Die barocke Tafelkultur sei einer strengen Ordnung unterlegen, meint Nemeckova. Oft waren es auch „Schau-Mahlzeiten", die nicht so sehr den Hunger stillten als vielmehr den Durst nach Repräsentation. Glücklich war, wer zumindest in der zweiten Reihe sitzen durfte, um dem Spektakel zuzuschauen. Wie damals sollten die aktuellen Objekte aus Glas und Keramik für Gesprächsstoff sorgen. Studierende der Weißensee Kunsthochschule Berlin und der Royal Danish Academy of Fine Art widmeten sich gemeinsam der Frage: Wie werden mit handwerklichen Mitteln der Glas- und Keramikherstellung Dinge, die uns – abseits vom Schnitzel auf dem Teller und dem Wein im Glas – so sehr beschäftigen, dass wir unbedingt darüber reden müssen.

Gesprächsfäden. Elis Ottoson legte feine Netze aus Basalt auf ihre Glasobjekte.
Gesprächsfäden. Elis Ottoson legte feine Netze aus Basalt auf ihre Glasobjekte.(c) Elis Ottosson

Die strenge Ordnung der barocken Tafelkultur bildete sich auch in strengen Symme­trien ab: „Jedes Tellerchen und Döschen hatte seinen vorbestimmten Platz. Für die Dienerschaft war das manchmal eine große Herausforderung", sagt Schmidt. Deswegen nutzte sie gern Falten in der Tischdecke, um sich auf dem Tisch zu orientieren und den unzähligen Objekten ihren Platz zuzuordnen. Christin Amann hat dies etwa in ihrem Projekt aufgegriffen, indem sie diese „Hilfsstrukturen" in Glas sichtbar machte und so das Thema der Dienerschaft und Ordnung am Tisch gleich als gestalterischen Subtext mitlieferte.

Tipp

„Table Talks". Die Ausstellung ist noch bis 3. 11. im Kunstgewerbemuseum Schloss Pillnitz in Dresden zu sehen. Kunstgewerbemuseum.skd.museum