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Abbitte für den Lebensstil

Marktstand in Wien
Marktstand in Wien(c) Clemens Fabry
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Laut IATA verdoppelt sich der Flugverkehr bis 2037: Wie kommt man am Marktstand dagegen an?

Mein Gemüsestandler auf dem Brunnenmarkt versteht die Welt nicht mehr: Was ist falsch an seinen Plastiksackerln? Einige Kunden haben sie an diesem Vormittag strikt von sich gewiesen, jetzt komm auch noch ich daher und halte ihm eine Stofftasche entgegen, obwohl die Zwetschken schon im Plastik versenkt sind. Mit gekränkter Miene macht er sich ans Umladen. „Ohne geht nix!“, rühmt er noch seine in Ungnade gefallenen Sackerln. Denn ja, sie leisten ihm wertvolle Dienste. Kimchi-Mann Ulrich von nebenan greift zwar noch zum Plastik, ersucht aber um einen freiwilligen Beitrag, der gesammelt, von ihm aufgerundet und dann Global2000 gespendet wird; ein kleines Bußgeld für Hirnis wie mich, die ihre leeren Gläser vergessen. „Wann anfangen, wenn nicht genau jetzt?“, sagt Ulrich.

Als ich wieder aufs Rad – notabene! – steige, überlege ich, ob ich das Männchen im Range Rover, der am Marktrand im Halteverbot steht, pflichtschuldig mit einem bösen Blick strafe. Ich lasse heute Gnade vor Recht ergehen (was vielleicht damit zu tun hat, dass ich hier schon oft genug um Parkplätze gekreist bin). Flugscham, SUV-Scham, Grill- und Steak-Scham, es gibt viele Errungenschaften unseres Lebensstils, für die es nun offenbar Abbitte zu leisten gilt. Aber wer macht den Anfang? Tesla gegen Range Rover gilt übrigens nicht, weil das ist auch nur ein Auto, grad noch schwerer, und es kommt von ziemlich weit her. Bevor wir also anfangen, uns gegenseitig unsere CO2-Bilanzen um die Ohren zu hauen: In dieser Laufstallversion des großen Weltgeschehens muss jeder selbst wissen, was er zu tun und zu lassen hat.

timo.voelker@diepresse.com

Nächste Woche: Karl Gaulhofer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2019)