Sight. Besucher aus aller Welt wollen das Renais­sance-Ensemble von Telč sehen.
Ayurveda in Tschechien

Indien liegt in Mähren

Das Resort Svatá Kateřina ist von tiefen Wäldern umgeben. Dort kann man es sich in aller Ruhe bei Ayurveda wohlergehen lassen.

Chili? Rahuls Miene verrät Entsetzen. Auf dem Tisch vor dem Küchenchef stehen eine Menge Gewürze, Kräuter, Öle und Salze sowie Gemüse, Pilze, Reis und Früchte. Aber kein Chili. „Das erzeugt Hitze im Inneren des Körpers, und die ist nicht gut." Er würde stattdessen für Menschen, die es gern scharf haben, schwarzen Pfeffer verwenden. Der kühle nämlich den Leib von innen her. Eine Fülle derartiger Erklärungen für uns Laien hat Rahul bereit. Nebenbei zaubert er exotische Gerichte, fügt immer wieder Zutaten wie Kokosöl oder Ghee bei, gießt heißes Wasser auf, zeigt sich großzügig mit Kreuzkümmel, Kardamon und Koriander. Simultankochen auf hohem Niveau – nach 40 Minuten sind Kürbissuppe, Thoran, Pilz-Masala, Gemüse Pulao und Bananen zum Verkosten fertig. Und der Basmati-Reis. Von dem hat der Koch Wasser abgeschöpft und beiseite gestellt. Warum? Dazu später.

Rahul, der uns an diesem Kurzlehrgang teilhaben lässt, stammt aus Kerala, dem indischen Bundesstaat im Südwesten des Subkontinents, an der tropischen Malabar-Küste. Doch wir sind nicht dorthin geflogen, um die Geheimnisse der Ayurveda-Küche zu entdecken, sondern befinden uns inmitten von Mitteleuropa, bei einer alten Heilquelle. Unser Indien liegt in der Böhmisch-Mährischen Höhe, in der Region Vysočina, nicht einmal drei Autostunden von Wien entfernt. Das idyllische Resort Svatá Kateřina ist von tiefen Wäldern umgeben. Der Ort hat sich bis vor Kurzem im Dornröschenschlaf befunden. Einst diente der Luftkurort als Erholungsstätte für Kinder. 2005 wurde das Anwesen privatisiert und ist nun auf die indische Lebensphilosophie von Ayurveda ausgerichtet.

Ort, um Bücher zu finalisieren. Hinter dem Haupthaus gibt es einen Schwimmteich und einen weiteren, der von japanischen Brokatkarpfen wimmelt. Einst ordinierte an diesem Ort der Landarzt Antonin Čapek, Vater des Autors Karel Čapek. Der hat wunderbare Romane geschrieben wie „Der Krieg der Molche", und mit seinem Drama „R.U. R." (Rossumovi Univezsální Roboti) kam 1920 der künstliche Mensch auf die Welt. Doch in Mährens Waldeinsamkeit herrscht das Natürliche. Heute ist Svatá Kateřina beliebt bei Schriftstellern, die in aller Ruhe ihre Bücher fertigstellen wollen. In den auf drei Häusern verteilten Zimmern gibt es keine Fernseher, aus Prinzip. Das Areal bleibt zudem bis auf Zulieferer autofrei. Vor einem halben Jahr hat man einen Pavillon mit Indoor-Pool, Saunabereich und Behandlungsräumen fertiggestellt. Er ist aus hellem Holz gebaut, ruht spektakulär, wie schwerelos, auf Dutzenden massiven Stelen aus Granit. Die lassen es wie eine Kultstätte aussehen.

Erinnerung. Das jüdische Viertel in der Stadt Třebíč mit Synagoge und Museum.
Erinnerung. Das jüdische Viertel in der Stadt Třebíč mit Synagoge und Museum.(c) Libor Svacek/Czech Tourism

Moderne Megalithen. Verlässt man den Pavillon am Rande der Anlage, sagen wir nach einer ausgiebigen Massage, einem kühlen Bad und einem meditativen Gang durch einen kunstvollen asiatischen Garten, kann man auf der Hügelkuppe steinalten Kulten huldigen. Über einer Pferdekoppel, auf einem Plateau, wurde ein Steinkreis angelegt, eine mitteleuropäische Version von Stonehenge, mit ansehnlichen Stelen und Blöcken. In der Mitte liegt ein massiver Block wie ein Altar für Druiden. Dort sind am Abend vor allem junge Leute zum Feiern versammelt und zum Singen. Oder sie sehen sich wie wir den Sternenhimmel an, der hier richtig hell scheint. Lichtverschmutzung gibt es kaum. Der Hügel liegt exakt an der Europäischen Hauptwasserscheide – via Elbe zur Nordsee oder via Donau zum Schwarzen Meer ist hier eine Frage von wenigen Metern. Die Jihlava entspringt ganz in der Nähe, sie fließt in die Thaya.

Diesem Fluss Iglau begegnen wir in der nahe gelegenen Stadt Třebíč wieder. Die St.-Prokopius-Basilika ist mehr als 600 Jahre alt. Das Kloster der Benediktiner wurde bereits im Jahre 1101 dokumentiert. Auch einen jüdischen Friedhof und ein großes jüdisches Viertel sollte man besuchen. Seit 2003 ist dieses aufwendig restaurierte einstige Ghetto Unesco-Kulturerbe. In der hinteren von zwei Synagogen finden Veranstaltungen statt, das Haus daneben wurde zum Museum. Die Führung stellt sofort den Österreich-Bezug her: Vorfahren von Bundeskanzler Kreisky haben hier gelebt, die Familie Felix.

