Demokratie-Kritik aus Liebe

Der Künstler Milan Mijalkovic ist ein Freund der Provokation. Freitag wird seine Kritik an der Demokratie in Buchform präsentiert.
Der Künstler Milan Mijalkovic ist ein Freund der Provokation. Freitag wird seine Kritik an der Demokratie in Buchform präsentiert.(c) io/ Darko Hristov
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Wird der 27. September bald zum Feiertag? Das wünscht sich zumindest Milan Mijalkovic – er widmet der Staatsform ein Fest und ein neues Buch.

Mit sieben Jahren musste Milan Mijalkovic ein junges Schwein in der Badewanne schlachten. „Das arme Tier“, sagt er heute. „Aber ich kann die Idee und Sorgen meines Opas nachvollziehen.“ Eine Opfergabe nach einer gelungenen Operation am Kind sei es gewesen, erzählt der mazedonische Künstler, während er zügig seinen Espresso im „Salzamt“ trinkt. Der Großvater, der Religion strikt ablehnte, wollte sich mit dem Ritual bedanken, ein Fest feiern.

„Denn nur durch Feste kann man die wichtigen Sachen erzählen – das war schon immer so“, sagt Mijalkovic. Die Happenings des Künstlers seien allesamt feierlich konzipiert. Am Freitag findet eines davon statt, das er „Feiern wir 30.000 Jahre Demokratie! Hurra, Hurra...“ nennt. Was dort genau passieren wird, will er noch nicht erzählen. „Aber es wird schön werden, eine große Feier.“ Es soll gegessen und geredet werden, geladen sind etwa Sozialarbeiter und Philosophen.

Jubiläum oder Zukunftsprognose

Im Vorfeld konnten Interessierte ihre Gedanken an den Künstler senden. Manche von ihnen wurden eingeladen, sonst ist die Veranstaltung nicht öffentlich. „Wir hatten leider nur Platz für 80 Leute.“ Deshalb ruft Mijalkovic dazu auf, an diesem Tag eigene Feste der Demokratie zu feiern. „Ab jetzt ist der 27. September der Feiertag der tausendjährigen Feste für die Demokratie“, sagt der Künstler. Vor 30.000 Jahren starben gerade die Neandertaler aus – warum wählte Mijalkovic die Datierung? „Ich habe eine Zahl gewählt, die für mich gut geklungen hat“, sagt er. „Diese ist frei von Zukunft und Vergangenheit.“ Sie könne für ein Jubiläum, aber auch für eine Zukunftsprognose stehen.

In seinem neuen Buch „Allumfassende Zufriedenheit: Über das Apolitische“, das beim Fest präsentiert wird, kann man Mijalkovics Gedanken zur Demokratie nachlesen. Vor allem der Begriff selbst interessiert ihn. „Die einen wollen die Demokratie beschützen und werfen den anderen vor, dass sie diese abschaffen wollen“, sagt Mijalkovic. „Aber keiner beschäftigt sich wirklich damit, um was es geht, nämlich um die allumfassende Zufriedenheit.“ Diese sei in einer Demokratie nicht möglich, die auf Disput aufbaue.

Dem Künstler geht es um eine nüchterne Kritik an der Staatsform. „Nicht aus Hass, sondern aus Liebe.“ Dass das Datum des Festes so nah am Wahltermin liegt, sei übrigens Zufall. „Das hat sich so ergeben durch die Organisation. Aber am Ende ist nichts zufällig.“ Nicht das Politische, vielmehr das Apolitische interessiere Mijalkovic grundsätzlich. „Also das, was eben nicht Thema in der Politik ist.“ Unter dem Künstlernamen Milan Mijalkovic von Makedonien ließ er im Vorjahr etwa einen mobilen Trinkbrunnen in Busenform vorfahren, um auf die prekären Verhältnisse am „Arbeiterstrich“ aufmerksam zu machen.

Dass sein Künstlername auf seine Herkunft hinweist, sei ihm wichtig: „Ich möchte das Ausländersein zeigen – wenn jemand spricht, sollte man schon wissen, mit welchem kulturellen Hintergrund“, sagt er. Mijalkovic wurde in Mazedonien geboren, für ein Architekturstudium kam er als 18-Jähriger nach Österreich, heute unterrichtet er selbst Architektur. Seinen Studenten rät er – sich in der Kunst selbst überschätzen. „Dann ist das Schlimmste, das passieren kann, dass man sich überschätzt hat. Und in diesem Überschätzen lernt man am meisten“, sagt der Künstler. „Manche sagen das sei egomanisch, aber für mich ist es eher ein Sprung in Selbstkritik.“

Zu Kunstaktionen fand Mijalkovic selbst kurz nach dem Studium, als er den ersten Auftrag bekam. „Mir wurde die Verantwortung bewusst – das Bauwerk bleibt ja über Generationen stehen.“ Katastrophen seien nicht planbar. „Ich musste deshalb erst die Verantwortung für alle Naturkatastrophen der letzten 2000 Jahre übernehmen“, sagt Mijalkovic. Er dokumentierte diese akribisch, machte die Aktion 2011 öffentlich und begann die Verantwortung, etwa für ein Erdbeben in Japan, an Kunstliebhaber zu verkaufen.

Die Gretchenfrage

„Danach konnte ich nicht einfach auf das Alltägliche umsteigen“, erzählt Mijalkovic. So begann er sich mit Themen wie Natur, Glaube und nun Demokratie zu beschäftigen. Ob er selbst noch an Demokratie glaube? Eine Gretchenfrage: „Das ist, als ob man fragen würde, ob man an Gott glaubt“, sagt Mijalkovic. „Aber ich will nichts und niemanden ausschließen – Glaube ist wichtig, um vertrauen zu können.“

ZUR PERSON

Der Architekt und Künstler Milan Mijalkovic wurde 1982 in Mazedonien geboren. 18-jährig kam er für ein Architekturstudium nach Wien. Politische Kontroversen prägen seine Kunst: So entwickelte er einen mobilen Brunnen in Busenform, um auf die Ausbeutung am „Arbeiterstrich“ aufmerksam zu machen. 2017 hielt Mijalkovic seine „Demokratische Rede“ am türkisen Stehpult, die aus „Pssst“-Rufen bestand. Eine weitere Rede über die „Allumfassende Zufriedenheit“, die er im Frühjahr vortrug, ist ab Freitag in Buchform (Album Verlag) erhältlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2019)

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