Zwei Experten für Jäger und Sammler erklären, warum Panini-Alben ein Kollateralschaden der Geschichte sind.
Panini-Sammler – ja oder nein?
Helmut Lukas: Nein.
Khaled Hakami: Nein, aber früher in der Schule habe ich alle möglichen Pickerln gesammelt, auch Knight Rider.
Sammeln Sie aktuell irgendetwas?
Lukas: Taschenlampen, weil ich sie brauche. Und Bücher. Aber das ist kein echtes Sammeln.
Was ist echtes Sammeln? Im Zusammenhang mit den WM-Stickeralben wird ja ständig der „Jäger und Sammler“ in uns beschworen. Ist das ethnologisch korrekt?
Lukas: Ich glaube nicht. Man muss sich vor Augen halten, dass Jäger und Sammler nicht horten. Die typischen Knollenfrüchte etwa werden bald verbraucht, weil sie rasch verderben. Außerdem ist es für diese Gesellschaften wichtig, mobil zu sein: zu viel Besitz belastet. Und das individuelle Anhäufen ist auch insofern sinnlos, als es bei der Verteilung der Früchte oder der Jagdbeute immer einen sozialen Ausgleich gibt. Das ist etwas ganz anderes, als wenn man Pickerln unter dem egoistischen Gesichtspunkt „Welchen Fußballer brauche ich noch?“ tauscht.
Hakami: In der Ethnologie im engeren Sinn dient Sammeln dem Überleben oder – wenn es um Prestigeobjekte geht – der Aufrechterhaltung eines Gesellschaftssystems. Modernes Sammeln ist in dieser Hinsicht sinnentleert: Es ist eine Freizeitbeschäftigung.
Das heißt, so etwas wie ein ursprünglicher Sammeltrieb existiert nicht.
Hakami: Nein, es gibt keinen universalen Trieb. Das Problem bei diesem angeblichen Sammeltrieb ist ähnlich wie beim Aggressionstrieb: Biologen und Psychologen übertragen Phänomene der westlichen Gesellschaft auf die Vergangenheit und damit auf ganz andere Gesellschaftsformen. Man argumentiert: Die Aggression, die wir beim Autofahren entwickeln, steckt in uns, weil wir früher Jäger waren. Solche formalistischen Theorien vernachlässigen aber die soziologische Komponente, denn nur, weil zwei Individuen damals und heute dasselbe machen, also z. B. sammeln, muss das nichts miteinander zu tun haben. Trotzdem wäre interessant zu überprüfen, ob Panini-Pickerln nach ähnlichen Optimalitätskriterien gesammelt werden wie die Früchte. So wie man sich beim Sammeln auf höherwertige Nahrung konzentrieren kann, muss man auch beim Pickerltauschen eine Strategie entwickeln: Welchen Fußballer tauscht man sofort, welchen – weil er begehrter ist – behält man als Reserve?
Wenn der Urtrieb Unsinn ist, gibt es dann eine andere ethnologische Erklärung für moderne Sammelleidenschaft?
Lukas: Sicher ist, dass das Sammeln im großen Stil mit den Kuriositätenkabinetten im 18. Jahrhundert begonnen hat, denen später die naturwissenschaftlichen Sammlungen folgten.
Hakami: Modernes individuelles Sammeln ist quasi ein historischer Kollateralschaden.
Und eigentlich sehr europäisch.
Lukas:Ureuropäisch. Museen sind ja eine europäische Erfindung.
Wobei Sammeln auch bei uns nicht gleich Sammeln ist.
Lukas: Natürlich nicht. Man kann den Naturwissenschaftler, dem es ums Kategorisieren geht, den ökonomisch denkenden Kunstsammler und den Pickerlsammler nicht in einen Topf werfen.
Die Pickerln haben viele junge Fans. Hat für Kinder Sammeln eine spezielle Funktion?
Hakami: Schon, und zwar als Erziehungsmaßnahme. Es ist ein Mittel, um Kindern Kapitalismus beizubringen. Für mich waren Spielerkarten das Erste und Einzige, das ich als Kind selbst kaufen durfte. Man hat zum ersten Mal Geld in der Hand, führt ein Verkaufsgespräch, lernt, was Dinge wert sind.
Ich finde das Sammeln von schlecht fotografierten Fußballerpickerln in einer computerisierten Welt ja anachronistisch.
Hakami: Ich finde es eher logisch. Neue, bessere Technologien verdrängen alte ja nur in Bereichen, die fürs Überleben wichtig sind. In unwichtigen hält sich das Alte.
Laut einer deutschen Umfrage sind die beliebtesten Sammelobjekte trotzdem virtuell: nämlich Bonuspunkte. Wobei Umberto Eco wohl nicht ausgerechnet daran dachte, als er meinte, dass man sammelt bzw. Listen führt, weil man nicht sterben will. Ist da was dran?
Hakami: Das ist vermutlich eine „theory developed while speaking“. Das hat er sich wohl beim Reden ausgedacht.
Da unterstellen Sie ihm aber etwas.
Hakami: Eco ist ein großer Mann, aber ich schau mir an, wie er das wissenschaftlich beweist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2010)