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Bauwesen

Miteinander statt gegeneinander: neue Kultur auf Baustellen

Lean Baumanagement erfordert auch ein Umdenken in Richtung partnerschaftliche Projektabwicklung.
Lean Baumanagement erfordert auch ein Umdenken in Richtung partnerschaftliche Projektabwicklung.(c) Getty Images/iStockphoto (lamontak590623)
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Aus den Produktionshallen kommt es auf die Baustellen: Lean Management.

Auf Österreichs Baustellen kehrt eine neue Kultur ein: Der Polier von morgen wird nicht mehr lautstark als Troubleshooter agieren, sondern von cleveren Planungsinstrumenten unterstützt für einen effizienten Ablauf des Bauvorhabens und partnerschaftliche Kooperation aller Gewerke sorgen. Lean Management, eine in der Industrie schon lang praktizierte Methode, soll künftig mehr Effizienz auf die Baustelle bringen. „Es ist ein Einsparungspotenzial von mindestens zehn bis 20 Prozent der Baukosten gegeben“, sagt Baumeister Martin Stopfer, der an der FH Campus Wien das Thema im Rahmen der Lehrgänge Bauingenieurwesen – Baumanagement näherbringt.

 

Reges Interesse der Studenten

Kein Wunder, dass immer mehr Bauherrn Druck machen und neben dem digitalen Planungstool Building Information Modeling (BIM) auch Lean Management auf ihrer Baustelle sehen wollen. Vielen Studierenden ist diese Entwicklung bereits bewusst.

An der FH Campus Wien etwa meldeten sich im September rund 20 Prozent der Studenten aus dem Bereich Bauingenieurwesen – Baumanagement für eine Masterthesis mit dem Schwerpunkt „Lean Management“, sagt Stopfer: „Damit sieht man, dass dieses Thema die Studierenden tatsächlich interessiert und bald eine neue Generation an Bauingenieuren mit einem neuen Verständnis für das Baumanagement tätig sein wird.“ An der Wiener FH ist Lean Management Teil der Bauingenieur-Ausbildung. Vor allem in den Masterlehrgängen ist das Thema in Kombination mit der Digitalisierung des Baus ein wesentlicher Schwerpunkt.

Ähnlich halten es andere Ausbildungsstätten für Bauingenieure. An der TU Wien wird an der Fakultät für Bauingenieurwesen bereits seit einigen Jahren im Bereich Prozessoptimierung und Lean Construction intensiv geforscht. „Im Sinne der forschungsgeleiteten Lehre lernen Studierende Lean Construction in verschiedenen Lehrveranstaltungen im Masterstudium Bauingenieurwissenschaften – vor allem im Bereich Bauprozessmanagement“, sagt TU-Pressesprecherin Bettina Neunteufl. Mehrere Masterarbeiten zum Thema Lean Construction führt der Bereich Baubetrieb und Bauverfahrenstechnik gemeinsam mit Baufirmen durch.

In verwandten Ausbildungen für den Bau ist Lean Management ebenfalls Thema, etwa im berufsbegleitenden MBA Bauwirtschaft an der Donau-Universität Krems. Der Universitätslehrgang gewährt einen tiefgehenden Einblick in betriebswirtschaftliche Zusammenhänge der Bauwirtschaft. „Die Abwicklung einer Baustelle nach den Gesichtspunkten von Lean Construction ist natürlich ein wichtiges Thema“, berichtet Lehrgangsleiter Erich Kremsmair. Er bevorzugt den Begriff Lean Construction, weil in der Bauwirtschaft das repetitive Element fehlt, das beim Lean Management etwa in der Automobilindustrie eine große Rolle spielt.

 

Erster dezidierter Lehrgang

Vergangenen Montag startete an der TU Graz der im deutschsprachigen Raum erste dezidierte Universitätslehrgang für „Lean Baumanagement“. Das berufsbegleitende Programm richtet sich an Führungskräfte im Bauwesen, „Bauingenieure, aber auch Architekten, Wirtschaftsingenieure, Projektentwickler oder Gebäudetechniker“, sagt Gottfried Mauerhofer, der wissenschaftliche Leiter des Lehrgangs. Die Nachfrage nach diesem Programm zeige, wie aktuell das Thema ist, meint Mauerhofer: „Trotz Ankündigung im Sommer war der Lehrgang binnen drei Tagen komplett ausgebucht.“ Die Teilnehmerzahl wurde von ursprünglich 20 auf 25 erhöht. Trotzdem mussten Interessenten auf den Lehrgang im nächsten Jahr vertröstet werden.

Auch Mauerhofer ist überzeugt, dass Lean Baumanagement die Zukunft gehört: „Vergleicht man den Trubel auf einer Baustelle mit den geordneten, perfekt geplanten Abläufen in Produktionshallen der Automobilindustrie wird schnell deutlich: Bauprojekte können mit verschlankten Prozessen deutlich effizienter werden.“ Um Mensch, Maschine und Material optimal einzuteilen und aufeinander abzustimmen, bedarf es aber auch eines Umdenkens: „Einen möglichst freien Informationsfluss, eine partnerschaftliche Projektabwicklung und eine offene Fehlerkultur sind notwendig“, erläutert der Wissenschaftler.

Mauerhofer ist bewusst, dass diese drei Forderungen für viele am Bau Beschäftigte einen grundlegenden Wandel bedeutet. „Wir haben in diesem Programm deshalb nicht nur aus technischen und betriebswirtschaftlichen Bereichen Vortragende, wir wollen auch über den Tellerrand schauen.“ Im Rahmen von Kamingesprächen werden Fußballtrainer, Jet-Piloten oder Notfallmediziner über Teamarbeit, Präzision, Fehlerkultur oder Transparenz erzählen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2019)