Australiens Kängurus werden zu Hundefutter

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Angesichts einer Känguruplage hat der Bundesstaat Victoria die Jagd auf die australischen Wahrzeichen-Tiere zwecks Tierfuttererzeugung im Großteil seines Gebietes freigegeben. Kängurus werden in Australien seit jeher verspeist.

Angesichts einer enormen Känguru-Plage dürfen Australiens Wappentiere künftig mit staatlicher Erlaubnis auch zu Tierfutter verarbeitet werden. Der Bundesstaat Victoria im Südosten des Kontinents wies am Dienstag sieben Regionen mit besonders vielen Kängurus als entsprechende Jagdgebiete für diesen Zweck aus; die Regionen machen den Großteil des Bundesstaats (Landfläche ca. 227.000 Quadratkilometer, etwa 6,6 Millionen Einwohner, Hauptstadt Melbourne) aus.

Nach Schätzungen leben in Australien (rund 25 Millionen Einwohner) etwa 35 bis mehr als 50 Millionen Kängurus im engeren Sinn inklusive der kleineren Variante der „Wallabies"; daneben gibt es sehr kleine, känguruartige Tiere, etwa Baum- und Hasenkängurus sowie Quokkas. Außerhalb des Festlandes leben Kängurus sonst nur noch auf nahen Inseln, im Inselbundesstaat Tasmanien im Süden des Kontinents sowie auf Neuguinea im Norden.

Für Victoria schätzte man die „Roo"-Zahl ("Roo" ist die australische Kurzfassung von Känguru/Kangoroo) zuletzt auf mindestens 1,4 Millionen, was als sehr konservativ geschätzt bis untertrieben gilt. Im Vergleich zu den erwähnten um die 45 Millionen im ganzen Land ist das zwar sehr wenig - allerdings ist Victoria einer der flächenmäßig kleinsten Staaten Australiens: Kleiner sind nur noch Tasmanien und das föderale Hauptstadtgebiet Canberra, die Enklave im Staat New South Wales. Letzterer ist als nächstgrößerer Staat mit rund 800.000 km2 Landfläche schon dreieinhalb Mal so groß wie Victoria.

Kängurus im hügeligen Grasland von Maranoa, Süd-QueenslandAWS10/gemeinfrei

Das Landwirtschaftsministerium in Melbourne begründete das Programm damit, dass die Känguru-Zahl auf ein gesundes Niveau gebracht werden müsse: Die Tiere seien zwar einheimisch, aber "die Farmer müssen sicher sein, dass sie nicht von Kängurus überrannt werden, die Getreide fressen, anderen Tieren Wasser und Nahrung streitig machen und Gelände und Gegenstände, etwa Zäune, beschädigen."

Typisches australisches StraßenschildJpp/CC BY-SA 3.0

Zudem geschehen oft Verkehrsunfälle mit den Tieren, vor allem nächtens, also eigentlich zu einer Zeit, da man auf dem Land und speziell im Outback besser nicht Auto fahren sollte. Zusammenstöße mit großen Kängurus können auch den Insassen gefährlich werden. Oft sieht man Autos mit „Roo-Bars" an der Vorderseite, das sind massive Schutzbügel aus Metall, im Deutschen kennt man so etwas etwa als „Hirschfänger" und „Kuhfänger".

Kadaver säumen die Landstraßen

Mit Kängurus müssen Autofahrer in Down Under wirklich ernsthaft und täglich rechnen, natürlich außerhalb der Städte, bisweilen auch in Zonen am Stadtrand.

Der Autor dieser Zeilen erinnert sich an eine sehr lange Autofahrt durch Australien in den 1990er-Jahren, es war dort gerade Frühsommer. Die Zahl der Kängurukadaver auf und entlang der Straßen war stellenweise schauderhaft. Am ärgsten war es auf einem rund 1140 Kilometer langen Abschnitt zwischen der Bergbaustadt Mount Isa im knochentrockenen Westen von Queensland und dem Städtchen Blackwater in einer stärker bewaldeten, subtropischen Region weiter östlich am Rand des Gebirgszugs der Great Dividing Range. Auf jeden dieser 1140 Kilometer kamen schätzungsweise zwei bis fünf Kadaver, stellenweise deutlich mehr, bisweilen hatten Lkw offensichtlich gleich mehrere Tiere auf einmal erwischt. Manche Körper verströmten in der Hitze noch starken Verwesungsgeruch, der durchs offene Fenster drang.  

Die lieben Tierchen können sehr unangenehm werden

Kängurus und Wallabies, die sich an Menschen gewöhnt und die Scheu davor verloren haben, können übrigens unter Umständen auch sehr unangenehm, ja gefährlich werden: Wittern sie beispielsweise bei Menschen Essbares, drängen sie gern herbei und versuchen aggressiv und mit Gewalt an die Nahrung zu kommen. Der Autor wurde einst an einem Meeresstrand im Süden von New South Wales namens Pebbly Beach, der für seine zahme Wallaby-Kolonie bekannt ist, von einigen der anfangs freundlichen, doch teils bis zu brusthohen Tiere massiv bedrängt und an den Armen blutig gekratzt, weil sie Essbares in den Hosentaschen witterten und sich es greifen wollten.

Pebbly Beach
Pebbly Beachaustraliantraveller.com

Im Staat Victoria hatte man bereits seit 2014 ein Abschussprogramm mit dem Zweck der Tierfuttererzeugung getestet. Im Rahmen dieses „Kangoroo Pet Food Trial" wurden nach Angaben der Australian Society for Kangaroos mehr als eine Million Tiere geschossen. Nun wird das als „Kangaroo Harvesting Program" fortgesetzt und erlaubt vorerst bis Jahresende den Abschuss von 14.090 Kängurus der Subtypen Eastern Grey and Western Grey, umgerechnet ab 1. Oktober rund 155 pro Tag.