Die Vereinten Nationen scheinen diese Region zu favorisieren. In einem Dreieck von zirka 40 Kilometern Seitenlänge befinden sich gleich drei Orte, die von der Unesco ausgezeichnet wurden. Neben der Wallfahrtskirche des Hl. Johannes von Nepomuk in Zdar nad Sázavou gehört auch der Hauptplatz von Telč zu ihrem Kulturerbe. Aus aller Welt strömen die Menschen ins „mährische Venedig", um das berühmte Renaissance-Ensemble mit seinen 71 Bürgerhäusern zu sehen, das Schloss und den Park. Zacharias von Hradec hat im 16. Jahrhundert am meisten zur Italianisierung dieser Stadt beigetragen.

Waldidylle ringsum. Bei einem Aufenthalt in Svatá Kateřina sollte man auch nicht versäumen, die Burg Roštejn zu besuchen. Diese ursprüngliche gotische Verteidigungsanlage wurde in der Renaissance in ein Jagdschloss umgebaut. Dementsprechend sind auch die Ausstellungsräume gestaltet – eine Art Disneyland mit alten Wurzeln. Man muss das Resort aber nicht verlassen, um Abwechslung zu finden. 1200 Quadratmeter umfasst der Wellnessbereich. Zudem gibt es Tennisplätze, eine Driving Range und ausgiebig Gelegenheit zu Waldspaziergängen, zum Pilzesuchen und Beerenpflücken, zu Ausflügen durch das ondulierte Land mit dem Rad, hoch zu Ross oder in der Kutsche. Im Winter, der hier recht schneereich sein kann, werden Schlittenfahrten arrangiert. Auch Hundegespanne kann man nutzen oder mit Schneeschuhen durch die Gegend stapfen.

Der Hauptgrund für einen Aufenthalt in dieser Idylle ist jedoch Ayurveda. Die Pauschalangebote reichen vom Schnupperkurs mit vier bis zum Aufenthalt für 22 Tage. Die zwei Ärzte sowie die zehn Experten für Massage und Yoga kommen so wie Rahul aus Kerala. „Bei uns erlebt man Ayurveda wie in Indien, aber ohne den Jetlag", sagt Jan Čepek vom Management. Die kleine Kolonie aus Indien garantiere authentische Behandlung. Dr. Nimi Rageshkumar erklärt uns die Grundprinzipien der 5000 Jahre alten Praxis dieser Heilmethoden, für die fünf Elemente und drei Doshas wesentlich sind. Bald wissen wir, wer eher zum feingliedrig-sensiblen Typ Vatta, zum kräftig-ruhigen Typ Kapha oder zum dynamischen Typ Pitta zählt. Eines scheint laut der jungen Ärztin in Europa jedenfalls dominant zu sein: „Hier werden viele Menschen von Stress geplagt." Ein Aufenthalt mit Panchakarma sollte das lösen. Man kann aber auch nach Ayurveda-Methoden abnehmen, ein anspruchsvolles Belebungsprogramm absolvieren oder es sich einfach wohlergehen lassen.

Das gelingt uns bei den Übungsstunden mit Yoga-Lehrerin Resmi. Mit beruhigendem Gesang bringt sie ihren Schülern bei, selbst im Morgengrauen und bei ungewöhnlichen Verrenkungen in Einklang mit der Natur, ja mit dem Universum zu kommen. Am Tag darauf lehrt sie uns noch die Kunst der Selbstmassage. Auch hier scheint die Grundregel zu sein: Sei ganz bei dir selbst! Ob wir noch Fragen hätten? Wie sie es schaffe, solch glänzendes, hüftlanges Haar zu haben. Ach, meint sie, in Kerala sei es noch viel länger und dichter gewesen. Ihr Rat: Keine Shampoos, keine künstlichen Wässerchen. Täglich eine Selbstmassage am Scheitel, das aktiviere die Fette der Kopfhaut. Und noch ein Geheimtipp (womit wir wieder beim Reiswasser sind, das Rahul am Vortag abgeschöpft hat): Es sei das beste Mittel für gesundes Haar. Garantiert. Da schwören wir jetzt darauf.

Compliance: Die Reise erfolgte auf Einladung von CzechTourism.

Infos

Hin: Das Svatá Kateřina Resort ist drei Kilometer vom Ort Počátky entfernt. Auf Wunsch gibt es für Zugreisende auch ein Shuttleservice, sogar bis zu Bahnhöfen in Prag oder Brünn.

Dort: Svatá Kateřina bietet authentisches Ayurveda an. www.katerinaresort.cz

Rundherum: Zu empfehlen sind Ausflüge etwa in die Stadt Telc mit ihren Häuserzeilen aus der Renaissance am Hauptplatz. Oder nach Trebic mit einer mehr als 600 Jahre alten Basilika und einem erhalten gebliebenen jüdischen Viertel, das nach aufwendiger Restaurierung seit 2003 zum Unesco-Kulturerbe gehört, sowie das ehemalige Jagdschloss Rostejn.

Infos: Tschechische Zentrale für Tourismus, www.czechtourism.com