Anbieter von Lebensversicherungen sollen künftig Veranlagungen in Aktien und Immobilien mit deutlich mehr, teilweise doppelt so viel Eigenkapital absichern. Die Branche wehrt sich.
Wien. Millionen Österreicher haben eine Lebensversicherung. Sie müssen sich in den nächsten Jahren auf einen deutlichen Ertragsrückgang einstellen. Schuld daran sind die neuen Eigenkapitalvorschriften – im Fachjargon „Solvency II“ – genannt. Laut eines am Sonntag veröffentlichten Berichts der „Wirtschaftswoche“ hat die EU-Kommission nun die genauen Details des Regelwerks ausgearbeitet. Als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise sollen Anbieter von Lebensversicherungen künftig Veranlagungen in Aktien und Immobilien mit deutlich mehr, teilweise doppelt so viel Eigenkapital absichern. Für die europäische Versicherungswirtschaft würde dies einen geschätzten zusätzlichen Kapitalbedarf von 300 bis 400 Mrd. Euro bedeuten. Österreichs Unternehmen wären mit zehn bis elf Mrd Euro betroffen.
Umsetzung bis 2012
Laut „Wirtschaftswoche“ sieht die EU bei Aktien eine Kapitalunterlegung zwischen 39 Prozent und 49 Prozent vor. Bei Immobilieninvestments sind es 25 Prozent. Staatsanleihen aus dem Euroraum müssen – unabhängig vom Rating (das gilt auch für die riskanteren Papiere aus Griechenland oder Spanien) – dagegen weiterhin mit null Prozent Eigenkapital abgesichert werden.
„Die Vorschriften können dazu führen, dass Versicherer verstärkt in scheinbar risikolose Kapitalanlagen investieren, die eine geringere Rendite erwarten lassen“, befürchtet Reiner Will, Chef der Ratingagentur Assekurata. Er erwartet eine Diskussion darüber, ob Staatsanleihen tatsächlich als risikolos einzustufen seien. Im Herbst sollen die nationalen Aufsichtsbehörden die Auswirkungen auf die einzelnen Gesellschaften prüfen. Bis Jahresende sind noch Änderungen möglich. 2012 sollen die Vorschriften umgesetzt werden. Inhaber von Lebenspolizzen müssen sich auf niedrigere Ausschüttungsquoten gefasst machen, weil ein Teil des erzielten Veranlagungsgewinns zur Bildung des Eigenkapitals herangezogen werden soll.
Klien: „Das ist unsinnig.“
Zuletzt erwirtschafteten die heimischen Lebensversicherer eine durchschnittliche Rendite zwischen 3,25 Prozent und 3,75 Prozent. Offiziell hält sich die Branche noch mit Prognosen zurück. Doch sollten die EU-Pläne nicht geändert werden, wird hinter vorgehaltener Hand ein Rückgang der Rendite auf 2,5 Prozent für möglich gehalten. Die Assekuranzen laufen gegen die Vorschriften Sturm. „Auf Basis der Vorschläge würden die Versicherungen in manchen Bereichen, etwa bei Immobilien, als Investor ausfallen“, ärgert sich Uniqa-Chef Konstantin Klien im „Presse“-Interview. Das sei aber unsinnig, denn gerade das Geschäftsmodell der Lebensversicherer bestehe aus einer breit diversifizierten Kapitalanlage.
Laut Klien versuchen die Behörden, die Versicherungen für einen Teil der Finanzkrise verantwortlich zu machen. „Doch wir haben die Krise ohne größere Probleme überstanden.“ Zwar sei man von Wertpapierabschreibungen betroffen gewesen. „Aber das war alles aus der bestehenden Substanz verkraftbar.“ Und anders als die Banken hätten die Assekuranzen nicht um Staatshilfe angesucht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2010)