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Die besten Wahlkampf-Filme auf Netflix, Amazon & Co.

Ein Antiheld demontiert sich selbst: Der New Yorker Bürgermeisterkandidat Anthony Weiner.Edgeline Films

Ein Republikaner, der mit Schlagern die Charts stürmt, ein Demokrat, der es nicht lassen kann, seine Unterhosenfotos zu verschicken: Absurde Wahlkampfgeschichten müssen Filmemacher nicht immer erfinden.

Bob Roberts

Von Tim Robbins, 1992
Zu sehen auf Amazon

Wer ist der Mann auf der Bühne? Der Lyriker mit Gitarre und Mundharmonika, der dem Volk aus der Seele singt? Ist es Bob Dylan, Legende der Gegenkultur? Nein: Es ist Bob Roberts, konservativer Rebell! Tim Robbins gibt die Titelfigur seiner Politsatire als wahnwitzige Promenadenmischung aus sämtlichen Spielarten des republikanischen Populismus: Roberts ist nicht nur ein Folk-Sänger, der mit Schlagern wie „Times Are Changin' Back“ die Charts stürmt, er ist auch stolzer Wall-Street-Millionär, bekennender Christ und unbeugsamer Patriot. Um Senator zu werden, ist ihm jedes Mittel recht: Während sein demokratischer Gegenkandidat Brickley Paiste (Gore Vidal) auf Sachthemen setzt und sich in Bescheidenheit übt, wettert Roberts gegen Drogenkriminalität und stilisiert sich zum Erlöser in apokalyptischer Krisenzeit. Prophetisch? Eine Untertreibung: Die Mockumentary aus den frühen 1990ern wirkt heute wie eine Blaupause für den Wahlkampf von Trump und Konsorten. Die politische Haltung des linksliberalen Regisseurs ist eindeutig, und den verschwörungstheoretischen Endspurt (der selbst zu den Mitteln greift, die der Film kritisiert) hätte es nicht gebraucht. Dennoch: das faszinierende Dokument einer Vorahnung. (and)

 

Weiner

Von Josh Kriegman und Elyse Steinberg, 2016
Zu sehen auf Netflix

2011 war Anthony Weiner ein demokratischer Lokalpolitiker mit Aussichten auf den Bürgermeisterposten New Yorks. Dann schickte er ein Foto seines Gemächts an eine Internetbekanntschaft. Und trat (nach erfolglosen Leugnungsversuchen und spätem Schuldeingeständnis) zurück. 2013 schmiss er sich geläutert in die nächste Kampagne. Bis weitere Fotos auftauchten. Und Weiner sich neuerlich wand. Josh Kriegman und Elyse Steinberg begleiten Kampf und (Selbst-)Demontage ihres Doku-Antihelden, der sein Gefühlsgewirr erstaunlich offen zur Schau stellt. „Warum haben Sie uns erlaubt, das zu filmen?“, heißt es an einer Stelle. Die Antwort bleibt aus. Absurdes Medientheater mit tragikomischem Unterton. (and)

 

Nashville

Von Robert Altman, 1975
Zu sehen auf Amazon

Robert Altmans Bild von US-Politik war nicht gerade optimistisch - im Gegenteil. Doch wo seine späteren Arbeiten oft in blanken Zynismus abglitten, eignet seinen früheren Werken noch eine Mischung aus Wut und Traurigkeit, deren Intensität durch die lebhafte Mehrstimmigkeit und den Humor von Altmans charakteristischer Wimmelbild-Inszenierung im Zaum gehalten wird. Auch im New-Hollywood-Klassiker „Nashville“: Vor dem Hintergrund des Wahlkampfs eines Kandidaten der „Replacement Party“ kreuzen sich die Schicksale in der Country-Hauptstadt an der Schnittstelle von Politik, Unterhaltung und Privatalltag. Das ist mal witzig, mal bitter, mal berührend – aber immer interessant. (and)

 

Betty Boop for President

Kurzfilm von Dave Fleischer, 1932
Zu sehen in der kostenlosen Online-Mediathek archive.org

Kurz vor der US-Präsidentschaftswahl 1932 veröffentlichte das Fleischer-Animationsstudio ein Musikfilmchen mit der beliebten Cartoon-Figur Betty Boop. Diese möchte selbst ins höchste Amt und verspricht Wählern das Blaue vom Himmel: Eine Utopie, in der Autos sogar für Katzen halten und ein Riesenschirm ganz Manhattan vor Regen schützt. Widersacher Mr. Nobody hat keine Chance. Vor dem gespaltenen Kongress proklamiert Boop ihre Agenda: „What this country is in need of is a lot of heidi-ho, boop-di-doop and chocolate ice cream!“ Wer könnte widersprechen? Ein vergnügliches (und zuweilen fragwürdiges) Beispiel früher Kino-Politkarikatur. (and)

 

Get me Roger Stone

Von Dylan Bank u. a., 2017
Zu sehen auf Netflix

Anfang November wird Roger Stone, Trump-Berater der ersten Stunde, vor Gericht stehen. Die Vorwürfe: Falsche Zeugenaussage vor dem Kongress, der die Einmischung Russlands im Wahlkampf untersuchte, und die Beeinflussung von Zeugen. 2017, als diese Doku gedreht wurde, fühlte sich der Lobbyist noch sicher: Er bat die Dokumentarfilmer rund um Dylan Bank in seine mit Nixon-Devotionalien dekorierte Luxus-Wohnung, und während er im Nadelstreifanzug an einem Dry Martini nippte, prahlte er, dass er für Mugabe und den philippinischen Ex-Präsidenten Ferdinand Marcos lobbyiert und damit eine Menge Geld verdient habe, plauderte aus dem Nähkästchen („Wenn du erwischt wirst: leugne, leugne, leugne“) und erklärte seine Maximen. Politik, sagt er, sei „Showbusiness für hässliche Leute“. Moral? Was für Weicheier. Er hat einen Trick gefunden, die Gesetze zur Wahlkampffinanzierung zu umgehen, hat angeblich das Negative Campaigning erfunden – und Trump. „Ich habe nach einem Pferd gesucht. Du kannst kein Rennen gewinnen, wenn du kein Pferd hast. Und Trump ist ein exzellentes Stück Pferdefleisch.“ Eine erhellende, verstörende und höchst unterhaltsame Doku. (best)

 

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