Extremwandern

Tour de Force für die Füße

Die Weite und das Wetter sind die Herausforderungen beim Neusiedler-See-Umrunden.
Die Weite und das Wetter sind die Herausforderungen beim Neusiedler-See-Umrunden.(c) Maria Hollunder

24 Stunden unterwegs sein, vier Berge erklimmen, einen Steppensee umrunden – justament im kältesten Monat. Wer gern weit herum oder hoch hinauf unterwegs ist, scheut die großen Herausforderungen nicht.

Die einen schätzen die sportliche Herausforderung, die anderen nennen es „Pilgern“ und wandern aus spirituellen Gründen. „Verlorene Wette“ sagen jene, die von Spirituosen inspiriert losgehen. Die Gründe, weshalb Menschen heutzutage weite Strecken zu Fuß zurücklegen, sind vielfältig. Egal, was letztlich den Ausschlag gibt: Wer geht, kommt irgendwann an. Wer weiter geht, findet zwischen Blasenpflastern und Halluzinationen über Badewannen voller „Diana mit Menthol“ zu sich selbst. Denn wenn es so richtig anstrengend wird, bekommt man die Chance, über sich hinauszuwachsen. Die eigenen Grenzen zu überschreiten. Und zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

Also in der Theorie zumindest. Aus der Praxis wissen viele, dass es immer etwas dauert, bis sich dieses Hochgefühl einstellt. Es kommt meist erst dann, wenn die Muskeln nicht mehr hysterisch sind und Elektrolyte in flüssiger Form zugeführt wurden (Bier). Dann ist es dafür umso schöner und anhaltender. Dafür braucht es nicht gleich den Jakobsweg.
Österreich ist voll von Routen, Touren und Wanderevents, denen man sich anschließen kann. Dies hat den Vorteil, dass man in der Gruppe schwer verloren geht und immer Menschen um einen sind, die mit Motivation aushelfen. Vor allem für einen Extremmarsch, auf den man am besten schon diesen Herbst hintrainiert. Die Weitwander-Highlights fürs kommende Jahr stehen nämlich schon fest.

Der Urbane: 24 Stunden Megamarsch in Wien

Gleich heute, 5. Oktober, gibt es die erste Gelegenheit, etwas Kondition aufzubauen: Zum ersten Mal findet der 24-Stunden-Megamarsch in, um und durch Wien statt. Die Strecke beträgt 100 Kilometer. Dieses New Kid on the Wandereventkalender wird von „Megamarsch“ organisiert und ist nach 24-Stunden-Touren in unterschiedlichen deutschen Städten, auf Sylt und auf Mallorca die erste Langstreckenwanderung dieser Art in der Bundeshauptstadt. Gestartet wird das tagesfüllende Gehen am Rollerdamm in Floridsdorf, urban bis wienerwaldig verläuft die Strecke, manchmal marschiert man auch an der Donau entlang.

Für die relativ hohe Teilnahmegebühr von rund 75 Euro gibt's immerhin vier Verpflegungsstationen, Urkunden für 40, 60, 80 und 100 geschaffte Kilometer und für die Finisher eine Medaille obendrauf. Wer sich im Flachland zu Gipfelstürmen aufmachen will, macht sich schlau unter: www.megamarsch.de

 

Der Erste: Wörthersee Extrem – rund ums Wasser

72 Kilometer, einmal rund um den Wörthersee, 2000 Höhenmeter. Und das im Winter, genauer: am ersten Freitag im neuen Jahr. Das klingt verrückt, ist aber Absicht. Die Veranstalter haben den Termin ganz bewusst gewählt. Wenn nämlich andere ihre Neujahrsvorsätze längst schon wieder gebrochen haben, marschieren bis zu 350 Teilnehmer von Velden aus durch winterliche Verhältnisse und beginnen das Jahr damit mit einem Statement. Los geht es um Mitternacht im Kurpark, rund 16 Stunden später ist Zieleinmarsch. Entlang der Strecke gibt's zahlreiche Labestationen, sie führt gegen den Uhrzeigersinn auf der Strecke des Wörthersee-Ultra-Trail entlang. Wer es trotz der Witterung ins Ziel schafft, hat dann nicht nur sämtliche kulinarischen Feiertagssünden wieder verbrannt, sondern startet außerdem mit einer echten Meisterleistung ins neue Jahr. Zeitnehmung gibt es übrigens keine. Teilnehmergebühr: 49 Euro, Information und Anmeldung: www.wandern.woerthersee.com

 

Der Grenzgänger: 24-Stunden-Burgenland-Extrem-Tour

Wer seine Blasen bis zum 24. Jänner kuriert hat, kann gleich wieder die Wanderschuhe schnüren. Denn dann steigt die 24-Stunden-Burgenland-Extrem-Tour. „Unter diesen extremen Bedingungen Schritt für Schritt dem Ziel entgegenzugehen oder zu laufen, etwas zu schaffen, was einem andere auch nicht nur ansatzweise zugetraut hätten, das setzt Kräfte frei. Das stärkt und bestärkt das eigene Selbstbild. Man lernt sich und seine Grenzen neu kennen“, sagt Michael Oberhauser, einer der Organisatoren. Er muss es wissen, denn gemeinsam mit seinen Freunden Josef und Tobias umrundete er einst im Winter den Neusiedler See. Was aus einer privaten Laune heraus entstand, wurde zuerst ein kleines Event mit 60 Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Immer mehr Menschen fanden Gefallen an der Idee, 2020 geht die Veranstaltung bereits zum neunten Mal über die Bühne. Beziehungsweise rund um den See. 120 Kilometer, die zwischen Österreich und Ungarn verlaufen, gilt es zurückzulegen. Was dieser Tour de Force an Höhenmetern fehlt, legt sie in der Länge und Dauer drauf. Anfänger können sich aber auch auf die 80-, 60- oder 30-Kilometer-Distanz begeben. Ein Wettbewerb ist auch dieses Event nicht. Ankommen, das ist das Ziel. Startgebühr: 64 Euro, Info und Anmeldung: www.24stundenburgenland.com

