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Ein Päckchen aus Radebeul

Jedes Lesen ist Flucht – und folgt der Hoffnung, dass sich etwas anderes, Neues, Unbekanntes, Unerhörtes auftue. – Wie ich, das Arbeiterkind, zum Lesen kam.

In dem Arbeiterhaushalt, in dem ich mit meinen drei Geschwistern aufgewachsen bin, zwei weitere sind früh gestorben, gab es außer der Heiligen Schrift, dem Leben Jesu, ein paar alten Kalendern und einigen trivialen Romanen aus der Zwischenkriegszeit keine Bücher.

Unsere Eltern waren mit dem Überleben beschäftigt und mit der Baustelle, die unser kleines Haus fast zwei Jahrzehnte lang war. Die Notzeiten nach dem Ersten Weltkrieg hatten beide in Dienstboten- und Taglöhner-Verhältnisse gezwungen, die mit dem Begriff Ausbeutung am genauesten beschrieben sind. Beide waren durch Unfälle körperlich erheblich beeinträchtigt. Meinem Vater hat mit 32 Jahren beim Holzliefern ein Baum das rechte Bein bis hinauf zur Hüfte zertrümmert. Er konnte jedoch keinerlei Ansprüche auf Invalidität geltend machen, da der Waldbesitzer ihn nicht versichert hatte. So hat er sich mit seiner Stützprothese bis zum 65. Lebensjahr als Straßenarbeiter geschunden. Immer galt es, den körperlichen Makel vor den Gesunden und Unversehrten durch doppelten Einsatz wettzumachen. Der Stolz des Vaters war, in der Arbeit keinen einzigen Tag krank gewesen zu sein. Für die Leute im Dorf war er der krumme Karl. Er trug den Beinamen wie einen Ehrentitel. Mein krummes Bein, sagte er, hat mich davor bewahrt, für Hitler in den Krieg gehen zu müssen.

Das Leben meiner Eltern ist mir schon als Kind wie ein verzweifelter, nicht enden wollender Kampf um einen kleinen Winkel in einer Welt erschienen, in der alles schon verteilt und mit Besitzvermerken versehen war. Noch nach 50 Jahren waren sie für die Einheimischen die Dahergelaufenen. Was ihnen in diesem Kampf um ihren Winkel zur Verfügung stand, waren nichts als ein versehrter, müder Körper, Pflichtgefühl, Selbstverleugnung und ein nie ausgesprochener Wunsch nach Anerkennung und Ebenbürtigkeit; für meine Mutter auch die Religion.

Für die Bücher, fürs Lesen blieben in diesem täglich neuen Kampf kein Raum, keine Zeit, keine Geduld und kein Geld. Auch wir Kinder hatten unseren Mann zu stellen. Während des Schuljahres zu Hause, in den Ferien als Hirten auf den Alpen, die Schwestern als Kinder- und Stubenmädchen bei Geschäftsleuten und Vermietern. Zeit, die nicht für die Arbeit genutzt wurde, galt als verloren und vertan. Deshalb zählten die Bücher zu den feindlichen Kräften. Sie mussten abgewehrt und gemieden werden. Lesen vernichtet Zeit, die bei der Arbeit fehlt. Ich nehme ein Buch zur Hand und kann die Stimme meiner Mutter hören: Hesch nüüd Gschiidrs zum tua – Hast du nichts Gescheiteres zu tun? Lesen war bestenfalls nach getaner Arbeit möglich. Doch die Arbeit hörte nie auf. Meine Mutter war, ihrer Sehbehinderung zum Trotz, eine Meisterin im Entdecken von Arbeit. Da sie den ganzen Tag und auch die halbe Nacht auf den Beinen war, wurde sie nervös, wenn eines der Kinder saß und las und somit untätig war.


