In die europäischen Immobilienmärkte soll heuer wieder mehr investiert werden. So gehen Beratungsunternehmen von einem Anstieg des Transaktionsvolumens im gewerblichen Immobilienbereich aus.
Leichte Erholung, mehr Interesse bei Investoren: Von den Immobilienmärkten Europas kommen nach den vergleichsweise mageren Ergebnissen des Jahres 2009 heuer wieder positive Signale. So gehen Beratungsunternehmen in ihren Prognosen von einem Anstieg des Transaktionsvolumens im gewerblichen Immobilienbereich aus. Bei CB Richard Ellis etwa rechnet man mit einem Volumen von über 100 Milliarden Euro, 2009 belief es sich auf 73 Milliarden Euro. Und auch die Experten von Cushman & Wakefield prognostizieren einen Wert von rund 110 Milliarden Euro.
Abwarten und beobachten
Ob die jüngsten Turbulenzen rund um Griechenland, das milliardenschwere Hilfspaket und den Euro diese Entwicklung bremsen – das bleibt abzuwarten und muss genau beobachtet werden, heißt es aus der Branche. Die kommenden Quartale werden zeigen, ob das Rettungspaket ausreichend ist und nachhaltige Effekte hat, heißt es in einer aktuellen Analyse von ING Real Estate Investment Management. „Ist das nicht der Fall, müssten die europäischen Immobilienmärkte eventuell mit neuerlichem Gegenwind rechnen“, sagt Martin Sabelko, CEO von ING Real Estate Investment Management CEE & Germany. Noch sei es aber zu früh, um zu sagen, welche Konsequenzen es konkret für die Immobilienmärkte geben, ob die Investmentstimmung darunter leiden könnte.
„Man fährt auf Sicht“, beschreibt der Chef-Analyst von Aberdeen Immobilien, Thomas Beyerle, die Situation in diesem Zusammenhang. Klare Aussagen zu möglichen Entwicklungen und Auswirkungen seien nicht zu hören. „Die große Überschrift lautet derzeit jedenfalls: Absicherung.“ Gewinne, Chancen – diese Begriffe seien in den Hintergrund gerückt.
Angebot ist limitiert
„Selbstverständlich beobachten Investoren die Märkte nach wie vor sehr aufmerksam und sind sehr selektiv“, berichtet Martin Braun, Leiter der Capital Markets Group von Cushman & Wakefield, in einer Aussendung. Doch trotz des Zusammenbruchs der griechischen Wirtschaft sei der Appetit der Investoren gestiegen. Allerdings „hindern das limitierte Immobilien- und auch das noch immer moderate Kreditangebot am Gasgeben“.
Das Angebot ist vor allem deshalb knapp, weil der überwiegende Teil der Investoren auf der Suche nach sicheren Geldanlagen speziell Topobjekte im Visier hat: qualitativ hochwertige Immobilien in tollen Lagen, mit guten Mietern. Das gilt für den Westen Europas genauso wie für den östlichen Raum, wie Jos Tromp, Chef der CEE–Research bei CB Richard Ellis, erklärt. „Das Interesse der internationalen Investoren steigt wieder. Es gibt aber nur wenige Produkte, die den hohen Anforderungen entsprechen.“ Gerade für zentral- und osteuropäische Länder gelte verstärkt, was die Immobilienmärkte derzeit allgemein prägt: „Die Schere zwischen ,the best and the rest‘“, sagt Tromp. Das gilt für ganze Länder genauso wie für konkrete Objekte. In Polen und Tschechien etwa sehen sich Investoren schon um, bei der Ukraine, Rumänien oder Bulgarien hingegen sind sie noch vorsichtig.
Neue Regelungen
Ein Punkt, den man im Auge behalten muss: die beabsichtigte Regulierung der deutschen offenen Fonds durch die Bundesregierung. Diese Investorengruppe hatte gerade in der CEE-Region für ordentliche Umsätze gesorgt – im Schnitt waren sie in den letzten Jahren für rund ein Viertel der Gesamtinvestments verantwortlich. Doch auch, wenn der Anteil zurückgehen sollte, müsse man sich nicht zu viele Sorgen machen, meint Tromp. Denn die Fonds sehen sich speziell nach Premium-Immobilien um – ein Segment, in dem ohnehin viel mehr Nachfrage als Angebot vorhanden ist.
Großbritannien im Fokus
Aus gesamteuropäischer Sicht belegen die CEE-Länder Platz vier in der Gunst der Investoren, das ergab eine Umfrage von CB Richard Ellis. Auf den Rängen eins bis drei liegen Großbritannien, Frankreich und Deutschland.
Ob die Investmentmärkte in Europa im Jahr 2010 wirklich mit einem satten Plus gegenüber dem Vorjahr abschließen werden, hängt laut CB Richard Ellis in hohem Maße auch davon ab, wie in diesen Ländern die „Belebung des Sekundärmarktes“ ausfällt. Das heißt, es ist ausschlaggebend, dass nicht nur die Topobjekte gekauft werden, sondern „opportunistische Investoren auch Immobilien mit Wertsteigerungspotenzial erwerben“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2010)