"Channel 8": Die Liebe in Frequenzen

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Channel Liebe Frequenzen(c) Residenz Verlag
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In ihrem neuen Roman "Channel 8" erzählt Andrea Maria Dusl eine irritierend-komische Liebesgeschichte aus luziden Träumen zwischen Paris und St. Petersburg.

Valentin hat ein Problem. Seine Welt ist nicht mehr im Lot. Er fühlt sich ständig von einem roten Auge beobachtet. Beißt beim Essen in einen Schlüssel aus Messing. Erkennt auf Videomaterial des Senders, für den er arbeitet, einen Zeitungskiosk in St.Petersburg wieder. Dabei war er noch nie in der russischen Stadt.

Anastasija lebt in St.Petersburg zwischen gestapelten Videorekordern, Playstations und iPads. Die Dinge hat sie gestohlen. Sie ist die beste Diebin Russlands, sagen die jugendlichen Obdachlosen, die ihr nacheifern. Und sie spürt, dass da draußen ständig jemand an sie denkt.

Valentin und Anastasija oder Nastja, wie sie ihre Mamutschka liebevoll nennt, sind auf seltsame Weise miteinander verbunden und das obwohl sie einander noch nie begegnet sind. Sie träumen einander, senden einander Informationen, wie Radios auf einer fremden Frequenz. Andrea Maria Dusl lässt ihre Protagonisten durch luzide Träume, also Wachträume, miteinander in Verbindung treten. So hält Valentin, der Pariser Korrespondent des Fernsehsenders Channel 8, eines Nachts die dicke, schwere Rolex in Händen, die Anastasija im tausende Kilometer entfernten St.Petersburg gerade einem reichen Russen vom Handgelenk gestohlen hat.


Die alte Concierge Paris. Das allein wäre nicht viel mehr als eine irritierende amouröse Geschichte, würde sie nicht aus Dusls Feder kommen. Denn die Wiener Autorin, „Falter“-Zeichnerin und Regisseurin, die ein Faible für St.Petersburg hat, ist eine Königin der Wortneuschöpfungen, eine virtuose Erfinderin opulenter Sprachbilder.

Auszug gefällig? „Paris war eine nervöse alte Concierge, die in der Nacht döste wie ein betäubter Karpfen und dabei immer ein Auge offen hielt. Eine Hand an der Nachtkästchenlampe. Eine Schachtel mit Lakritz in Griffweite.“ Sie schreibt von „vorgestülpten Lippen, die wie unbesuchte Balkone in die Nacht“ hängen. Sie findet gleich vier Synonyme für das Wort Nervenklinik: „Medikamentenhotel“, „Beruhigungsanstalt“, „Tempel der Therapie“, „lunatisches Asyl“. Wer Dusl liest, liest sie in erster Linie wegen ihres Stils. Ein Stil, der auch ihr jüngstes Werk insgesamt amüsant und kurzweilig macht. Auch wenn die Seltsamkeiten ab Seite100 frappant zunehmen, zum Teil unrealistisch, eben traumhaft werden. Das ist Lesestoff für besonders Fantasie-begabte.

Zudem kann Dusl nicht von den „Bobos“ ablassen, jenen gut verdienenden, hedonistischen Städtern, denen sie schon ihren letzten Roman „Boboville“ gewidmet hat.


Verspieltes und Verstecktes. Auch der Alt-68er Valentin ist das, was der amerikanische Journalist David Brooks zu Beginn der Nullerjahre als „Bourgeois Bohemian“ genannt hatte. Während aber das Leben seiner Freunde und seiner stets ängstlichen Lebensgefährtin Monique mit Rieslingverkostungen und Spiel-Kochabenden im Marais (dem, wenn man so will, Pariser Karmeliterviertel) weiter rauscht, wird Valentin zunehmend unruhiger wegen der skurrilen Dinge, die ihm passieren.

Dusl mag das Verspielte. An der Stelle, bei der Valentin in einem Band der „Elementale Geometricum“ des griechischen Mathematikers Euklid liest und darin zwei völlig idente Seiten entdeckt, verdoppelt sie die Seiten ihres Buches ebenso. Für Kenner platziert sie einen Hinweis auf den österreichischen Fotografen und Weinexperten Manfred Klimek, der als „Captain Cork“ eine Homepage für Weinliebhaber betreibt.

Schließlich fährt Valentin unter einem Vorwand mit seinen Kameraleuten Nina und Lars nach St.Petersburg, um die Unbekannte, die ihn in seinen Wachträumen verfolgt, zu suchen. Die Spurensuche nimmt dort ein spannendes, aber ebenso skurriles Ende auf staubigen Matratzen.

Natürlich könnte man die Geschichte auch so sehen, wie Dusl sie selbst im Buch umreißt: „Weil ein verwöhnter Bobo aus dem Marais seine Midlifecrisis mit opaken Traumbildern dekorierte. Mit überbezahlten Medienstrichern in den Norden getingelt war, um seinem Trugbild einer unbekannten Artemis nachzustellen.“ So kann man das natürlich sehen. Lesenswert ist das allemal.

Andrea Maria Dusl, Channel 8, Residenz Verlag, 215 Seiten, 21,90 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2010)

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