Grätzeltour

Josefstadt: Das grüne Erbe der Bourgeoisie

Einer von vielen Lieblingsplätzen im Achten: Hansel Sato im Hamerlingpark.
Einer von vielen Lieblingsplätzen im Achten: Hansel Sato im Hamerlingpark.(c) Dimo Dimov

Warum Künstler, Universitätslektor und Co-Leiter von Soho Ottakring, Hansel Sato, ausgerechnet in der Wiener Josefstadt seine neue Heimat gefunden hat.

Hansel („die spanische Form von Hänsel, eine meiner Schwestern heißt übrigens Gretel“) Sato kam 1998 als Tourist erstmals von Peru nach Wien – und war so begeistert, „dass ich zu Hause sofort um ein Stipendium angesucht habe, das zu meinem großen Glück bewilligt wurde“. Seit 1999 ist seine Heimat nun das Grätzel um die Laudongasse im achten Wiener Bezirk.

Die Josefstadt ist nicht nur der kleinste Wiener Bezirk, sondern auch recht spät eingemeindet worden. Bis zur Mitte des 17. Jh.s konnte man hier durch Wiesen und Weingärten wandern. Bestimmendes Gebäude war das Landgut Rottenhof (am Ort des heutigen Palais Auersperg), das Marchese Malaspina 1700 an die Stadt Wien verkaufte – die Geburtsstunde der Josefstadt. Sofort stürzten sich Adelsfamilien wie Auersperg, Damian, Schönborn und Strozzi auf die Gründe und erbauten ihre Palais mit teils opulenten Gärten.


Für jede Stimmung einen Park

In einem davon, dem Palais Schönborn, ist heute das Volkskundemuseum untergebracht. „Das ist einer meiner Hotspots hier im Grätzel“, erzählt Sato. Er besucht die Ausstellungen nicht nur mit seinen Studenten der bildenden Künste, sondern nutzt den Garten mit Café und Spielplatz, „auf dem ich mit meinen Buben Fußball spiele“, berichtet Sato im schönsten Deutsch, das zu lernen ihm, wie er gesteht, äußerst schwergefallen ist. Seit 2001 ist er mit einer Österreicherin verheiratet, „das hat das Deutschlernen dann ein wenig leichter gemacht“. Wichtig ist ihm, dass seine sechs und acht Jahre alten Söhne Spanisch lernen, und er versucht auch, sie ihre Wurzeln nicht vergessen zu lassen, „und das geht interessanterweise am besten über Fußball“. Als großer Liebhaber von Parks ist Sato froh, dass in seinem sonst wenig grünen Grätzel daran kein Mangel herrscht. „Mit den Kindern oder auch allein gehe ich oft zum Hammerlingpark.“ Der Spielplatz dort ist immer gut besucht – und im Gegensatz zu anderen recht weitläufig. Zum Nachdenken oder Ausspannen nutzt er den Schlesingerpark vor dem Amtshaus, das 1910/11 erbaut wurde. „Dazu habe ich quasi eine emotionale Beziehung, weil ich hier geheiratet habe.“

Was er an seinem Grätzel besonders schätzt, ist das Flair. „Es gibt viele junge Leute, Studenten, gute Bioläden, Kultur, eine lebendige Beislszene“, beschreibt er seine Eindrücke. „Künstler haben hier ihre Ateliers, und die Menschen bewegen sich viel auf der Straße – und als Kontrast dazu empfinde ich die bürgerliche Atmosphäre der Häuser.“

Gründerzeitflair in der Josefstadt

Geprägt ist die Josefstadt von Gründerzeithäusern: Von 1865 bis 1918 orientierte sich der Wohnbau an den prachtvollen Bauten der Ringstraße. Sie sollten die gesellschaftliche Position des Besitzers ausdrücken, denn das Viertel wurde bevorzugt vom gehobenen Mittelstand bewohnt – was sich im Prinzip bis heute nicht geändert hat. Gemeindebauten gibt es wenige, dafür ein Prachtexemplar: Der 1925 erbaute Ludo-Hartmann-Hof in der Albertgasse 13–17 mit seinen Palmensäulen, dessen kleiner Vorgarten heute als Schanigarten dient.

Einer seiner Lieblingsorte ist – neben den Parks – das Café Hummel in der Josefstädter Straße. Und der Spielzeugladen in der gleichen Straße, „den ich oft besuche, weil er eines jener Geschäfte ist, die ihren Charme erhalten haben“.

Beruflich ist Sato in ganz Wien unterwegs, derzeit vor allem im Sandleitenhof im 16. Bezirk: als Co-Leiter von Soho in Ottakring und Teilnehmer an der Ausstellung „Freie Meinung in Zeiten des Populismus“, die am 4. Oktober startet. Ob es ihn auch wieder einmal nach Peru zieht? „Nein. Das Einzige, was ich ein wenig vermisse, ist das Meer, an dem meine Geburtsstadt, Trujillo, liegt, und das peruanische Essen.“

Zum Ort, zur Person

Die Josefstadt wurde erst um 1690 intensiver besiedelt und nach Kaiser Joseph I. benannt. 1850 wurde sie als achter Wiener Bezirk eingemeindet. Mietwohnungen kosten zwischen 8,5 und 12,6 Euro/m2, gebrauchte Eigentumswohnungen 2072 bis 4566,2 Euro/m2. Hansel Sato ist in Wien als Künstler und Universitätslektor an der Akademie der bildenden Künste tätig.
Tipp: „20 Jahre Soho in Ottakring: Buchpräsentation und Jubiläumsfest“ am 4. Oktober.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2019)