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Lisa, Liska, Lísotschkas

„Moskau ist viel schöner als Paris“: über Elisabeth Marksteins „gutes Erinnern“. Samt einem Hinweis auf den Lebensbericht ihrer Mutter, Hilde Koplenig.

Unlängst habe ich den spanischen Schriftsteller Caballero Bonald vom Unterschied zwischen Erinnerungen und Autobiografien sprechen hören. Erstere setzten sich aus einer selektiven Darstellung von Vorfällen zusammen, die sich zur Lebensbeschreibung ihres Verfassers, ihrer Verfasserin rundet, während die Autobiografie um ein möglichst lückenloses Bild der erfahrenen Geschehnisse bemüht sei. Erinnerungen wären demnach als literarische Werke zu lesen, Autobiografien in erster Linie als Quellen der Geschichtsforschung anzusehen. Aber der Geschichtsbetrachtung dienlich sind auch die Erinnerungen, zumal sie, wie die von Elisabeth Markstein veröffentlichten, eine Kindheit aufleben lassen, die sich mit den großen Utopien des vergangenen Jahrhunderts verzahnt, der Hoffnung auf einen revolutionären Bruch mit dem Kapitalismus und das Gelingen des Sozialismus, mit dem antifaschistischen Widerstandskampf und der Überwindung des praktizierten Unsinns, Kinder auf Erfolg und Konkurrenz zu dressieren. Trotzig setzt die Autorin ihrem Buch diese Warnung voran, die Caballero Bonalds klärende Worte bestätigt: „Ich schreibe Erinnerungen, ich schreibe nicht Geschichte und auch keine Autobiografie. Ich schreibe von Ereignissen, die mich bewegt haben, und von Menschen, die ich mochte.“

Lisa Markstein ist nicht irgendwer. Im April 1929 in Wien zur Welt gekommen, als Tochter eines Kärntner Schuhmachergesellen und einer aus dem jüdischen Bildungsbürgertum stammenden Doktorin der Staatswissenschaften, verbrachte sie die ersten sechs Lebensjahre zumeist bei Pflegefamilien und in einem Kinderheim – in Zürich, Reichenberg und Prag. Gut aufgehoben fühlte sie sich erst in der Sowjetunion, wo sie, von einem durch Kinderlähmung verursachten Aufenthalt in Frankreich 1938/39 abgesehen, bis zum Sieg über Nazideutschland gelebt hat. Vom großen Terror blieben sie und ihre Eltern verschont. Ihr Vater war Johann Koplenig, von 1924 bis 1965 Vorsitzender der KPÖ und als Kommunist ab 1933 auf der Flucht und im Exil. Die Mutter Hilde, eine geborene Oppenheim, blieb in der durch Verfolgung erzwungenen Illegalität an seiner Seite, was zu Lasten der Tochter ging, die früh begreifen musste, dass sie keinen Anspruch darauf hatte, von der Mutter umsorgt und behütet zu werden. Der Schmerz über die Trennung, den Lisa für sich behielt, zieht sich als leiser Vorwurf durch das Buch. Die Betrübnis auch, dass sie dis Eltern infolge des pädagogischen Reformeifers mit deren Vornamen anreden musste. „Wie gern würde ich sie in meinen Erinnerungen nachträglich Papa und Mama nennen.“
Markstein hat ihre Aufzeichnungen in zwei Teile gepackt. Der erste setzt bezeichnenderweise mit der Erinnerung an die Großmutter, nicht die Mutter, ein und endet 1948 mit der lapidaren Feststellung, dass sie es inzwischen zu Arbeit, zu Freundschaften, zum ersten Verliebtsein und Enttäuschtwerden gebracht habe, also definitiv „erwachsen geworden“ sei. Hier klaffen keine Lücken außer die, die der Subjektivität des Erinnerns geschuldet sind. Trotz aller Attacken auf das als Einschränkung empfundene lineare Erzählen orientiert sie sich also an der Chronologie der Ereignisse, wobei sie ihre Kindheit, in der sie sich alle paar Monate in eine neue Umgebung einfinden musste, gleichzeitig von innen und von außen wahrnimmt. „Höchste Zeit, in die erste Person zu wechseln“, schreibt sie nach ein paar Seiten. Sie fällt sich selbst ins Wort, schweift ab, wirft ein, nimmt spätere Geschehnisse vorweg. In der Sprunghaftigkeit und lapidaren Kürze teilt sich der lebhafte Charakter der Frau – und des Mädchens, das sie gewesen ist – ebenso mit wie ihre geringe Bereitschaft, als überflüssig erkannte Konventionen einzuhalten. Der burschikose Ton grundiert die Erinnerungen außerdem mit einer Heiterkeit, die sie dann und wann hinterfragt. „Ich merke, es klingt alles so fröhlich. War es ja auch für uns Junge.“
Anders der zweite Teil, in dem ihr Erwachsenenleben nur bruchstückhaft, durch das, was ihr von Begegnungen mitteilenswert erscheint, zur Sprache kommt. Dabei gelingen ihr gleichermaßen sachte wie eindringliche Porträts, von ihren Eltern, dem früh verstorbenen Bruder Ernst, von Alexander Solschenizyn, den sie nicht nur übersetzt, sondern auf eigenes Risiko auch wirksam unterstützt hat, von Lew Kopelew und Heinrich Böll, in dem sie erstmals einen Schriftsteller fand, „der so schrieb, wie er war, oder – so war, wie er schrieb“, von drei kühnen, weithin unbekannt gebliebenen oder halb vergessenen Frauen: den Russinnen Natalja Stoljarowa und Wilhelmine Slawutzkaja, der Österreicherin Antonie Lehr. „Was verband sie? Sie waren durch die Welt getrieben worden und hatten Gefängnis und Konzentrationslager hinter sich. Toni unter den Nazis in Auschwitz und Ravensbrück, Natascha und Mischka auf der Moskauer Lubjanka und im sibirischen GULAG. Toni wusste wenigstens, weswegen sie vor das Blutgericht kam: Sie hatte dem Regime Widerstand geleistet. Natascha und Mischka hätten nicht sagen können, wofür man sie verurteilt hatte, sie wussten nur warum: wegen der Stalinschen Terrororgie, die willkürlich um sich schlug. Was hatten sie gemeinsam? Ungebrochene Lebenslust. Unerschöpfliche Energie und unerschöpfliches Engagement. Immer Menschen um sich, Männer, die sie verehrten und liebten. Frauen, die ihnen treue Freundinnen waren.“