Doch der Einfall der feindlichen Truppenwar auf Dauer nicht zu verhindern. Eines Tages brachte mein Bruder einige Karl-May-Bücher ins Haus. Zuerst geliehene Bände, dann begann er seine im Sommer sauer verdienten Groschen rücksichtslos zu plündern. Er hatte Feuer gefangen. Ein gutes Dutzend der olivgrün gebundenen Bände mit dem goldunterlegten Rückenschildchen und der kolorierten Zeichnungen auf dem vorderen Deckel kam mit der Zeit zusammen. Naturgemäß gab es lautstarke Auseinandersetzungen mit den Eltern: Dass es schade sei um die Zeit und dass das ständige Lesen die Augen verderbe, das war die große und verständliche Sorge meiner Mutter, die ein Auge verloren und auf dem anderen nur ein Viertel Sehkraft hatte. Doch im Dorf wurde schon länger kolportiert, dass der Gemeindearzt ein begeisterter Karl-May-Leser sei, er besitze eine vollständige Sammlung mit mehr als 60 Bänden, hieß es, und er habe alle gelesen.

Das war Schützenhilfe von unerwarteter Seite. „Dann frag doch den Doktor“, schlug mein in die Enge getriebener Bruder immer wieder vor. Und meine Mutter ging tatsächlich und fragte den Dr. Vogel, der bei ihr einen Stein im Brett hatte, nicht nur weil sie ihn als Arzt schätzte, sondern mehr vielleicht noch, weil er an Sonntagen regelmäßig seine Frau zur Frühmesse begleitete. Und sie kam aus der Sprechstunde zurück mit dem Bescheid: Für die Augen unbedenklich, wenn auf gutes Licht geachtet wird, vom Inhalt her empfehlenswert, weil die Kinder etwas über ferne Länder und Menschen erfahren und zum Schluss immer die Guten siegen.


In die Bresche, die Dr. Vogel und mein Bruder geschlagen haben, drang ich nach, und ich habe sie durch Bravsein, durch Gegengeschäfte in Form von freiwilliger Arbeit, aber auch durch geschickte Verlängerung von Krankheiten verbreitert. Kranksein war überhaupt das Beste. Da konnte man lesen, so lange man wollte. Einmal lag ich 14 Tage mit einer Infektion, die ich mir bei der Arbeit auf der Alpe zugezo-
gen hatte. Es war ein Fest. Das erste Mal in meinem Leben ein Gefühl von Ferien. „In den Schluchten des Balkan“, Band vier der Gesammelten Werke, an die 500 Seiten stark, las ich an einem Tag. Es war Suchtverhalten.

Es war aber auch Flucht, wie jedes Lesen Flucht ist und der Hoffnung folgt, dass sich etwas anderes, Neues, Unbekanntes, Unerhörtes auftue und dass man von dem Gelesenen berührt werde. Winnetou, ich weiß es, als ob es gestern gewesen wäre, starb an ei- nem Samstagnachmittag. Ich saß auf dem abgewetzten Kanapee in der Küche und weinte. Vielleicht der Erste, über dessen Tod ich geweint habe. Die Feierabendglocken läuteten beim offenen Fenster herein.

Das Problem war nur,mein Karl-May-Vorratschrumpfte rasch, und die Entlehn- und Tauschmöglichkeiten im Dorf waren beschränkt. Den gestrengen Dr. Vogel wagte ich nicht zu fragen.

So setzte ich mich eines Tages, ich war neun oder zehn, an den Küchentisch und schrieb einen Brief an den „Sehr geehrten Herrn Karl May in Radebeul bei Dresden“. Straße wusste ich keine, aber ich dachte, den kennt dort jeder. Ich klagte ihm mein Leid und bat ihn, da er doch gewiss einen großen Vorrat an Karl-May-Büchern habe, mir doch bitte ein oder zwei davon zu schicken.

