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Staugefahr

Touristen in Salzburg damals, das war ja noch harmlos. Die Gastfreundschaft in großen Metropolen gegenüber „Übertouristen“ sinkt aber deutlich.
Touristen in Salzburg damals, das war ja noch harmlos. Die Gastfreundschaft in großen Metropolen gegenüber „Übertouristen“ sinkt aber deutlich.(c) APA/BARBARA GINDL

Touristenhass, Teil 2. Altstadt ohne Raum? Was Touristenzentren von ihren Touristen halten.

Ich bin in Salzburg aufgewachsen, nahe der Innenstadt. Wie ein Bestatterkind Leichen, so lernte ich schon im Winzlingsalter, Touristen zu identifizieren. Sie hatten keine Manieren, grölten betrunken herum, verhunzten und verzerrten unsere Sprache, obgleich halb verständlich, auf grässliche Art. Mir wurde beigebracht, dass diese Sprechart „Norddeutsch" hieß. Wir nannten alle Deutschen, die nicht Bayerisch sprachen, „Norddeutsche". Unsere Vorbehalte beruhten auf greifbaren und un- greifbaren Erfahrungen. Wir betrachteten – wohl Verleugnung der eigenen Haltung gegenüber den Invasoren im Zweiten Weltkrieg, deren Invasion viele Salzburger zugejubelt hatten – die Touristen einfach ein bisschen von oben herab. Sie waren „nur" Deutsche. Natürlich blieb jeder von uns immer höflich, doch über ihre naiven Fragen lächelten wir unwillkürlich – ihre Uninformiertheit war geradezu rührend, die Festung nannten sie Burg oder gar Burch. Wie die waren wir sicher nicht. Wie die wollte keiner sein.

Seit 2019 überschwemmt die Klima­katastrophe, die wir seit Jahrzehnten kannten, die klassischen Medien – und plötzlich erheben aufgrund des Aufschwungs der sozialen Medien auch jene „Klimaskeptiker" ihr grausiges Haupt, deren Theorien bereits mehrfach widerlegt gewesen waren. Mit ihnen drang der Begriff des „Übertourismus" zu uns vor, der widerspiegelt, dass heutzutage, unter anderem aufgrund unrealistisch billiger Flugpreise, mehr Menschen über die Oberfläche des Planeten reisen als je zuvor.

Das bedeutete in touristischen Staugebieten ein Wachstum fremdenfeind-
licher Bürgerinitiativen. Als die britische Zeitung „The Independent" eine Liste jener Orte verfasste, die Touristen nicht mehr willkommen heißen, war das Echo gewaltig. Nicht zufällig startete der Tumblr-Blog „Don’t be a
tourist", der Schnappschüsse von halbnackten, bloßfüßigen, fettleibigen Besuchern mit Verhaltensregeln versieht, in Barcelona. „Wir sind nicht
eure Affen", ist dort zu lesen, „du bist hier nur auf Urlaub. Aber wir arbeiten." Klingt wie damals in Salzburg, nur ­härter.

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