Gegengift

Niemand hat die Absicht, hier eine Mauer zu finanzieren

Wie schützt sich der gewöhnliche Bürger in seinem trauten Heim vor tierisch-gemeinen Zudringlichkeiten? Maschendrahtzaun?

Einige Villenbesitzer im Club der Segelflieger des Gegengift-Konzerns kennen das Problem aus erster Hand: Nach einem weiteren 36-Stunden-Tag fahren sie zur Freitagnacht von Erdberg aus beschwingt ins Wochenende, aufs Land hinaus. Endlich kommen sie nach einer knappen Stunde auf ihren Latifundien im tiefen Süden an, im Tal der Raab, Lafnitz oder Pinka. Kaum aber entsteigen diese Heimkehrer ihren Bentleys, spüren sie, dass der Kampfhund des Nachbarn schon wieder vor ihrem Wochenendhaus-Tor abgehintert hat, wie Steirer zu sagen pflegen. Beim Blick auf den beschmutzten rechten Gucci-Schlapfen durchzuckt es sie wie im heiligen Zorn: Diese vertierte Route muss dringend geschlossen werden!

Die Profis unter all den Flüchtigen aus der Stadt wissen es aus Erfahrung: Ein einfaches „Türl mit Seitenteilen“ reicht für den Selbstschutz nicht aus. Da gehört ein echter Überwachungs- und Strafzaun her, am besten ein unter Strom gesetzter mit hoher Voltzahl. Natürlich nur zur Abschreckung! Selbstschussanlagen sind ja neuerdings ein wenig in Verruf geraten.

Beim genaueren Blick in die Nachbarschaft erweist sich jedoch, dass es verschiedene ästhetische Varianten der Abgrenzung zu heimischen Horden gibt, die es auf unsere Güter abgesehen haben. Niemandem aus unseren Kulturabteilungen würde es einfallen, einen dieser „Gärten des Grauens“ bauen zu lassen, für die manche Ortsansässige anfällig sind. Die mit Steinen gefüllten hohen Metallgitter erinnern zu sehr an texanische Haftanstalten für Intensivtäter.

Doch Abgrenzung muss sein. Wir haben es uns bei dieser Selbstverwirklichung längst angewöhnt, lästige Mitbürger mit einem Satz abzufertigen, den DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 der impertinenten Lügenpresse entgegengeschleudert hat: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“
Wie denn auch? Es handelt sich eindeutig um einen Zaun. Der umschließt seinem altdeutschen Wesen nach den Garten und dient an sich friedlichen Zwecken, wie schon das gemeingermanische Wort Einfriedung andeutet. Selbst in der Luxusversion handelt es sich dann nicht um eine Mauer (das wildfremde Wort wurde aus dem Lateinischen entlehnt), sondern um einen Wall. Vallum wurde zwar ebenfalls den technisch begabten Römern abgeschaut, aber man kann die Befestigungsanlage je nach Bedarf völkisch aufrüsten.

Zu empfehlen ist auf dem flachen Land das großzügige Glacis vor dem Burggraben, über den der Ponte levatoio zum Gate führt, das den Hrad vor streunenden Katzen, Bären und Steuerprüfern schützt. Über die Finanzierung haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Wie sagte schon Ulbricht: „Niemand hat die Absicht!“