Lokalkritik

Testessen beim "Öfferl"

(c) Christine Pichler

Der Öfferl hat eröffnet: mit denkbar kleiner Speisekarte, die es aber in sich hat.

Sie erkennen das Lokal an der Schlange davor. Wieder hat in Wien etwas aufgesperrt, das Menschen dazu bewegt, sich um Brot anzustellen. „Schau, der Öfferl hat endlich offen", sagt eine vorbeispazierende Dame zu ihrem Begleiter. (Und das hat er auch sonntags.) Für die graulastige Stein-in-Stein-Gestaltung des langgestreckten Lokals mit der Adresse Wollzeile 31 zeichnet das Studio Riebenbauer verantwortlich. Im Untergeschoß hat man dem Brot einen Altar gebaut, mit Mehlsack und aufgeschüttetem Mehl, in dem Handabdrücke zu sehen sind – unklar, ob diese von Franz Riebenbauer, Georg Öfferl oder von einem Gast stammen, der die Inszenierung als Aufforderung zur sinnlichen Betätigung verstanden hat. Händewaschen kann man sich hier unten jedenfalls auch gleich.

(c) Christine Pichler

Das Erdgeschoß gliedert sich in die Bereiche Verkaufen, Backen, Sitzen. Neben Brot und Gebäck harren auch Milchflaschen, Butter und Honige interessierter Käufer, ähnlich wie bei Joseph Brot in der Landstraßer Hauptstraße. Also jenem Konkurrenten, an den man hier unweigerlich denken muss – dafür sorgt nicht nur das Konzept eines neuen Bäckereitypus, sondern auch die schnörkellos-kühle Gestaltung. „Das Licht ist aber gemütlicher als beim Joseph" – „echt, findest du, geh, das hier ist doch nicht wirklich gemütlich." Was man jedenfalls bei Öfferl im hinteren Teil des Lokals zu essen bekommt: Einerseits Frühstück, wobei so gut wie alle erwähnten Bestandteile – Sauerrahmbutter, Marmelade, Brioche, Schinken . . . – das Attribut Bio tragen.

Dass auch die Zutaten für die belegten Brote (12,80 bis 14,80 Euro) zu den Klassenbesten gehören, sollten selbst Gäste mit Hornhaut auf der Zunge schmecken. Für eine Version werden in der Küche unter Chef Marvin Mudenda Schweinsbraten und Schinken von der Boa-Farm gemeinsam mit frischem Kraut und hervorragenden Essiggurken auf dicke Scheiben von hauseigenem Brot geschichtet und mit geriebenem Bergkäse beschneit. Andere Versionen sehen Hokkaidokürbis – gerade richtig mariniert und gegart – sowie Schafkäse, Chili und schwarzen Knoblauch vor oder weich geschmortes Ochsenfleisch, ebenfalls von der Boa-Farm, das auf weiße Bohnencreme gepackt und von Röstzwiebeln bedeckt wird. Das Mittagsmenü heißt carte blanche (zwei oder drei Gänge, etwa Selleriesuppe und Waldstauderisotto), und wer etwas Süßes braucht, bestelle den Cruffin, ein in der Muffinform gebackenes Croissant, mit ­Zitronencreme. Beschwerdeformulare braucht man hier keine aufzulegen.

Info

Öfferl, Wollzeile 31, 1010 Wien, Tel.: +43/(0)1/713 37 34, Küche: Mo–So, 8 bis 18 Uhr.

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("Die Presse-Schaufenster", 19.07.2019)