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Essay

Wen würdet ihr wählen?

Thomas Raab
Thomas RaabClemens Fabry

Spät ist es geworden. Wir haben gerade ferngesehen. Die Runde der Spitzenkandidaten. Alle gemeinsam. Ein paar Tage noch. Und ja, ich fürchte mich.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Ähnlich wie im Spätfrühling. 1988. Vor mir eines der Fenster des großen Festsaals meiner Schule. Ob es ein sonniger oder verregneter Morgen war, weiß ich nicht mehr. Ebenso wenig den Wochentag. Ich weiß nur noch: Matura. Schriftliche Reifeprüfung Deutsch. Das Thema lautete: „Was Du ererbt von unseren Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Da darf sich ein Siebzehnjähriger dann schon fürchten. Seither sind einige Jährchen vergangen. Wilde, ruhige, bittere, schöne, auf jeden Fall erfahrungsreiche. Die Tragweite dieses Zitates aus Goethes Faust ahne ich aber erst heute, und Reifeprüfung steht uns auch eine bevor. Eine, die mir Sorge bereitet. Große Sorge.

Der Autor

Thomas Raab (*1970 in Wien) ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker. Er wurde 2017 mit dem Österreichischen Krimipreis ausgezeichnet. Bekannt wurde er mit der Krimi-Serie rund um den schrulligen Restaurator Metzger. Zuletzt erschienen: "Still. Chronik eines Mörders" (Droemer, 2015) und  "Walter muss weg" (Kiepenheuer & Witsch, 2018).

Antreten musste ich einen Teil dieses Erbes bereits im Jahr 2005. Mein Vater lag zuhause unter dem Kronleuchter des Wohnzimmers in einem angemieteten Elektropflegebett. Mittels Tastendruckes ließ es sich in alle möglichen Richtungen bewegen und war doch nur ein Symbol des Stillstandes. Im Fall meines Vaters des endgültigen. Sein Kampf gegen die Metastasen längst verloren. Das verabreichte Morphium und seine große körperliche Schwäche hatten ihn seit Tagen schon in ein Dahindämmern versetzt, einen Zustand zwischen Dies- und Jenseits. Ich dachte, er würde uns weggleiten, stillschweigend. Doch es kam anders. Plötzlich war da dieses Aufbäumen, dieser lichte Moment, aus dem heraus er zu mir sprach, mit klarem Blick. Wenige Sätze nur. Ruhig, eindringlich, als hätte sich irgendeine Macht seiner bewältigt, um durch ihn hindurch von Dort das Hier zu erreichen, den Fokus weit über unser Wohnzimmer hinausgerichtet. „Passt gut und zärtlich aufeinander auf!“ so seine Worte. Kurz darauf starb er und hinterließ als nächstes und zugleich größtes Erbstück die Trauer. 1933 - 2005. So stand es dann auf seinem Grabstein.

Zehn Jahre danach kam eine zweite Zeile hinzu. 1938 – 2015. Daneben der Name meiner Mutter. Ganz still ist sie gegangen, so wie es ihre Art war. Niemanden zur Last fallen wollen. Und wieder die Trauer. Größer noch. Eine Hand, die dir das Herz herausreißt, und zugleich verdeutlicht: Das eigene Leben pulsiert weiter. Zwar nicht erneut geboren, aber erstmals tatsächlich entbunden. Abgeschnitten. Endgültig. Keiner deiner Vorfahren mehr hinter dir.

Kaum zwei Autostunden trennen das Grab meiner Eltern von dem meiner Großeltern. Eine Tagesreise nur, und ich könnte mich an deren Gedenkstätten stellen und den stillen Dialog suchen: „Opa, wie war das damals im Krieg, an der Russlandfront? Was ist dort geschehen, um aus dir diesen stillen, traurigen Menschen werden zu lassen, der in meiner Erinnerung ausschließlich stumm an der Hausmauer auf seiner Holzbank saß, alles Erlebte in ein dunkles Nichts stopfte, und stopfte, und stopfte, wie den Tabak in seine Pfeife, es in sich sog, auf dass es dort bleibe? Und Oma, wie war das als Arbeiterin in den Steyr-Werken, als Hermann Göring 1938, im Geburtsjahr Deiner Tochter, meiner Mutter, diese Fabrik erwarb und daraus den größten Rüstungsbetrieb Oberösterreichs werden ließ. Wie ist es Dir gelungen, deine Kinder alleine großzuziehen, den Krieg, die Gewalt, Unterdrückung, all die Armut zu überstehen. Heute noch spüre ich die unregelmäßigen Holzbretter Deiner kleinen Wohnung unter meinen Füßen, wenn wir bei Dir zu Besuch waren, die stets feuchten Wände in unserem Schlafzimmer, die Kälte der Holztoilette draußen auf dem Gang, die dunkle Treppe hinab in den Keller. Ich weiß von Mama, welch große Angst sie hatte, als die Luftangriffe ihre ständigen Begleiter wurden, weiß, wie diese Angst nach Kriegsende wiederkam, als sie über die Brücke von der amerikanischen Seite auf die russischen gehen musste, um ihrer kranken Großmutter Essen zu bringen, sie zu besuchen. Und Papa, Mama wie war das damals, dieses Land wiederaufzubauen, der Hunger, die Entbehrungen, anfangs nicht auf die Felder zu dürfen, weil dort noch Landminen lagen, und doch die weiten Fußwege bewältigen zu müssen, um die Schulen zu erreichen ...?“

So viel zu fragen.