Immer Menschen um sich. Mit dieser Einschätzung legt Lisa Markstein eine Spur zu sich selbst. Wohltuend, wie sie kraft ihrer Erinnerungen die hierzulande grassierende Russophobie auf den Kopf stellt. Neben Tugenden wie Gastfreundschaft, Tapferkeit und Großzügigkeit, die im Prinzip allen Völkern im gleichen Ausmaß eignen, hat die zur Freundschaft begabte Autorin unter Sowjetbürgern, Frauen vor allem, eine ganz und gar unsentimentale Herzensgüte gefunden, deren Nuancenreichtum sich allein schon in den Koseformen ihres Namens erweist: „Lisa, Liska, Lísotschka, Lísanjka, Lisók, Lisúscha, Lisuschenjka, die absolute Steigerung aus der Vielfalt an russischer Zärtlichkeit; und ich weiß noch heute, wer mich wie anredete, viele davon sind nicht mehr.“

Am innigsten angenommen – und in Wien am stärksten vermisst, wenigstens in den Anfangsjahren – hat sie das „Wir-Gefühl“ in der Sowjetunion, „die freiwillige Anpassung an andere, die Geborgenheit in der Gemeinschaft, der Gleichklang im Erfassen der Umwelt und vor allen anderen die Freude, da zu sein auf der Welt“. Es wäre töricht, die stalinistischen Verbrechen unter Verweis auf dieses Glücksempfinden kleinzureden, aber genauso dumm wäre es, Marksteins „gutes Erinnern“ an ihre gleichaltrigen und erwachsenen Freunde im Moskauer Hotel Lux, in der Sommerfrische Kunzewo und sogar noch im fernen Sacharjino, wohin sie nach dem deutschen Überfall evakuiert wurde, mit dem Argument auszulöschen, dass in den Jahren der Großen Säuberung viele Hunderttausende, wahrscheinlich Millionen Menschen zugrunde gegangen sind.Die Autorin schreibt, sie habe nicht gejubelt, als Stalin starb, aber sie habe auch nicht getrauert. Auch nach dem Ungarnaufstand 1956 blieb sie in der Partei, nicht nur ihrem Vater zuliebe: Da war, unter anderem, das Wissen um die 2000 unter dem Naziregime ermordeten österreichischen Kommunisten. „Nein, der Abschied von der Kommunistischen Partei war nicht bloß Abschied von den frühlingsfrohen Maidemonstrationen. Ich konnte nicht einfach die Tür hinter mir zuschlagen. Das soll nicht Rechtfertigung des Zögerns sein. Es ist eine Erklärung von vielen.“ Wie ihre Mutter gehörte Lisa Markstein zu den Reformkommunisten, die nach der „Normalisierung“ der Partei im Zuge der Niederschlagung des Prager Frühlings ausgeschlossen wurden oder dem Ausschluss durch Parteiaustritt zuvorkamen. Sie sammelten sich um das „Wiener Tagebuch“, wo ich die Autorin, die ihre Artikel mit dem Namen Elisabeth Mark zeichnete, auch zum ersten Mal wahrgenommen habe.Von nun an saß die überragende Slawistin zwischen allen Stühlen – in einer moralisch vertretbaren, dem beruflichen Weiterkommen ziemlich abträglichen Position: Von den ehemaligen Genossen wurde sie als „Revisionistin“ verstoßen, nachdem die strammen Antikommunisten an Österreichs Universitäten durch Sippenhaftung ihre akademische4 Laufbahn schon viel früher nach Kräften behindert hatten. Davon berichtet sie ohne Groll, wie nebenbei. Es tangiert sie nicht mehr. Ausführlicher schreibt sie über die Freude, die sie an ihren Studenten, Studentinnen vor allem, gehabt hat und weiterhin hat. Ihr Sinn stand eben nicht nach Karriere, sondern darum, „Menschen um sich“ zu haben. Auf sich allein gestellt zu sein und trotzdem nicht einsam zu bleiben.
