Karel Gott bei einem Konzert zu seinem 70. Geburtstag in Prag
Nachruf

Karel Gott ist tot: Aus Prag einmal um die ganze Welt

Er war der erste Sänger aus dem Ostblock, der sich in der deutschen Schlagerwelt etablieren konnte. Politisch umstritten, aber künstlerisch vielseitig, ist er jetzt mit 80 Jahren in Prag gestorben.

Schon die erste Exportplatte, die 1966 in den Westen kam, zierte die Worte „The Golden Voice of Prague“. Die Zuschreibung ist Karel Gott, diesem ersten osteuropäischen Sänger in der deutschen Schlagerfamilie, für den Rest des Lebens geblieben. Auch weil sich sein Gesangsorgan bis zuletzt erstaunlich alterslos anhörte.

Dabei hatte er es mit seiner Stimmlage zunächst gar nicht so einfach. Als er 1959 begann, in Jazzcafes wie dem „Vitava“ zu singen, waren Baritone viel gefragter. Der später für die ORF Big Band tätige Arrangeur Karel Krautgartner entdeckte ihn in dieser verrauchten Kaschemme und empfahl ihm das Prager Konservatorium zur Nachschulung. Gott tat, wie ihm geheißen. Vier Jahre später verstand er es, die samtig-einschmeichelnden Qualitäten seines lyrischen Tenors richtig einzusetzen. 1963 wurde er zum beliebtesten Sänger der CSSR gekürt. Ab da schaute er nie mehr zurück.

Für seinen internationalen Erfolg war wichtig, dass er sich mit dem kommunistischen Regime arrangierte. Als sich in der Nacht von 21. auf 22. August 1968 die russischen Transportflugzeuge auf dem Prager Flughafen stauten, setzte sich Gott freilich ins Auto nach Wien. Die Ausreise war nicht politischer, sondern schlicht geschäftlicher Natur. Er wollte zum Vertriebstreffen seines Westlabels Polydor nach Berlin. Dort wurde er mit „Es lebe die Freiheit“ begrüßt. Er nahm es still hin, danach wurde geschäftlich geredet. Die bis dahin nur mäßig erfolgreiche Single „Weißt du wohin“ wurde noch einmal lanciert und im zweiten Anlauf zum Riesenhit. Zur Titelmelodie aus dem Film „Dr. Schiwago“ tänzelte sich Gotts weiche Stimme in eine Fantasie existenzieller Schwerelosigkeit. „Weißt du, wohin, die Träume all' entflieh'n, die unerfüllt an dir vorüberzieh'n?“ fragte er. Die nachgeschobene Langspielplatte, die selbstverständlich „Karel Gott – die goldene Stimme aus Prag“ hieß, verkaufte sich eine Million Mal.

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Karel Got 1968. In diesem Jahr trat er für Österreich beim Eurovision Song Contest an und erreichte Platz 13.(c) imago images/CTK Photo (imago stock&people via www.imago)

Damit war der Mann eingemeindet in der Schicksalsgemeinschaft Deutscher Schlager, die frohgemut den Eskapismus vor der grauen Realität zelebrierte. Am 18. Jänner 1969 wurde Gott in die erste ZDF-Hitparade von Dieter-Thomas Heck eingeladen. Jetzt war er auf Augenhöhe mit Roy Black und Rex Gildo, etablierten Kämpfern für eine heile Welt.

Während er zu Zeiten des frisch aufgezogenen Eisernen Vorhangs in der CSSR ambivalent beurteilt wurde, galt er im Westen beinah als Widerstandssänger. Seine 1969 aufgenommene Version des Rolling-Stones-Klassikers „Paint It Black“ mit der Eröffnungszeile „Die rote Tür, ich streich sie heute schwarz, denn alles, was so rosarot war, ist jetzt schwarz“ wurde als Akt der Subversion gegen das kommunistische Regime gedeutet. Das für das tschechische Label Supraphon aufgenommene Lied bestach durch ein dynamisches Streicherarrangement. Es wurde zum Undergroundhit in deutschsprachigen Prager Hippiekreisen.

Dass diese Interpretation von allzu frommen Wünschen geleitet war, zeigte sich, als Karel Gott 1977 die „Anticharta“ unterzeichnete, die Reaktion des kommunistischen Regimes auf die von den tschechischen Dissidenten formulierte „Charta 77“. Ungestört von politischen Bedenken erweiterte er sein Repertoire. Er sang Chopin und Charlie Chaplin, aber auch Jazz und Chanson. Stars wie Frank Sinatra, Duke Ellington und Louis Armstrong traf er auf Augenhöhe. Anfang der Siebzigerjahre coverte er viele durchaus anspruchsvolle Popsongs. Etwa „A Salty Dog“ von Procol Harum, „Proud Mary“ von CCR und „Carry That Weight” von den Beatles.

Seine größten Erfolge aber schrieb ihm sein Landsmann Karel Svoboda. Etwa 1972 „Einmal um die ganze Welt“, einen Schlager, der Fernweh in die Gemüter seiner Fans pflanzte. Und natürlich den Titelsong zur TV-Serie „Die Biene Maja“: Mit diesem Hohelied auf eine sympathische Biene eroberte Karel Gott neues Publikum. Nicht nur Kinder, auch Fußballfans. 1996 textete Borussia Dortmund das Lied auf eine Vereinshymne um. Als man ihm 2013 Helene Fischers neue Version vorspielte, sah man Karel Gott die Skepsis an: Mit den Technobeats konnte er nichts anfangen. Zu einer Kombination von Schlager und Rap ließ er sich allerdings hinreißen, als er „Forever Young“, ein Lied des späteren Alphaville-Gründers Marian Gold, gemeinsam mit Bushido aufnahm.

Mehr als 50 Millionen Tonträger hat der 1939 in Pilsen geborene gelernte Elektriker verkauft. Jetzt ist er nach langer Krankheit in Prag gestorben. Weiß man eigentlich, wohin goldene Stimmen ziehen?


[PUCDG]