Ich hörte lange nichts von ihm. Dann, nach drei Monaten vielleicht, kam ein kleines Päckchen, adressiert an mich. Ich weißnicht, ob ich davor je Post bekommen hatte. Ich öffnete es und war wie vom Donner gerührt. Der erste Satz des Begleitbriefs lautete: „Karl May ist leider schon 1912 verstorben.“ Nicht einmal war mir in den Sinn gekommen, dass er seinem Blutsbruder Winnetou schon nachgefolgt sein könnte. Aber auch große Freude gab es: In dem Päckchen fanden sich eine illustrierte Broschüre über sein Leben, Porträt- und Ansichtskarten aus dem Karl-May-Museum in Radebeul mit Silberbüchse, Bärentöter, Henrystutzen und Karl May in Old-Shatterhand-Verkleidung, dazu Prospekte der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg. Jahrelang habe ich diese erste, an mich persönlich gerichtete Sendung aus dem Reich der Literatur bewundert und gehütet wie einen Schatz.


Heute weiß ich: Dieses Päckchen ist, gerade weil es das ersehnte Buch nicht enthielt, das Schlüsselerlebnis in meiner Biografie als Leser und damit auch als Literaturwissenschaftler und als Kritiker. Es hat mir die Augen geöffnet in mehrfacher Hinsicht. Erstens dafür, dass Autoren sterben können und ihre Bücher weiterleben. Zweitens, dass Autoren ein Leben haben, das irgendwie mit ihren Büchern zusammenhängt: siehe Karl May in Old-Shatterhand-Montur, und drittens, dass es irgendwo Leute geben muss, die sich um Autoren, um Bücher und um Leser kümmern. Sonst hätte ich ja kein Päckchen bekommen.

Wenn ich zurückblicke, so sind es letztlich genau diese Zusammenhänge, die mich zunehmend an der Literatur fasziniert haben: die historischen, die biografischen und die politisch-institutionellen Kontexte, mit anderen Worten, das literarische Leben. Dazugekommen ist nach und nach die Intention, dem zu öffentlicher Wirkung zu verhelfen, was man selber für gut, für wichtig und für richtig hält. Durch Schreiben und öffentliches Reden, aber eben auch durch die Gründung des Musil-Instituts in Klagenfurt, das als Literaturhaus, Literaturarchiv und Forschungsinstitut meinem Selbstverständnis nach die Literaturkritik praktisch, man könnte auch sagen, gesellschaftlich und politisch wirksam werden lässt.

Denn in einem Land, in dem der eine Landeshauptmann sich damit brüstet, ein „hochgradiger Hitlerjunge“ gewesen zu sein, der nächste nicht nur Treue und Tapferkeit der SS, sondern auch die Beschäftigungspolitik der Nazis preist und der dritte schließlich Korruption als ganz „normales Sponsoring“ verkauft, gibt es auch für Literaturwissenschaftler und Literaturkritiker ein lohnendes Betätigungsfeld, denn bekanntlich ist es, nach dem schönen Satz von Peter Handke, ja „die Literatur, die das Bild eines Landes bestimmt, gerade indem sie allen fertigen Bildern mit Hartnäckigkeit und sanfter Gewalt widerspricht“.


Im Übrigen hat meine Mutter, nachdemder Vater früh gestorben war und wir Kinder das Haus verlassen hatten, 20 Jahre ihres Lebensabends mit Lesen zugebracht. Mithilfe einer beleuchteten Lupe. Wenn ich sie zuweilen scherzhaft fragte: Hesch nüüd Gschiidrs zum tua – Hast du nichts Gescheiteres zu tun? gab sie zur Antwort: Warum denn, die Arbeit läuft mir schon nicht davon.

Ich danke allen, die es mir ermöglicht haben, für die Literatur und auch, was Kärnten betrifft, für ein anderes Bild des Landes zu wirken. In diesen Dank schließe ich Herta Firnberg und Bruno Kreisky mit ein, die mit ihrer Politik der Chancengleichheit auch den Dahergelaufenen den Weg in die Schulen und Universitäten geebnet haben. ■


Der Text gibt die Rede wieder, die Klaus Amann vorige Woche anlässlich der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literaturkritik hielt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2010)