Das Buch ist ihren Enkelkindern zugeeignet. Sie wollte ihnen was hinterlassen, sagt Lisa Markstein in einem Interview, nachdem zwei ihrer Töchter jung gestorben waren. An diese und an ihren vor anderthalb Jahren verstorbenen Mann Heinz erinnert sie sich in wenigen, bei aller Zurückhaltung anrührenden Sätzen. „Ich habe kein Ende für dieses Kapitel“, schreibt sie im Gedenken an Barbara und Miriam. „Sie werden bei mir bleiben, so lange ich lebe.“ Und die „Topografie einer Ehe“ – ein raffinierter Einfall, Ehejahre gewissermaßen zu verorten – beschließt die Erinnerungen mit dem Sterben des geliebten Partners und dem schlichten Bekenntnis: „Von mir bleibt nur mehr die Hälfte.“
Wer will, kann sich in der Familiengeschichte eine Generation nach hinten tasten: Seit zwei Jahren liegt auch der Lebensbericht Hilde Koplenigs vor, die 2002, 97-jährig, in Wien gestorben ist. Er entstand offenbar schon Mitte der Achtzigerjahre, setzt im März 1908 mit Koplenigs frühester Erinnerung, an die Geburt ihres Bruders, in Prag ein und endet kurz nach der Rückkehr aus dem Exil und den ersten, für die KPÖ enttäuschenden Wahlen im November 1945 in Wien. Das Buch ist eine Fundgrube für alle, die sich für die wechselvolle Geschichte des Kommunismus und seiner vergessenen oder verschwiegenen Akteure interessieren, auch wenn sich die Autorin über manches, das sie eigentlich wissen musste, ausgeschwiegen hat. Weil sie die Regeln der Konspiration verinnerlicht hatte, oder weil es sie schmerzte, an so viel mit Niedertracht ummäntelten Heldenmut zu erinnern? Oder erfuhr man selbst in hohen Funktionärskreisen kaum was über das, was um einen herum vorging?
Etwas Unerfülltes steckt in diesem Buch: der ausgebliebene Aufruhr, die unerfüllte Hoffnung auf einen Wandel, die böse Ahnung, dass sich der Einsatz vielleicht nicht gelohnt hat. „Wir waren nie allein. Dennoch wird mir bewusst, dass wir mehr oder weniger isoliert waren. Wer waren unsere Freunde? So viele und so verschieden sie waren, es waren doch immer wieder Kommunisten oder Sympathisierende. Mit anderen kam man sehr wenig in Berührung, auch kaum mit Sozialdemokraten. Ich erinnere mich an eine Episode kurz nach unserer Rückkehr: Ich ging mit den Kindern in der Hartäckerstraße spazieren und zeigte ihnen begeistert die Aussicht auf die Wienerwaldberge: ,Ist das nicht schön?‘ ,Ja‘, sagte Lisa, ,das schon, aber die Menschen mögen uns nicht.‘ Sie hat es gespürt, ich habe es in meiner Euphorie über die Heimkehr nicht sehen wollen.“ ■s