Ich bereue es zutiefst, den ständigen Vorsatz, mich wissbegierig an die Seite meiner Vorfahren zu setzen und sie erzählen zu lassen, nie umgesetzt zu haben. Aus Trägheit, aus Eile, aus der Gewissheit heraus, es dann ja sicher morgen verwirklichen zu können, oder übermorgen. Aufgeschoben aus welch fadenscheinigen Gründen auch immer, bis schließlich nur noch ihre Gräber übrigblieben. Und Gräber sprechen nicht.

September 2019. Kommenden Sonntag wird in Österreich gewählt.

Ich höre meine Töchter lachen, denke an meinen Vater, meine Mutter, daran wie sie selbst Kinder waren, der Krieg ihre Realität, der Luftschutzkeller ihre Dimension von Sicherheit, sehe in Gedanken die noch lebenden Zeitzeugen und es drängt mich, quält mich: Bitte sterbt uns nicht weg, so schnell und wortlos wie meine Eltern, bitte nicht. Und redet mit uns, auch wenn wir euch nicht fragen, aus Trägheit, aus Eile, aus der Gewissheit heraus, es dann ja sicher morgen verwirklichen zu können, oder übermorgen. Nehmt darauf keine Rücksicht. Wisst es besser. Seid klüger, denn uns läuft die Zeit davon. Weckt uns auf, gebt uns Rat, Mut. Und vergebt uns, obwohl ihr mitansehen müsst, welchen Zeiten wir sehenden Auges entgegensteuern. Wendet euch nicht ab. Denn wer soll uns sonst von Damals erzählen, wenn nicht ihr? Wer? Die, die uns marktschreierisch gegeneinander aufwiegeln und die Welt in zwei Seiten teilen? In die Vorhandenen und die Dahergelaufenen, die Arbeitenden und die Schmarotzer, die Frühaufsteher und die Taugenichtse, die Ihresgleichen und die Falschen, die Guten und die Schlechten? Die, die wie aus dem Ei gepellt vor die Bildschirme treten, ihre Brandreden halten und uns eloquent an unseren Schwächen packen, den Sorgen, dem Neid, der Blindheit?

Steht auf und nötigt uns, zeigt dorthin, wo einst die Mitte war und wir vor lauter guter Zeiten zu träge geworden sind, uns gegen all die Hindernisse zu wenden, die dort entstehen. Die Gräben, die Zäune, die Mauern. Lasst uns begreifen, wie sehr deren Baumeister alle eine ähnliche Sprache sprechen, eingeleitet mit dem Versprechen, nur das Beste für dieses Land zu wollen. Empört euch darüber, wie all das zertrümmert wird, was ihr errichtet habt. Ihr, deren Wichtigstes irgendwelcher Gebote aus drei Worten bestand: „Wir schaffen das!“

Ein Satz, mit dem ihr euch nach Kriegsende Morgen für Morgen vor den Überresten des Irrsinns, den Trümmern Eures Lebens stehend, nicht den Glauben an das Gute und die Hoffnung habt nehmen lassen. Darauf ist unser Frieden, unsere Demokratie, unsere Meinungsfreiheit, unser Wohlstand errichtet. Ein Satz, der gegenwärtig nur als schäbiger Versuch einer Schuldzuweisung missbraucht wird. Ein Satz, den wir vor Euren Augen zu einem Symbol der Spaltung Europas verkommen haben lassen, obwohl er einst Anbetracht einer grenzenlos überfordernden Situation, für diesen Moment, der einzig richtige war. Was kann dieser Satz dafür, wenn bis zum heutigen Tag noch immer keine gemeinsame europäische Lösung gefunden wurde? Was? Sprache kann so mächtig sein. Freiheit für diese lebensbejahenden, zusammenführenden Satz: „Wir schaffen das!“ Er ist nötiger denn je. Brüllt uns also ins Gesicht, immer wieder, wie sehr ihr euch heute an die Stimmung von einst erinnert fühlt. Nichts anderes haben wir von euch, unseren Vätern und Müttern ererbt, als den Frieden Europas. Müssen wir ihn erst verlieren und wieder erwerben, um ihn besitzen zu dürfen?

Spät ist es geworden. Wir haben gerade ferngesehen. Die Runde der Spitzenkandidaten. Alle gemeinsam. Die ganze Familie, samt guten Freunden, beide über Siebzig. Haben danach unbeeinflusst unsere Kinder gefragt: Wen von diesen Menschen glaubt ihr? Wer ist euch sympathisch? Wer macht Euch Angst? Wen würdet ihr zu uns nach Hause einladen wollen? Wen würdet ihr wählen? Die Antworten konnten eindeutiger nicht sein. Sogar unsere Freunde hören darauf: „Weil wenn wir wählen gehen, dann sind unsere Stimmen welche, die sich an die Zukunft richten und Frieden stiften sollen!“ haben sie gesagt. Schön.

Aus dem ersten Stock nun die Stimme meiner Jüngsten: „Papa, komm. Gute Nacht sagen!“ Ich werde hinaufgehen, mich an das Bett meiner Töchter setzen, links die Große, rechts die Kleine, werde einmal mehr die Geggis von Mira Lobe vorlesen, dieses wunderbare Buch, Pflichtlektüre der Gegenwart, und darauf hoffen, wir bestehen die wichtige Reifeprüfung dieser Epoche allein um unserer Kinder Willen.

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