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Heute vor... im September: Nächtliche Kämpfe im unterirdischen Wien

Eine Einbrecherbande nahm den Weg durch den Kanal, durchquerten auf Schleichwegen das unterirdische Wien und verschafften sich Zutritt zu den Hauskellern. Sie lieferte sich Gefechte mit Konkurrenten.

Neue Freie Presse am 30. September 1919
 
In den letzten Wochen wurden hier eine Reihe großer Einbrüche begangen, bei denen die Täter den Weg durch den Kanal genommen, auf Schleichwegen durch das unterirdische Wien die Stadt durchquert und sich dann vom Kanal aus Zutritt zu den Hauskellern verschafft haben. Solche Einbrüche wurden bei der Firma Rosenzweig in der Praterstraße Nr. 15 mit einer Schadenssumme von 270.000 K. und bei der Firma Reumann, Praterstraße 53 mit einer Schadenssumme von 70.000 K. verübt, ferner in der Tabaktrafik Hüttel, Praterstraße 61, mit 3600 K. Schaden, bei der Firma Frei und Pollak, Ferdinandstraße 30 und 50.000 K. Schaden und bei der Firma Leo Weiß, Untere Donaustraße 29, mit einer Schadensumme von 30.000 K. begangen. Die Polizeidirektion hat nun eine Gruppe tüchtiger Polizeiagenten, und zwar die Herren Rauchenschwandtner, Scheiblecker, Sirowatka, Urban, Wieser und Reisegast, mit den Nachforschungen nach den Tätern betraut und den genannten Detektivs ist es tatsächlich gelungen, die ganze Bande dieser gefährlichen Geschäftseinbrecher auszuforschen und zu verhaften.
 
Ihr Führer war der oft vorbestrafte Hilfsarbeiter Benedikt Duras mit dem Spitznamen "Schropp". Der Einbrecherbande gehörten ferner an die Hilfsarbeiter Josef Dudek und Rudolf Rozon, Anton Schwitzer sowie der Kellner Theodor Postrihaz, sodann vier Mädchen namens Marie Schimmerl, Emilie Steyskal, Rosa Zeller und Therese Pfleger. Die Einbrecher hatten einen Helfer in der Person eines gewissen Rudolf Flachsel, der sie auf allen ihren Wegen begleiten mußte und eigentlich nur der Träger der Werkzeugtaschen war, in denen das Einbruchsinstrumentar verwahrt wurde. Duras, der ein Kenner des Wiener Kanalsystems ist, war bei diesen nächtlichen Schleichwegen durch das unterirdische Wien der Führer. In den Kanälen sind die Einbrecher, wie sie selbst erzählen, wiederholt anderen Menschengruppen begegnet, die sie für Verfolger gehalten haben und denen sie buchstäblich Schlachten lieferten. Auch aus Revolvern wurde geschossen, wenn die Diebe ihren vermeintlichen Verfolgern zu entkommen suchten.
 
Später aber stellte sich dann heraus, da diese Gegner keine Verfolger, sondern gleichfalls Einbrecherbanden waren, Konkurrenten, die gar häufig der von Benedikt angeführten Bande in die Kanäle nachgeschlichen waren, um ihnen die Beute abzujagen. Aus dem Ertrag des Diebsgeschäftes haben Duras und seine Mitschuldigen für sich und ihre Mädchen Anschaffungen gemacht. Jeder von ihnen hatte auch ein neues Fahrrad gekauft und diese Fahrräder wurden in der verkehrslosen Zeit der letzten Woche von den mit den Erhebungen betrauten Polizeiorganen zu dienstlichen Erkundigungsfahrten in dieser Angelegenheit benützt. Die Verhafteten sind gestern dem Landesgericht eingeliefert worden.