Wetterphänomen

Ein Hurrikan, der sich in Richtung Europa bewegt

Die Route von "Lorenzo" durch den Atlantik in Richtung Irland.
Das ist die prognostizierte Route von ''Lorenzo'' durch den Atlantik in Richtung Irland.(c) National Hurricane Center

Äußerst selten schafft es ein Hurrikan aus dem Atlantik bis nach Europa. Die Reste von „Lorenzo“ werden am Wochenende Irland treffen - eine echte Bedrohung ist er für die Azoren.

Die Hurrikan-Saison im Atlantik dauert von Juni bis November und beschert vor allem der Karibik und den USA heftige Wirbelstürme  - wie zuletzt etwa „Dorian“. Dass die riesigen Sturmtiefs aber auch in Richtung Osten, nach Europa wandern, kommt weniger oft vor. Ein Sturm namens „Lorenzo“ hat aber genau diesen Weg eingeschlagen. Ausgehend vom zentralen Atlantik könnte er Mitte der Woche über die zu Portugal gehörende Inselgruppe der Azoren hinwegfegen und schließlich sogar Irland erreichen - wenn auch nicht mehr als Hurrikan.

Am frühen Mittwoch dürfte es jedenfalls auf den Azoren soweit sein, warnen die Behörden vor Ort. Das Zentrum des Hurrikans wird knapp nordwestlich der Inseln vorbeiziehen. Die Bewohner bereiten sich jedenfalls auf das Schlimmste vor und verbarrikadieren die Gebäude. „Wir müssen unser Eigentum schützen, weil, wenn er mit dieser Intensität kommt, wird er uns schwer treffen“, erzählte Alcino Machado der Nachrichtenagentur Reuters. Er wohnt auf der Insel Terceira.

So weit östlich kam noch noch kein Stufe-Fünf-Hurrikan

„Lorenzo“ war Samstagabend sogar zu einem Hurrikan der höchsten Kategorie fünf hochgestuft worden. Soweit östlich kam ein Hurrikan dieser Stärke noch nie. In den folgenden Tagen verlor der Sturm aber an Stärke. Mittlerweile erreicht er Kategorie zwei - immer noch eine große Gefahr für die Bewohner der Azoren. Der portugiesische Zivilschutz appellierte an die Menschen, morsche und ausladende Bäume zu fällen, Abflüsse freizuhalten, umherstehende Objekte aus Gärten und Tiere in Sicherheit zu bringen sowie auf ungewohnte Geräusche und Risse in den Wänden zu achten. Das National Hurricane Centre in Miami prognostiziert jedenfalls enorme Regenmengen von bis zu 10 Zentimetern und Windgeschwindigkeiten von bis zu 170 Km/h. Die Regenfälle könnten lebensgefährliche Springfluten im Westen auslösen.

Die Wirtschaft der Azoren baut vor allem auf Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus. Alle drei Faktoren könnten vom Hurrikan schwer in Mitleidenschaft gezogen werden.

Ein Hurrikan in Europa?

Dass ein Hurrikan in Richtung Osten, in Richtung Europa, zieht, geschieht nicht häufig, aber es passiert, bestätigt ein Sprecher der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) der „Presse“. 2018 kam „Leslie“ als Hurrikan der Stufe 1 fast bis zur iberischen Halbinsel. Ein Jahr zuvor war es „Ophelia“, die in Irland am 16. Oktober 2017 mit Windgeschwindigkeiten von fast 160 km/h eintraf und auch in Großbritannien noch schwere Schäden anrichtete. Damals galt „Ophelia“ wie jetzt „Lorenzo“ als der stärkste Hurrikan, der es soweit in den Osten schaffte - bevor er dann heruntergestuft als heftiger Sturm in Europa eintraf.

Am Donnerstag oder Freitag droht Irland also erneut stürmisch-nasses Wetter. Allerdings lassen sich die Bewegungen derart kleinräumiger Stürme (im Gegensatz zu großen Tiefdruckgebieten) im Detail schwerer vorhersagen.

Für Zentraleuropa könnte der sich nähernde Hurrikan aber besseres Wetter bedeuten, denn „Lorenzo“ schiebt wärmere Luft vor sich her. Wie warm, das zeigt auch das Beispiel „Ophelia“ aus dem Jahr 2017, als es in England Mitte Oktober noch einmal 24 Grad Celsius warm wurde. 

In den Aufzeichnungen findet sich übrigens nur ein Hurrikan, der tatsächlich als Hurrikan in Europa eingetroffen sein könnte: Während „Debbie“ im Jahr 1961 wütete kamen 18 Menschen in Irland und Nordirland ums Leben. Allerdings sind sich die Meteorologen nicht einig, ob „Debbie“ tatsächlich noch Hurrikan-Stärke hatte oder „nur noch“ ein tropischer Sturm war.