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Fußgängerunfälle: Jeder Fünfte stirbt auf Zebrastreifen

Fussgaengerunfaelle Jeder Fuenfte stirbt
(c) Bilderbox.com
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Experte kritisiert unklare Regeln. Oft würden auch Baurichtlinien ignoriert. die Die Anhaltemoral der Autofahrer hat in den vergangenen Jahren nachgelassen. 2009 kamen 19 Menschen auf "Schutzwegen" ums Leben.

WIEn.Ein toter Achtjähriger in Wien, eine tote Villacher Pensionistin und eine Schwerverletzte, ebenfalls in Wien – drei schwere Unfälle auf Schutzwegen in gerade einmal zehn Tagen. Und die Statistik sieht nicht viel besser aus: Wie der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) vorrechnet, ereignet sich jeder fünfte tödliche Fußgängerunfall auf einem Zebrastreifen. 2009 kamen so 19 Menschen ums Leben.

Die jüngsten Unfälle werfen eine Frage auf: Wie sicher sind Schutzwege eigentlich? Allein der Name, meint Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit, gaukle eine Sicherheit vor, die es nicht gebe. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Verunglückten auf Schutzwegen sogar deutlich gestiegen: Kamen im Jahr 1995 rund 500 Menschen auf ungeregelten Zebrastreifen zu Schaden, liege die Zahl heute bei rund 800 Verunglückten pro Jahr.

Grund dafür sei zum einen mangelndes Bewusstsein der Autofahrer. „Wir untersuchen das regelmäßig. 40 Prozent der Autofahrer bleiben nicht stehen.“ Laut Martin Blum vom VCÖ habe die Anhaltemoral in den vergangenen Jahren sogar nachgelassen – auch, „weil Telefonieren am Steuer zunimmt“. Verschärft werde die Situation, so Robatsch, durch die „unklare gesetzliche Regelung“. Derzeit muss ein Lenker schon anhalten, wenn sich ein Fußgänger einem Zebrastreifen annähert und ihn „erkennbar“ benutzen will. Eine Definition, die laut Robatsch zu Verunsicherung auf beiden Seiten führt. „Das sollte klarer geregelt werden.“ Verstöße gegen die Regel seien derzeit kaum beweisbar – und würden, obwohl Vormerkdelikt, kaum geahndet. Schon seit Längerem fordert das Kuratorium daher auch eine versuchsweise Videoüberwachung, wie sie bei Rotlicht eingesetzt wird. Entsprechende Kamerasysteme seien derzeit gerade in Entwicklung. „Schön wäre, wenn es noch heuer erste Tests gäbe.“

 

Gefährliche Zebrastreifen

Zur mangelnden Anhaltebereitschaft der Lenker kommt ein zweites Problem, das vorwiegend den ländlichen Raum betrifft. Dort gebe es, so Robatsch, viele Schutzwege, die nicht den Baurichtlinien entsprächen – weil Bürgermeister, Schuldirektoren oder Elternvertreter Druck für die Errichtung eines Schutzwegs machten, ohne dass die nötigen Kriterien tatsächlich gegeben seien. Für einen sicheren Zebrastreifen brauche es gewisse Sichtweiten, begrenzte Fahrzeuggeschwindigkeiten, ausreichende Beleuchtung (40 Prozent der Unfälle auf Zebrastreifen passieren in der Nacht) oder auch ein bestimmtes Verhältnis von Fahrzeugen zu Fußgängern – denn wenn selten jemand quert, sind die Autofahrer auch weniger bereit, dort überhaupt anzuhalten. Im Burgenland habe man gerade hunderte Schutzwege aufgegeben, weil sie diesen Kriterien nicht entsprächen und somit gefährlich seien. Österreichweit, schätzt Robatsch, gebe es sicher Tausende.

Auch der ÖAMTC plädiert für eine Überprüfung von Schutzwegen. „Verkehrsflächen und Ströme sind ständigen Veränderungen unterworfen“, sagt ÖAMTC-Verkehrsexperte Markus Schneider. Da könne es schon vorkommen, „dass ein Schutzweg, der bei seiner Errichtung optimal war, heute den Erfordernissen nicht mehr entspricht“.

Auf einen Blick

Tödliche Fußgängerunfälle: Zwischen 2005 und 2009 starben in Österreich 518 Fußgänger bei Verkehrsunfällen. 93 Menschen (18 Prozent) wurden auf dem Schutzweg getötet, allein 19 im Vorjahr. 16 davon starben auf ungeregelten Zebrastreifen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2010)