Kolumne zum Tag

An der Anden-Grenze

(c) REUTERS (Daniel Becerril)

Vor wenigen Jahren habe ich auf einem Markt in Argentinien die irrste Avocado meines Lebens gesehen.

In der Zwischenzeit haben wir ja das Ende der Avocado eingeläutet. Ich kann mich gar nicht erinnern, ab wann diese grüne Frucht das lokale Agrarangebot aufgemischt hat, aber irgendwann hieß es Avocadosalat hier, Guacamole da, schmier dir Avocadopaste ins Gesicht und in die Haare gegen Pickel und Wechseljahre. Mittlerweile ist es schwierig geworden mit der Avocado. Sie muss sich flugschämen, die große Nachfrage strapaziert die Böden unserer Welt, und was verdienen eigentlich die Bauern? So entstand die Entfremdung zwischen mir und diesem Import. Wobei: Wirklich warm geworden bin ich mit Avocado ohnehin nie.

Vor wenigen Jahren habe ich auf einem Markt in Argentinien die irrste Avocado meines Lebens gesehen: Sie war groß, fett, sympathisch deformiert und erinnerte an die Medizinbälle aus dem Turnunterricht. (Was ist eigentlich ein Medizinball?) Ich kaufte also diese sonderliche Frucht und schleppte sie tagelang stumpfsinnig umher, weil ich ihre Existenz vergaß. Im Rucksack befand sich die Avocado auch, als ich mit dem Bus nach Chile fuhr, über die überaus imposanten Serpentinen hinauf auf die Spitze der Anden, wo sich der Grenzposten befindet. Kontrollen wie auf dem Flughafen! Das Gepäck wurde gescannt, eine ewige Herumwarterei, bis plötzlich ein Grenzpolizist in die Menge schritt wie ein übel gelaunter Dschingis Khan und militärisch herumschrie, wem denn diese Avocado gehöre? Dabei hielt er die Frucht mit einer Hand in die Höhe wie das ärgste Beweismittel für das Schafott. Na ja, stellte sich heraus, man darf keine Avocado über die Grenze bringen, das Ding dann auch noch vergessen und bei den Grenzpapieren angeben, man trage keine Pflanzen mit sich. Die Befragung mit Dschingis Khan verlief äußerst schlecht. Er kein Englisch, ich kein Spanisch, und soweit ich das noch rekonstruieren kann, lief unsere Unterhaltung etwa so, bevor er mich endlich gehen ließ: „Sie haben falsche Angaben gemacht.“ „Ich habe nicht gewusst, dass das zu Pflanzen zählt.“ „Was soll sonst zu Pflanzen zählen, was man nicht mitnehmen darf?“ „Weiß nicht, Marihuana?“ „Sie haben Marihuana?“ „Nein, danke.“

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2019)