Der Traditionelle: Vierbergelauf rund um St. Veit/Glan

Wenn einer von sich behaupten kann, legendär zu sein, dann ist das der Vierbergelauf in Kärnten. Immerhin wurde über ihn bereits 1500 n. Chr. berichtet. Jedes Jahr am zweiten Donnerstag nach Ostern, zu Neumond, ist um 23 Uhr Treffpunkt, um Mitternacht ist Abmarsch. Zwischen 3000 und 7000 Teilnehmer machen sich hinter den Kreuzträgern – denn auch die sind mit dabei – auf den Weg. Dieser führt auf die vier heiligen Keltenberge: Magdalensberg, Ulrichsberg, Veitsberg und Lorenziberg. Der Streckenverlauf zeichnet den Sonnenverlauf nach, einige Stellen des 52 Kilometer langen Weges werden traditionellerweise schweigend zurückgelegt. Ein Spaziergang sind die 1500 Höhenmeter nicht, ein Lauf aber auch nicht. In fast meditativem Wandertempo schreitet man dahin, immer dem Ziel – der Kirche am Lorenziberg – entgegen. Wer mitgehen möchte, wird gebeten, Zuckerln mitzubringen. Die werden während des Marsches an die Kinder am Wegesrand verteilt. Übrigens: Glaubt man der Legende, wird jeder, der den Vierbergemarsch dreimal absolviert hat, ins Paradies eingelassen. Wenn das nicht Motivation genug ist. Die Teilnahme ist gratis, eine Voranmeldung ist nicht notwendig. Info: www.vierbergelauf.info

Der Nachhaltige: Karwendelmarsch von Scharnitz nach Pertisau

1969 ging es zum ersten Mal organisierterweise die 52 Kilometer von Scharnitz nach Pertisau, mitten durch den Naturpark Karwendel. Nach 22 Jahren war dann Schluss. Ausgerechnet Umweltschutzgründe setzten dem Event ein jähes Ende. Sehr zum Bedauern aller, die einmal mit dabei waren – und das waren zu Rekordzeiten angeblich sogar bis zu 5000 Menschen. Nach langem Hin und Her feierte der Karwendelmarsch 2009 seine Wiederauferstehung. Immer am Samstag des letzten Augustwochenendes um sechs Uhr morgens geht es los – streng limitiert dürfen allerdings nur 2500 Teilnehmer an den Start. Der Karwendelmarsch ist jetzt nämlich eine Herzeigeveranstaltung und soll das Bewusstsein für den Naturpark Karwendel stärken. Entlang der Strecke gibt es zahlreiche Labestellen; ausgegeben werden ausschließlich Bioprodukte. Auch machen Infopoints am Wegesrand auf die landschaftlichen Besonderheiten aufmerksam. Da bleibt nur zu hoffen, dass die Starter nicht nur die eigene Bestzeit im Blick haben, sondern sich auch Zeit nehmen, all das zu genießen. Schließlich ist das Karwendel der größte Naturpark Österreichs. Da sollte der Weg das Ziel sein. Die Plätze sind streng limitiert, eine frühzeitige Anmeldung lohnt sich. Die Teilnahmegebühr beträgt 58 Euro, Anmeldung und Info: www.karwendelmarsch.info

 

vor, bei und nach dem wandern

> Vor dem Abmarsch genau über die benötigte Ausrüstung und Streckenbeschaffenheit informieren. Es bringt nichts, in schweren
Wanderschuhen loszulegen, wenn die Strecke ausnahmslos über Asphalt führt. Mit einer leichten Laufhose und dem Funktionsshirt wird man bei den Wintermärschen auch eher kein Leiberl haben.


> Schon vor der Wanderung neuralgische Stellen an den Füßen (Fersen, kleine Zehen, Innengewölbe) mit Sporttape abkleben.


> In zweilagige Trekkingsocken investieren; sie vermindern Reiben und Blasenbildung.


> Wer zuletzt auf der Sportwoche wandern war, sollte ernsthaft trainieren, bevor er sich an eine „Tour de Force“ wagt.


> Auf den Körper hören! Die Gesundheit ist wichtiger als eine Blechmedaille. Wenn es nicht mehr geht, geht man nicht mehr.


> Trinken, essen, trinken, essen, trinken . . . Anders
als im All-inclusive-Urlaub darf man das in diesem Fall mit gutem Gewissen. Wasser, Nüsse, Bananen sollten unbedingt ins Gepäck.


> Pausen machen, aber nicht zu lang. Sind die Muskeln erst einmal kalt, schmerzt jeder weitere Schritt dreifach.


> Franzbranntwein zum Einreiben, Dehnübungen und eine Massage nach dem Marsch vermindern Muskelkater.