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Der ökonomische Blick

Von einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Lebensentwürfen

Die Presse

Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Jörn Kleinert über die Spaltung der Gesellschaft und die Chancen für deren Überwindung.

Die Wahl ist vorbei. Es wird noch etwas dauern bis wir eine neue Regierung haben werden. Dann aber steht Einiges an. Justiz und Heer sind deutlich unterfinanziert, bemängelte die Übergangsregierung. Der Klimaschutz wird auch mehr Ressourcen fordern, als wir ihm bisher einzuräumen bereit waren und wie immer in Wahlkämpfen war Bildung ein Thema, wenn auch wahrscheinlich mit weniger Konsequenzen nach der Wahl. Der budgetäre Spielraum wird enger. Nicht nur weil in der letzten Nationalratssitzung Pensionserhöhungen und einige andere budgetrelevante Beschlüsse gefasst wurden, sondern weil vor allem die Konjunkturaussichten geringere Einnahmen des Staates erwarten lassen. Die schwarze Null sollte die nächste Bundesregierung als Ziel an sich dann auch schnell wieder vergessen. Aber um die kurzfristigen Aufgaben geht es mir hier gar nicht.

Wichtiger scheint mir etwas Anderes, Langfristigeres, Tieferes zu sein. Auch in Österreich klaffen Lebenswelten auseinander. Das war immer der Fall und wird immer der Fall sein. Das Problem beginnt, wenn es keine oder nur noch wenig Berührungspunkte zwischen den einzelnen Welten gibt, man einander nicht mehr versteht, nicht mehr zuhört. Das war in der extrem polarisierten Zeit nach dem Präsidentschaftswahlkampf sehr stark der Fall. Die Spaltung ist sehr thematisiert worden, einige Bemühungen um einen Dialog hat es gegeben, aber sehr viel weiter sind wir heute nicht. Wir müssen aber weiter kommen.

Der ökonomische Blick

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Diese Art Spaltung der Gesellschaft ist nicht Österreich-spezifisch. Der Brexit ist ein Ergebnis dieser Spaltung. Die US-amerikanische Gesellschaft lebte in der letzten Dekade in gegenseitigen Dauerattacken. In Frankreich, den Niederlanden, Dänemark, Deutschland, in Ungarn, Polen und der Tschechischen Republik (ohne Anspruch auf Vollzähligkeit), überall ringen unterschiedlich ausgerichtete Lager um Deutungs- und Politikhoheit. Vordergründig geht es um Migration und Selbstbestimmung (von der EU), grundlegend um verschiedene Lebensentwürfe und die Chancengleichheit zwischen diesen.

Der britische Journalist David Goodhart nannte das den „somewheres vs. anywheres divide“. Somewheres sehen die Welt von einem bestimmten Ort aus, anywheres können sie von einem beliebigen Ort aus betrachten. Ist man mobil, treffen einen negative lokale Schocks nicht so sehr und Chancen irgendwo anders können zu eigenen Chancen werden. Für eine(n) Somewhere gilt das nicht. Lokale Schocks schlagen voll durch auf die eigenen Möglichkeiten, während die Möglichkeiten woanders von anderen genutzt werden müssen.

Nun wäre das kein nationales Problem, wenn die letzten Jahrzehnte nicht durch den Trend gekennzeichnet worden wären, dass die Produktivität in größeren Städten so deutlich schneller gewachsen wäre als in den anderen Gebieten. Die Chancen entstanden in den Zentren und die mobilen anywheres wanderten ab. Junge Leute müssen zur (Hochschul-) Ausbildung in die großen Städte. Wenige kehren zurück. Da sich das Wissen in den Städten konzentriert, verstärkt das die Produktivitätsunterschiede weiter. Ein Sorting findet statt, in dem Leute in den Städten mehrheitlich andere Lebensentwürfe haben als die in den anderen Regionen. Der Oxford-Ökonom Paul Collier sieht in der unterschiedlichen Wertschöpfung - nicht im Einkommen, Umverteilung hilft also nicht - die Hauptursache der Spaltung. Wertschöpfung, so argumentiert er, ist mit Anerkennung verbunden, umverteiltes Einkommen nicht.

Stadt-Land-Gefälle

Wer sich die Teilung in Österreich anschauen möchte, suche eine Karte der Ergebnisse des zweiten Durchgangs der letzten Präsidentschaftswahl. Wenige grüne Punkte, die Städte mit einer Bevölkerung von mehr als 100.000 Einwohnern, finden sich in einer großen blauen Fläche. Ähnlich war das Bild bei der auch sehr knappen US-amerikanischen Präsidentschaftswahlentscheidung, bei der die demokratische Bewerberin Hillary Clinton nur an den Küsten siegen konnte, während die inneren Wahlkreise fast ausschließlich an den Republikaner Donald Trump gingen. Dass es sich bei dieser Anordnung um Selbstselektion, ein Sorting handelt, brachte der ÖVP-Politiker August Wöginger beim Wahlkampfauftakt im Innviertel auf den Punkt, als er sagte: „Es kann ja nicht sein, dass unsere Kinder nach Wean studieren gehen und als Grüne zurückkommen“. Auf Besuch zurückkommen, meinte er. Unterschiedliche Lebenswelten eben.

Die Unterschiede in der Wertschöpfung sind aber kein Naturgesetz. Sie sind Ergebnis von Entscheidungen und unterlassenen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte. Vier Punkte, betont Collier, sind für zurückhängende Regionen entscheidend dafür, den Anschluss zu schaffen: (i) lokale Banken, (ii) lokal organisierte Unternehmen, (iii) eine starke regionale Regierung und (iv) gute Bildungseinrichtungen. Fehlt meines Erachtens nur, dass diese gut miteinander arbeiten. Stimmt das, steht es nicht so schlecht um Österreich.

Es wäre eine große Aufgabe sich der regionalen Unterschiede anzunehmen. Das wird nicht umsonst sein und geht nicht ohne Mühen und Rückschläge. Die Spaltung zu ignorieren wird aber langfristig viel teurer - in welcher Währung auch immer.

Weiterführende Links:

David Goodhart, Anywheres versus Somewheres https://www.youtube.com/watch?v=jya7nThQp8I

Auf dem Land und in den Kleinstädten wird gegen Metropolen gemeutert, Interview mit Paul Collier, https://www.derstandard.at/story/2000103361921/oxford-oekonom-collier-am-land-und-in-kleinstaedten-wird-gegen

 

Der Autor

Jörn Kleinert (* 1970 in Berlin) ist Professor für Internationale Ökonomik an der Universität Graz. Er ist Vorstand des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz und amtiert derzeit als Generalsekretär der Nationalökonomischen Gesellschaft (NOeG).

Jörn Kleinert
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