Porträt

„Für Bequeme ist ein Start-up nichts“

Hermann Fried
In Bsurance wurde zuletzt von Uniqa und Signa investiert.Àkos Burg

Hermann Fried war Vorstand bei der Wiener Städtischen Versicherung. Nun will er beim vergleichsweise sehr kleinen Start-up Bsurance die Digitalisierung der Branche vorantreiben.

Wenn man wie er aus einem großen Konzern komme, dann sei Bsurance jedenfalls ein Start-up, sagt Hermann Fried. Aus der Perspektive der Entrepreneur-Szene hingegen sei man keines. Allein schon wegen des Durchschnittsalters von rund 40 Jahren. Und auch wegen der durchschnittlich 25 Jahre Berufserfahrung in diversen Bereichen erfülle man die gängigen Zuschreibungen kaum, meint der 54-Jährige.

Fried kam von der Wiener Städtischen Versicherung zu dem Wiener InsurTech-Unternehmen, in das zuletzt die Uniqa und René Benkos Signa investierten. Vor knapp zwei Jahren von Lorenz Gräff gegründet, ist es auf B2B2C-Geschäftsmodelle im Versicherungsbereich spezialisiert und konzentriert sich darauf, Versicherungsprodukte direkt in die Verkaufskanäle von Unternehmen mit großer Kundenbasis, wie Einzelhändlern, Telekomanbietern, Banken, Energieversorgern, Mobilitätsanbietern, Start-ups etc., zu implementieren. Konkret: Der Sportartikelhändler verkauft zum Fahrrad die Versicherung gleich mit, das Skigebiet die Versicherung mit dem Tagespass.

Weder der Banken-, noch der Versicherungsbereich seien disruptive Märkte, sagt Fried. Sie bewegten sich nur langsam Richtung Digitalisierung. Doch das Tempo nehme zu, und die Banken hätten sich mittlerweile schon einigen Vorsprung erarbeitet. „Digitale Anwendungen“, sagt Fried, „haben die Ansprüche der Kunden in Bezug auf Geschwindigkeit und Servicequalität massiv gesteigert. Diese Erwartungen stellen die Kunden auch an ihre Versicherungen.“

Junge wollen Tempo

Das bringe gravierende Veränderungen für die sogenannte Antragsstrecke: Der Bestellvorgang muss einfach und schnell zu durchlaufen sein, und die Polizze sollte im Idealfall sofort retour kommen. „Die Jungen machen bei langen Anträgen nicht mit.“ Erst unlängst habe er für das Auto seiner Frau sowie sein Fahrrad eine Versicherung abgeschlossen: Beim Fahrrad waren nur Name, Adresse und Wert des Rads notwendig – fertig. Ganz anders als beim Auto.

Doch die Versicherungsbranche kämpfe tendenziell mit alten Strukturen – und sei ein hochregulierter Bereich: „Und das ist auch gut so.“ Zudem seien Versicherungen nach wie vor ein Beraterprodukt, und der nötige Paradigmenwechsel sei schwer umzusetzen. Denn schließlich sei eine Versicherung für viele Kunden nicht mehr als ein „notwendiges Übel“. Wer ein neues Auto kaufe, erzähle möglicherweise recht ausführlich darüber, welche Stückeln es spiele, aber nie darüber, was seine Versicherung alles kann.

Trotzdem: Er wolle helfen, die „Branche ins digitale Zeitalter zu überführen“, mit entsprechenden Produkten und digitalem Vertrieb über die Partnerunternehmen. In der Wiener Städtischen Versicherung, in der er auch Vorstandsagenden übernommen hatte, sei er „extrem privilegiert gewesen“, da er „viele Bereiche kennenlernen durfte“. Die Digitalisierung habe ihn auch in dieser Zeit immer beschäftigt. Nun wolle er dorthin, wo diese Entwicklung passiere – in einem vergleichsweise sehr kleinen Unternehmen.

Wissen, worum es geht

Was er an seinen Kollegen schätzt und worauf er bei Mitarbeitern Wert legt, ist Kunden- und Lösungsorientierung. Was zähle, sei eben „Kunde, Kunde, Kunde, Lösung“. Damit setzt er Enthusiasmus voraus, ebenso, dass die Stechuhr keine Rolle spielen soll. Und es sei für ihn selbstverständlich, dass man im Team „seine Sachen erledigt“. Das bringt er auch ganz klar auf den Punkt: „Für Bequeme ist ein Start-up nichts.“

In dem kleinen Team in Wien sei aus seiner Sicht „nicht viel Führung notwendig“. Denn die „Menschen wissen, worum es geht“. Das, was er an Vorbild vorlebe, würde er auch „gar nicht als Führung bezeichnen. Das ist menschlicher Umgang.“ 15 Leute umfasst das Team in Wien, man sitzt Schulter an Schulter im Büro. Auch das erleichtere die Führung. Denn, sagt Fried, „es gibt keine Abteilungsinteressen“. Diese würden sich erst ab einer bestimmten Größe einstellen. „Für diese Eitelkeiten“, sagt er, „haben wir kein Geld“.[PSU26]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2019)