Oasis-Bruder

Liam Gallagher: Wie die Sex Pistols? Wie die Beatles!

Liam Gallagher Why Me? Why Not.
Liam Gallagher Why Me? Why Not.(c) Warner

Er heißt mit zweitem und drittem Vornamen John und Paul – und klingt auch so: Liam Gallagher ist ein feines Album geglückt. Auf dem er auch seine sanfte Seite zeigt.

Die Carnaby Street, Londons berühmte Modemeile, ist ein Stück trauriger geworden, seit Liam Gallaghers „Pretty Green“-Boutique geschlossen hat. Das nach einer Textzeile der New-Wave-Mods The Jam benannte Label gibt es noch, aber es wurde aufgekauft. Gallagher hat damit 100 Angestellte weniger auf seiner Lohnliste. Was ihm bleibt, sind die Kosten für die US-Gastarbeiter, vornehmlich Greg Kurstin und Andrew Wyatt, die seine Musikkarriere mit maßgeschneiderten Liedern stabilisieren. Sie folgen auffällig den Schnittmustern, die einst Liams Bruder Noel für die gemeinsame Band Oasis entwickelt hat. Doch anders als bei „As You Were“, dem Debütalbum in dieser Konstellation, ist Liam Gallagher jetzt auf sämtlichen Stücken als Co-Komponist eingetragen . . .

Das zahlt sich aus. Ist doch das neue Werk „Why Me? Why Not.“ genauso wie das Debüt auf Platz eins der britischen Albumcharts gelandet und wird wohl gleichfalls mit einer Platinplatte geadelt werden. „As You Were“ hat jedenfalls Gallaghers wackeliger Post-Oasis-Karriere einen zweiten Start verpasst. Er ist jetzt wieder Headliner in Stadien und bei Festivals. Verdientermaßen. Als Mensch mag er schwierig sein, aber er ist ein verdammt charismatischer Sänger. In rabiaten Passagen genauso wie in sensiblen. Ein „Out-and-out Punk Rock Album“ sei ihm vorgeschwebt, sagte er, „halb Sex Pistols, halb Stooges“. Das ist es dann – glücklicherweise, möchte man sagen – nicht geworden.

Es beginnt zwar mit dem brachialen Glam-Rock-Stück „Shockwave“, verästelt sich dann aber zügig ins Subtile. Gallagher blüht besonders in nostalgischen Rückblicken auf. Im von einer Schrumm-Schrumm-Orgel getriebenen „One Of Us“ bedauert er die Entfremdung von einem alten Freund. Die Inbrunst, die er in Sätze wie „Open the door, you were always one of us“ legt, erinnern nicht zufällig an die Beatles: Der 1972 geborene Liam heißt mit zweitem und drittem Vornamen John und Paul. Daraus resultiert offenbar ein gewisser Zwang, bald nach Lennon, bald nach McCartney zu klingen. Überhaupt diese Stimme! Sie lässt einen alle charakterlichen Schwächen dieses britischen Unikums vergessen. Unsichtbare Geister beschimpfte er heuer beim Pohoda-Festival, ehe er im Hier und Jetzt ankam und sich ins Zeug legte, um dem Publikum mittels rau-souligem Gesang seine bessere Seite näher zu bringen. Da sang er schon Lieder des jetzt veröffentlichten Albums. „The River“ beispielsweise, einen Mid-Tempo-Killer, der im Fahrwasser bewährt rumpeliger Oasis-Ästhetik schippert. Feiner ist „Once“, eine Ballade, die klingt, als wäre sie von John Lennon. Im Duktus, in der Intonation und natürlich in der Erzählung.

Retro-Sozialromantik

Allein die Eröffnungszeile „It was easier to have fun back when we had nothing“ lässt tief blicken: So eine Working-Class-Kindheit, die lässt sich um kein Geld der Welt abschütteln. Im Gegenteil, die retrospektive Sozialromantik steigert sich mit der zeitlichen und sozialen Distanz. Gallagher singt über geborgte Träume und reale Sehnsüchte. Im Modus des Schwärmens geht es weiter: „But oh, I remember how you used to shine back then, you went down so easy like a glass of wine, my friend.“ Nicht nur die Musik klingt nach späten Sixties, der schöne analoge Sound tut es auch. Die großorchestrale Schlussnummer „Gone“ repräsentiert jene Art von weltabgewandtem Cosmic-Pop, die ihm immer vorschwebt, die er aber zu selten realisieren kann. Hier kann er.