Nur zugelassene Jäger können teilnehmen

Die Jagd ist nur behördlich zugelassenen Schützen und mit Zustimmung des Grundeigentümers gestattet. Die erlegten Tiere müssen an bestimmten Sammelstellen abgegeben werden, bisher haben in Victoria vorerst drei Unternehmen eine Lizenz, sie zu Tiernahrung für (primär) Hunde und Katzen zu verarbeiten.

Die Abschussquote soll alle zwölf Monate unter Berücksichtigung der aktuellen Lage und Populationsentwicklung neu festgelegt werden. Damit können die Grundbesitzer die Kängurupopulationen auf ihren Ländereien selbst regeln und zudem einen wirtschaftlichen Nutzen für den gesamten Bundesstaat generieren. Die Regierung Victorias ist übrigens auch dabei, von der Bundesregierung in Canberra die Erlaubnis zum Export von Känguruhäuten und -Fellen außerhalb Australiens einzuholen.

Kängurus werden praktisch überall in Australien seit jeher auch für den menschlichen Verzehr gejagt, von den eingeborenen Aborigines ebenso wie von den weißen Siedlern. Das geschieht auch gern bei Nacht, wenn die Tiere aktiver sind, dann fahren Jäger mit Geländewagen los, bisweilen werden Nachtsichtgeräte benützt.

Ein Kärntner im Känguru-Business

Ich bekam Anfang der 1990er im rötlichen Outback Südaustraliens nahe des Wüstennests Marree (heute vielleicht 150 Einwohner) eine solche Jagd am Rande mit. In der Abenddämmerung fuhren ein Dutzend Autos mit Jägern los und verschwanden in der Wüste. Schüsse hörte man nicht, doch früh am nächsten Morgen führte mich der Unterkunftgeber zu einem großen Kühlcontainer, wo der Ertrag der Nacht an Haken von der Decke hing: Wohl etwa 50 Kängurukörper, Köpfe und Vorderläufe abgetrennt, es roch gar übel nach Fett, Blut und kaltem Fleisch.

Der Mann, der dieses Zwischendepot für die Jäger betrieb, war Ende der 60er- oder Anfang der 70er als Bauarbeiter aus Klagenfurt-Viktring nach Australien ausgewandert und letztlich im heißen Outback gestrandet. Er trank tüchtig, seinen Namen hab ich mittlerweile leider vergessen.

In einigen Teilstaaten war früher auch die Produktion von Tierfutter aus Kängurus erlaubt, namentlich in Queensland, New South Wales und Victoria bis Anfang der 1990er-Jahre. Das Fleisch, das in Struktur und Geschmack durchaus an Rindfleisch mit Wild-Einschlag erinnert, gibt es in vielen Supermärkten. Es ist sehr proteinreich, fettarm und gilt als besonders gesund, wird aber in Australien doch deutlich weniger gegessen als etwa Rind, Lamm und Huhn.

Die erhöhte Ess-Hemmschwelle

Das liegt daran, dass ab Anfang des 20. Jahrhunderts die wachsenden Mengen konventioneller Nutztiere den Bedarf nach einheimischem Wild dämpften, wohl aber auch am Erscheinungsbild der Kängurus, die Menschen gemeinhin als „lieb", „niedlich" und so fort ansehen, weswegen die Hemmschwelle, sie zu essen, erhöht ist.

Man kann das Fleisch jedenfalls einfach grillen (aber es soll nicht durchgebraten werden, sonst wird's zäh), kleingeschnitten für Wokgerichte schnell anbraten oder es faschiert verwenden. Ein klassisches Gericht, das man indes heute kaum noch findet, ist bzw. war ein Eintopf aus gewürfeltem Kängurufleisch, Schinken bzw. Speck und Gemüse, den man einige Stunden köcheln lässt.

Kängurufleisch (Vordergrund) auf einem Markt in MelbourneEric in SF/CC BY-SA 3.0

Seit spätestens 1959 wird Kängurufleisch auch exportiert, speziell nach Europa und heute verstärkt nach China. In australischen Pubs in London, München oder Wien kriegt man nicht nur Aussie-Bier, Bundaberg-Rum und Burger mit einer Scheibe Rote Rübe drin, sondern auch Steaks vom Roo (und/oder Emu und Krokodil). Mancherorts tat sich deswegen Widerstand von Tierschützern auf. Etwa in Großbritannien, wo mehrere Supermarktketten 2018 und in den Jahren zuvor tiefgefrorene Kängurusteaks aus dem Programm nahmen, wegen „negativen Feedbacks" der Kunden.

„Kangatarianismus" als Ernährungsform

Vor einigen Jahren erschien in Australien eine neue Diätform namens „Kangatarianism". Dabei wird auf jede Art von Fleisch verzichtet - mit Ausnahme von Kängurus. Begründet wird das etwa dadurch, dass damit keinerlei organisierte Tierhaltung verbunden ist, die Land, Tierfutter und andere Resourcen benötigt; dass Kängurus weniger Treibhausgase (Kohlendioxid, Methan) produzieren als Rinder, Schweine und Schafe; dass die Tiere in einer natürlichen Umgebung mit natürlicher Ernährung aufwachsen und in der Regel schnell und ohne viel Stress erlegt werden; und dass die Dezimierung der Populationen ohnehin aus anfangs erwähnten Gründen nötig ist.

(WG/APA)